Löws Taktik bewährt sich nicht

Hat das schon System?

Joachim Löws neue Taktik bewährt sich gegen Ghana nicht. Die Verbindung zwischen Defensive und Offensive fehlt. Anders als gegen Portugal gehen Löws Experimente nicht auf.

imago

Ganz am Ende, als die Szenerie immer wilder wurde, bewegte Joachim Löw sich nicht mehr. Der Bundestrainer stand an der Seitenlinie wie jemand, der nach einer langen Reise überlegen muss, ob er im Himmel oder in der Hölle angekommen ist. Vor seinen Augen tobte gerade ein chaotisches Hin und Her zwischen seiner Mannschaft und dem Team Ghanas. 2:2 stand es, doch in jeder Minute hätte ein Tor fallen können. Auf beiden Seiten.

Lässt Löw Harald-Juhnke-Fußball spielen?

Ein Spiel zwischen Lust und Hölle sei es für ihn gewesen, sagte Löw über den Schlussakt. Nach einer gespielten Stunde hatte die Hitze von Fortaleza auch den letzten Rest Taktik versenkt. Übrig blieb ein Alles-oder-Nichts-Fußball - »Barfuß oder Lackschuh«, wie einst Harald Juhnke sang: »Leg ich mir nen Frack zu, oder komm ich vor Gericht?« Vermutlich hätte es Löw am liebsten den drei Affen gleichgetan: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Seine Mannschaft erreichte er sowieso nicht mehr.

»Beide Mannschaften haben bedingungslos auf Sieg gespielt. Als Trainer hätte ich mir gewünscht, dass wir in einigen Situationen besser reagiert hätten«, sagte Löw, was die diplomatischste aller Umschreibungen war. Nach einer sortierten ersten Halbzeit verlor seine Mannschaft in den letzten zwanzig Minuten vollends die Kontrolle über ihre Spielweise. Nichts war mehr zu sehen vom mitreißenden Fußball, den sie fünf Tage zuvor gegen Portugal zeigte. Dieses Mal war sie es, die sich mitreißen ließ. Mitreißen von der aufreibenden Gangart der Ghanaer, die ein Spiel bis aufs Blut angekündigt hatten.

»Wir sind nicht zufrieden, das haben wir nicht gut gemacht«, sagte Philipp Lahm kleinlaut, der einen schlechten Tag erwischt hatte. Mit seinem Ballverlust bei eigenem Spielaufbau hatte er das zweite Gegentor zum 1:2 eingeleitet. »So etwas darf uns nicht passieren, wenn wir Weltmeister werden wollen«, sagte Mesut Özil. Weltmeister?

Eben noch Titelkandidat. Und jetzt?

Was soll man nun halten von den Deutschen? Eben noch Titelkandidat, dann der Rückfall in Muster, die man längst hinter sich geglaubt hatte: nach vorn nicht richtig zupackend und hinten Auflösungserscheinungen und Ohnmachtsfußball. Ist Löws neues System doch nicht so gut?

Vielleicht erzählt das Spiel auch die Geschichte, dass Innenverteidiger innen spielen sollten und nicht, wie es Löw gerade beim wichtigsten Turnier der Welt probiert, auf den Außen. Es ist ein Probieren im laufenden Wettbewerb. Bis zum Ghana-Spiel gab es zwei Testläufe. Das 6:1 gegen Armenien, bei dem diese aus vier Innenverteidigern zusammengeknotete Abwehrreihe ihre Premiere erlebte, fällt schon deshalb nicht ins Gewicht, weil der Gegner eben Armenien war. Das 4:0 zum WM-Auftakt wirkte stabil, weil a) die gesamte Mannschaft taktisch klug und leidenschaftlich verteidigte und sie b) vom Spielverlauf profitierte.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!