Löw spricht Jerome Boateng frei

Der Unschuldige ist unschuldig!

Kevin-Prince Boateng foult Michael Ballack aus der WM und sieht sich dem Volkszorn gegenüber. Sein Halbbruder Jerome hat damit im Grunde nichts zu tun. Joachim Löw betont das lieber noch mal – und erreicht das Gegenteil.  Löw spricht Jerome Boateng frei »Ich habe ihm gesagt, dass wir absolut vorbehaltlos zu ihm stehen.« Markige Worte, die Bundestrainer Joachim Löw da gestern zu Protokoll gab. Worte, die entweder in einem Schützengraben fallen, bei den Nibelungen – oder eben kurz vor einer Fußballweltmeisterschaft.

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Wem galten sie wohl? Etwa Abwehrchef Per Mertesacker nach seiner schlaffen Leistung im DFB-Pokalfinale? Miroslav Klose, der in der zurückliegenden Spielzeit mickrige drei Treffer zu Wege gebracht hat und trotzdem im Sturm gesetzt sein soll? Weder noch, liebe Tippgemeinschaft.

Kleiner Hinweis: Es ging um ein Foul am vergangenen Wochenende. Dämmert's? Nein, Jogi bezog sich auch nicht darauf, dass Michael Ballack nach ausgeheiltem Bänderriss seinen Stammplatz zurückbekommen wird. Nicht mal sein mutmaßlicher Stellvertreter Sami Khedira war gemeint. Genauso wenig Schiedsrichter Christopher Foy, der für das Foul am Capitano nur Gelb zückte. Und schließlich war es auch keine verbrämte diplomatische Adresse an den Übeltäter selbst, Kevin-Prince Boateng. Immerhin stünde eine solche noch in einem – wenn auch losen – Zusammenhang mit den Geschehnissen im FA-Cup-Finale.

Anders jedenfalls als das, was Löw wirklich meinte. Halten Sie sich fest, wir lösen das jetzt mal auf. Er richtete sein Treuebekenntnis an: Jerome Boateng.

Zufällig der Halbbruder des Delinquenten

Notieren wir vorab: Der Junge hat mit der Verletzung nichts zu tun. Gar nichts. Überhaupt nichts. Er war noch nicht einmal in dem Land, in dem sie sich ereignete. Er ist nur zufällig der Halbbruder des Delinquenten. Und auch als solcher wird er nicht mehr getan haben, als das Spiel zwischen Chelsea und Portsmouth am Fernseher zu verfolgen. Damit hat er sich wohl kaum das vorbehaltlose Hinterihmstehen des Bundestrainers verscherzt. Löw selbst fügte ja hinzu: »Er ist zwar Familienmitglied, aber völlig unbeteiligt.«  

Aber warum dann dieser ostentative Freispruch? Der Freispruch eines Unschuldigen? Genauso könnte Löw in die nächstgelegene Fußgängerzone gehen, sich einen Opa ausgucken und ihm aus dem Stand versichern: »Wir stehen vorbehaltlos zu Ihnen, mein Herr.« Der Opa würde nicht wissen, wovon der Bundestrainer redet. »Na, das Foul! Ich wollte nur sagen, dass ich weiß, dass Sie keine Schuld tragen!« Der Opa würde weggehen und gegebenenfalls die Wohnungstür zweimal hinter sich abschließen. 

Jerome Boateng indes kann nicht fliehen. Er muss den Schutzmantel des Bundestrainers über sich breiten lassen, der das Gegenteil seines Zwecks bewirkt: Plötzlich schauen alle auf ihn. Ah, ja! Der Bruder! Ein Boateng! Sippenhaft, schreit der Pöbel – und wenn nicht das, dann soll er seinen Halbbruder wenigstens ordentlich umtreten, um zu zeigen, auf wessen Seite er wirklich steht.

Boateng, der Gute, gegen Boateng, den Bösen  

Die Kriegsberichterstatter von BILD, Express und RTL greifen den Volkszorn gern auf und potenzieren ihn. Seriöse Medien treffen zwar einen gemäßigteren Ton, doch auch sie hieven den Ballack-Ausfall in den Rang einer nationalen Katastrophe, indem sie ihr reguläres Programm für Sondersendungen über einen Knöchel unterbrechen. Und auch sie werden sich in der Vorberichterstattung zum Spiel Deutschland gegen Ghana in Kaskaden von Superzeitlupen und verschwörerischen Off-Stimmen ergehen, die uns suggerieren sollen: Heute ist der Tag der Abrechnung. Boateng, der Gute, gegen Boateng, den Bösen. Abel gegen Kain.  

Irgendwo in diesen komplizierten Familienverhältnissen hat auch der Bundestrainer offenbar den Überblick verloren: Jerome spielt für Deutschland, Ballack nicht mehr, weil verletzt von Kevin-Prince, der spielt für Ghana, weil er, Löw, ihn nicht haben wollte, und Ghana trifft in der Vorrunde auf Deutschland, also Jerome und ihn, den Bundestrainer.

Was soll er dazu bloß sagen? Da entfährt ihm schon ein zuckender Reflex, er will streicheln und merkt nicht, dass er dabei eine Axt in der Hand hält. »Ich habe ihm gesagt, dass wir absolut vorbehaltlos zu ihm stehen.«

Deeskalation ist in einem derart aufgeheizten Szenario eine zentrale Aufgabe des Bundestrainers. Beruhigen, versöhnen, Schlusstriche ziehen. Doch dass Löw jemanden freispricht, den zuvor ja gar niemand beschuldigt hat, lässt ihn unangenehm nervös erscheinen. Er traut dem Mob und dem Boulevard offenbar alles zu. Und sei es Lynchjustiz an einem Unbeteiligten. Viel »Spaß« bei der WM.

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