Löw opfert den Erlebnisfußball - mit Erfolg

Humorlose Höwedesierung

Lange stellte Joachim Löw seine Philosophie über alles andere. Nun opfert der Bundestrainer Erlebnis- für Ergebnisfußball. Die Mannschaft spielt wie 2002 - als sie zuletzt ins Finale einzog.

imago

Als in der vierten Minute der Nachspielzeit der rechte Arm von Manuel Neuer herausschnellte wie die Schleuderzunge eines Chamäleons, war auch der letzte Schuss der Franzosen abgewehrt. Und so langte der deutschen Elf am Ende ein Standardtor von Mats Hummels für den Einzug ins WM-Halbfinale. Sie tat es nicht, wie sich viele gewünscht hatten, mit atemraubenden Kombinationsfußball, sondern durch schnörkellosen Zweckfußball. Man könnte auch sagen: Humorloser geht es kaum.

Neuers Arm hält den Traum am Leben

Diese Schlussszene vom Viertelfinale in Rio de Janeiro erzählt weit mehr als das abermalige Vorstoßen einer deutschen Mannschaft in die Runde der letzten vier, was die halbe Nation in Taumel versetzt. Es erzählt auch die Geschichte von der nationalen Panik, die herrschte, als Manuel Neuer nach dem Pokalfinale zwei Wochen lang seinen rechten Arm nicht heben konnte. Und nun hält dieser Arm den deutschen Traum am Leben.

Die Geschichte dahinter ist vielleicht die von der wundersamen Wandlung des Herrn Löw weg vom Erlebnisfußball-Trainer hin zum Ergebnisfußball-Trainer. Und das entgegen seiner jahrelang gelebten Überzeugung, wonach man letztlich nur mit Hochkultur erfolgreich sein könne. Löw hielt das Schöne am Spiel selbst nach schmerzlichen Niederlagen bei vergangenen Turnieren als Ideal hoch. Seine Spielphilosophie vom offensiven Fußball stellte er über jede andere Art von Fußball. Umso verräterischer waren seine Konsequenzen.

Das alles hat recht wenig zu tun mit dem Hurrastil, mit dem Löws Team noch durch die WM vor vier Jahren rauschte, der die halbe Welt begeisterte, aber im entscheidenden Spiel, dem Halbfinale gegen Spanien, an seine Grenzen stieß. Die Auftritte in Brasilien erinnern vielmehr an jene der WM 2002, als die deutsche Mannschaft nach drei schmucklosen 1:0-Siegen in der K.-o.-Phase plötzlich im Finale stand. Selbst dass sie dort - gegen Brasilien - ihr bestes und fußballerisch anspruchsvollstes Spiel bot und verlor, passt irgendwie ins Bild.

Wo ist eigentlich »Götzinho«?

Nun kommt es am kommenden Dienstag erneut zu diesem Duell mit dem Rekordweltmeister und WM-Gastgeber, gegen den Löws Mannschaft zuletzt vor zwei Jahren in Stuttgart spielte - und 3:2 gewann. Das allerdings mit einem Fußball, der so leicht und kreativ war, dass selbst die Erfinder dieser Spielweise, die Brasilianer, staunten. Allein das Tor von Mario Götze zum zwischenzeitlichen 3:1 brachte dem Jüngling den Beinamen Götzinho ein. Bei dieser WM aber werden solche Spieler förmlich verschluckt.

Selbst Brasilien spielt längst nicht mehr diesen künstlerischen, fast schon artistisch anmutenden Fußball von einst. Genauso wenig wie die Deutschen. Es kommt nicht von ungefähr, dass beide ausschließlich dank Standardtoren ihre Viertelfinalspiele gewannen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!