Liechtensteins Coach im Interview

»Was wollen wir überhaupt?«

Am Samstag tritt die deutsche Mannschaft in ihrem ersten WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein an. Wir sprachen mit dem dortigen Nationaltrainer Zaugg über ein Leben als Fußballzwerg und den Traum von sieben Punkten.  Liechtensteins Coach im InterviewImago Herr Zaugg, träumt man als Trainer eines »Fußballzwergs« vor einem Spiel wie gegen Deutschland von der großen Sensation oder gibt man sich solchen Spinnereien erst gar nicht hin?

Man hat diese Hoffnung. Aber natürlich müssen wir realistisch sein. Wir spielen gegen den Vize-Europameister. Für mich ist schon ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen, als uns in Durban Deutschland in der WM-Qualifikation zugelost worden ist.

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Warum gerade Deutschland?


Ich war schon als kleiner Junge Fan der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und bin es immer noch. Während der EM war ich einer der wenigen Schweizer, die sich nicht über eine deutsche Niederlage freuten.

Dann stecken Sie ja in einer richtigen Zwickmühle, wenn Sie jetzt mit Ihrem Team gegen die DFB-Elf antreten müssen.

(Lacht) Nein, ich hoffe natürlich auf ein gutes Spiel meiner Mannschaft und werde selber dafür alles tun. Vielleicht kann ich mit einem guten Resultat auch auf mich als Trainer aufmerksam machen. Es wäre für mich ein Traum, einmal in Deutschland, in diesem Fußballland, eine Mannschaft zu trainieren. Es muss nicht einmal die 1. Bundesliga sein. Auch ein ambitionierter Verein aus der 2. oder 3. Liga wäre interessant.

Woher kommt die Schwäche für den deutschen Fußball?

In meiner Kindheit steckte das Schweizer Fernsehen noch im Anfangsstadium. Wenn man Fußball sehen wollte, musste man auf ARD und ZDF umschalten. Und weil ich sehr gerne Fußball sah, hoffte ich immer, dass die deutschen Teams in den internationalen Wettbewerben möglichst weit kommen würden, damit ARD und ZDF die Spiele übertragen. Später bin ich mit Freunden immer wieder mal von Bern nach Deutschland getrampt, um Bundesligapartien im Stadion zu sehen. Der 1. FC Köln war meine Mannschaft und Wolfgang Overath mein Spieler.

Die DFB-Elf stand bei der EM zwar im Finale, hat aber in spielerischer Hinsicht nicht überzeugen können.

Ich war bei allen sechs deutschen Partien im Stadion. Mich hat die Mannschaft nicht enttäuscht. Es war nicht berauschend, sondern solide, was die Deutschen gezeigt haben. Alles in allem haben sie einen guten, die Spanier aber einen sehr guten Fußball gespielt.
Gegen den späteren Europameister hat Liechtenstein in der EM-Qualifikation zuhause 0:2 verloren – ein achtbares Ergebnis. Man muss so ehrlich sein und sagen, dass die Niederlage deutlich höher hätte ausfallen können. Es ist häufig so, dass die Topteams gegen uns nicht 90 Minuten lang alles geben. Und auch die Spanier haben nach der 2:0-Führung nicht mit letzter Konsequenz weitergemacht. Aber was sie spielerisch gezeigt haben, war phantastisch. Irgendwann habe ich zu meinem Assistenztrainer gesagt: Schau dir an, wie die spielen. Unsere Leute rennen und rennen, kommen aber einfach nicht mehr an den Ball. Es war Anschauungsunterricht.

Den bekommen Sie und Ihre Spieler bei fast jeder Partie geliefert. Wie motiviert man sich trotz der vielen Niederlagen immer wieder aufs Neue?

Manchmal erstaunt es mich selber, mit welchem Engagement meine Leute an die Sache rangehen. Die Stimmung in der Mannschaft ist hervorragend. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir ja nicht Woche für Woche verlieren, sondern nur vier-, fünfmal in einem Jahr. Meine Spieler kommen in den Klubmannschaften zu ihren Erfolgserlebnissen. Und außerdem gewinnen sie mit der Nationalmannschaft auch hin und wieder.

Zum Beispiel gegen Lettland, 2004 immerhin EM-Teilnehmer.

Die Letten haben uns unterschätzt, und wir haben einen sehr guten Tag erwischt. Die dachten, sie müssten hier nur die Punkte abholen.

Ihr Team erkämpfte sich in der Qualifikation für die EM 2008 immerhin sieben Punkte. Ist das auch das Ziel für die WM-Qualifikation?


Sieben Punkte – das wäre ein sehr gutes Ergebnis. Aber ich befürchte, dass es schwierig wird, dieses Ergebnis zu wiederholen. Wir spielen in einer guten Gruppe. Deutschland und Russland sind zwei europäische Topnationen. Die Finnen haben auch eine sehr gute Mannschaft. Wales macht sich sogar Hoffnungen auf Platz zwei. Und Aserbaidschan sagt sich, wir müssen wenigstens Liechtenstein schlagen.

Wieder einmal keine guten Aussichten…

Ja. Manchmal ist es schon hart, wenn du vor einem Länderspiel auf das Matchblatt schaust, die Aufstellung des Gegners siehst und dich dann fragst: was wollen wir gegen die überhaupt? Ich kann mich an die Partie gegen Schweden erinnern. Mario Frick, mein wichtigster Mann, der beim AC Siena in der italienischen Serie A spielt, hat in diesem Match bei weitem nicht das gezeigt, was ich von ihm erwarten kann. Ich habe ihn nach dem Spiel gefragt, was denn los gewesen sei. »Trainer«, sagte Mario, »gegen die Schweden hatten wir heute sowieso keine Chance. Aber in vier Tagen gegen Island könnte etwas gehen.« Und tatsächlich haben wir nach der 0:3-Niederlage gegen Schweden die Isländer 3:0 geschlagen.

Sie sind als Trainer mit dem Grasshopper Club Zürich Schweizer Meister geworden und haben auch bei Young Boys Bern erfolgreich gearbeitet. Was hat Sie geritten, den Job in Liechtenstein anzunehmen?

Als die Anfrage kam, war ich Sportdirektor bei Xamax Neuchatel. Der Job machte mir Spaß, ich merkte jedoch, dass ich noch lieber Trainer bin. Trainer ja, aber ausgerechnet in Liechtenstein, wo du weißt, dass du fast jedes Spiel verlierst? Das war mein erster Gedanke. In den Gesprächen stellte sich heraus, dass der Verband nicht nur einen Nationaltrainer suchte, sondern auch jemanden, der die Nachwuchsarbeit koordiniert und forciert. In dieser Kombination war und ist der Job für mich sehr interessant.

Das Fürstentum hat gerade einmal 35.000 Einwohner, das Reservoir an Nachwuchsspielern ist sehr begrenzt.

Das macht unter anderem den Reiz der Aufgabe aus. Mit einer optimalen Förderung müsste es möglich sein, 15 bis 20 Profispieler heranzubilden. Momentan gibt es in Liechtenstein nur neun. Erst wenn wir mit Profis gegen Profis antreten, haben wir reelle Chancen. Ich denke, wir sind dabei auf einem ganz guten Weg. Wir haben von der U-13 bis U-18 fünf Verbandsmannschaften, die als Team Liechtenstein in den jeweils höchsten Schweizer Jugend-Ligen spielen. Dort werden die Talente gefordert und können sich weiterentwickeln.

Liechtenstein ist reich. Das nötige Geld für eine intensive Nachwuchsarbeit dürfte vorhanden sein.


Der Verband steht finanziell gut da. Wenn man ein Projekt startet, muss man nicht um jeden Franken kämpfen. Das ist in der Tat angenehm.

Die 1. Mannschaft des FC Vaduz spielt seit dieser Saison ebenfalls in der höchsten Schweizer Spielklasse – ein wichtiger Schritt für den Profifußball im Fürstentum?

Zweifelsohne. Allerdings sind nur drei Liechtensteiner im Kader. Es wäre wünschenswert, wenn es mehr wären. Auch damit die Identifikation der Fußball-Fans mit dem FC Vaduz steigen würde.

Welche Rolle spielt der Fußball denn in Liechtenstein?


Abgesehen vom alpinen Skirennlauf ist Fußball hier die Sportart schlechthin. Aber trotzdem gibt es nur sieben Vereine. Liechtenstein ist nun einmal ein sehr kleines Land.

Deutschland hat 80 Millionen Einwohner und eine große Fußballtradition. Der Kampf David gegen Goliath muss die Liechtensteiner Fußball-Fans mobilisieren.


Die Begeisterung ist groß, dass die Deutschen kommen. Vor dem Start einer jeden EM- oder WM-Qualifikation werden Dauerkarten für sämtliche Heimspiele angeboten. Für diese WM-Qualifikation mit Deutschland als Zugpferd sind über 2500 dieser Dauerkarten verkauft worden. Das ist fünfmal soviel wie sonst. Die restlichen freien Tickets für das Deutschland-Spiel waren innerhalb von acht Minuten weg. So etwas hat es in Liechtenstein noch nicht gegeben.

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