Louis van Gaal ändert Hollands Spielsystem

Die taktische Todsünde

Viele Oranje-Fans sind empört. Die Niederlande tritt in Brasilien nicht im klassischen 4-3-3-System auf. Hinter der Umstellung steckt ein taktischer Kniff von Louis van Gaal.

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Bis zur WM waren es noch einige Tage, die Mannschaft hatte noch nicht einmal das Flugzeug Richtung Brasilien bestiegen, da kochte die holländische Fußballseele schon. Schuld war ein Testspiel gegen Wales, das die Niederlande zwar gewannen, beim 2:0 aber einen konfusen Eindruck hinterließen. »Ich plädiere dafür, vom neuen System abzusehen und unsere Identität zu behalten«, sagte Arie Haan. Hollands Vizeweltmeister von 1978 polterte weiter. Der niederländische Fußball sei seit 1974 für seine offensive Ausrichtung bekannt »und es ist eine Todsünde, dass dies nun, 40 Jahre später, zum Fenster rausgeworfen wird«.

Was Haan und vielen Fans in den Niederlanden bitter aufstößt, ist ein von Nationaltrainer Louis van Gaal vorgenommener Systemwechsel. Statt des für Holland üblichen 4-3-3 mit drei Angreifern lässt der ehemalige Coach des FC Bayern nun im 5-3-2 spielen. Oder wie van Gaal nur zu gern die Journalisten korrigiert: im 3-5-2. Über die genaue Bezeichnung lässt sich wohl streiten, sicher ist dagegen, dass Holland in der Neuauflage des WM-Finales von 2010 gegen Spanien auf sein bewährtes System verzichten wird. Zum Wohle der Mannschaft, wie van Gaal betont.

Nur vier Stammspieler verfügen über internationale Erfahrung

Es ist des Trainers charmante Art zu sagen, was in Holland niemand hören will: dass der Mannschaft die Qualität fehlt, um mit drei Angreifern zu spielen. Zur WM nach Brasilien schickt Holland ein Team der Namenlosen. Jasper Cillessen, Stefan de Vrij, Bruno Martins Indi, Daley Blind oder Daryl Janmaat sind alle unter 26 Jahre alt, talentiert, Stammspieler im Nationalteam und außerhalb der Niederlande kaum ein Begriff. Aus seiner Zeit beim FC Bayern ist bekannt, dass van Gaal gern jungen Talenten eine Chance gibt. Die aktuelle Mannschaft hat er scheinbar ausschließlich nach dieser Vorliebe zusammengestellt.

Nur Robin van Persie, Arjen Robben, Nigel de Jong und Wesley Schneijder verfügen aus der Startelf über internationale Erfahrung und Klasse. Gerade Robben, van Persie und Sneijder sollen für die genialen Momente sorgen, der Rest soll zuarbeiten.

»Van Gaal hat während der Qualifikation viel ausprobiert und den notwendigen Umbruch vollzogen«, sagt Vincent Okker vom Magazin »Voetbal International«. Das war notwendig, die EM 2012 endete unter Trainer Bert van Marwijk mit drei Niederlagen in drei Spielen. Van Gaals Umbaumaßnahmen zeigten sofort Wirkung, Holland blieb in zehn Qualifikationsspielen ungeschlagen. Weil die Gegner bei der WM aber nicht Estland, Ungarn oder Rumänien heißen, sondern Spanien, Chile und Australien, vertraut van Gaal dem noch während der Qualifikation gespielten 4-3-3-System nicht. »In der sehr schweren Gruppe geht es ihm zuerst darum, die Abwehr zu stärken«, sagt Okker. Für eine holländische Mannschaft sehr untypisch.

»Ohne Systemwechsel wäre für Sneijder wohl kein Platz gewesen«

Gerade gegen Spanien und Chile mit deren flinken Außenangreifern will van Gaal die Seiten durch Janmaat und wahrscheinlich Blind, der auch zentral spielen kann, absichern. Sie sollen sich bei gegnerischem Ballbesitz zurückziehen und zu Außenverteidigern werden, während de Vrij, Martins und Ron Vlaar zu dritt das Zentrum verdichten. »Ich glaube, dieses System ist momentan das beste für Holland«, sagt Okker. »Wir haben zurzeit einfach nicht so viele gute Spieler, dass sich die Gegner unserer Spielweise anpassen müssen.«

Das war vor wenigen Jahren noch anders. Aber da war Wesley Sneijder auch noch in Form. Inzwischen ist der ehemalige Champions-League-Sieger zu Galatasaray gewechselt und fiel in der türkischen Hauptstadt vor allem im Nachtleben auf. Auch zu seinen Gunsten wechselte van Gaal das System. Sneijder spielt nun deutlich hinter Robben und van Persie als klassischer Spielmacher, abgesichert wird er von Nigel de Jong und einem zweiten Sechser. Hollands bester defensiver Mittelfeldspieler Kevin Strootman fehlt in Brasilien verletzt. »Ohne Systemwechsel wäre für Sneijder wohl kein Platz mehr im Team gewesen«, sagt Okker. Und das hätte in den Niederlanden ähnliche Diskussionen verursacht wie jetzt die Abkehr vom 4-3-3.

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