Lexikon der ausgestorbenen Fußballbegriffe

Pausentee und Pferdelunge

Es gab Zeiten, da erquickten sich Fußball-Experten daran, wie filigran ein Spieler das »Spielgerät« am Fuß führen konnte. Sie redeten von »Entmüdungsbecken« und »Übungsleitern«. Lest hier, was sie meinten. Lexikon der ausgestorbenen Fußballbegriffe

Agile, der
Zuletzt gehört im Zusammenhang mit dem Mannheimer Dauerläufer Dimitrios Tsionanis. Der zeichnete sich durch so ziemlich nichts anderes aus, als eben »agil« zu sein. Das war nachfolgenden Generationen zu wenig, sie setzten sich mit den Möglichkeiten auseinander, die sich auftun, wenn man den Ball in sein Spiel einbezieht. So verschwand auch der Titel »der Agile« aus dem Wortschatz der Sportberichterstattung. Ohnehin passte er in seinem Ilias-haften Sound zu niemandem so gut wie zu dem griechischen Hermes vom Waldhof.

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Aluminium, das
Eifrige Reporter, die nicht Ball sondern »Leder«, die nicht Schiedsrichter sondern »Mann in Schwarz« sagen, bezeichnen Latte und Pfosten als Aluminium. Zurecht fragt man sich: Wieso? Soll aus der reinen Benennung des Gesehenen eine haptische Erfahrung für den Zuschauer werden, eine Textur-Vorstellung, die einem die schönste Gänsehaut seit dem Elfmetertor von Andi Brehme in Rom 1990 beschert? Oder möchte der Reporter älteren Zuschauern erklären, dass mittlerweile nicht mehr auf Holztore geschossen wird, zugleich er jüngeren Zuschauern vermittelt, dass es sich hier nicht um einen Freizeitkick im Park handelt, bei dem auf Rucksäcke oder gar auf Stöckchen geschossen wird, sondern um ein brisantes Profispiel, um Männer-Fußball, der hart wie Stahl ist?

Anspielstation, die
Klingt nach 70er-Jahre-Standfußball und passt daher nicht mehr zu einem Sportart, in dem Spieler wie Franck Ribéry oder Chinedu Obasi mit 200 Stundenkilometern über den Rasen jagen. Kulturhistorisch nicht verifiziert, stammt das Wort wohl aus einer Zeit, in der Spieler ihren Aktionsradius auf etwa drei Quadratmetern reduzierten. Pallim, nächste Station: Günter Netzer. Der Ball trudelt ein. Pallim, nächste Station: Gerd Müller. Und irgendwann trotteten aus dem Schatten der Flutlichtanlage tatsächlich Ata Lameck oder Matthias Herget und stellten sich neben die nächste oder übernächste Station, bereit, den rasanten Fluss der Stationen ein für allemal zu durchbrechen. Pallim.

»Durch die Hosenträger«
Kann zunächst als pfiffiges – wo wir schon bei Anachronismen sind, hier ein wunderschön veraltetes Adjektiv – Wortspiel verstanden werden: Der Ball geht durch die Beine, die die Hosen tragen. Bela Rethy vertrat indes die These, dass die Hosenträger tatsächlich diese elastischen Gummidinger sind, die man mit einem metallenen Schnappverschluss an der Hose befestigt und sie über die Schultern spannt. Er erkannte also eine Widersprüchlichkeit und kräht seither bei Tunneln oder Schüssen, die dem Torhüter nah am Unterkörper durchrutschen: »Durch die Unterhose! Durch die Unterhose!«

Entmüdungsbecken, das
Der Ort, wo erschöpfte Helden gern mal den Schniedel in der lauen Strömung baumeln ließen – und auch keine Scheu zeigten, wenn das Kamerateam von »ranissimo« spontan draufhielt. In Zeiten der verwissenschaftlichen Spielnachbereitung ist das Entmüdungsbecken jedoch anscheinend aus der Mode gekommen, zu groß ist die Gefahr, dass angerissene Sehnen u. a. durch Wärmezufuhr ins Überdimensionale anschwellen.

Geläuf, das
Häufig verwendet von Reportern, die eigentlich aus Sportarten kommen, die mit Pferden zu tun haben (Military, Dressurreiten, Springreiten, Pferdewetten) und die scheinbar irgendwann eine Gemeinsamkeit mit dem Fußball entdeckt haben. So sehr man ihnen diesen Gedanken auch auszureden versuchte, sie hielten an den Begrifflichkeiten fest. Lange. Erst seit 2007 publik wurde, dass im Reitsport gedopt wird wie sonst nur im Radsport, verschwanden einige seltsame Analogien, lediglich das Wort »Geläuf« konnte überleben, wie ein Rudiment, das allen Reformen die kalte Schulter zeigt und sämtliche Reportergenerationen seit Harry Valerien in Atem hält.

»Himmel, Herrgott, Sakrament!«
Nicht fußballspezifisch, doch in Zeiten, als beim Bayrischen Rundfunk noch mehr Leute Oberlippenbart trugen als Lederhosen, war dies ein geläufiger Ausdruck großer Unzufriedenheit bei Live-Übertragungen. Heute wird der Fluch nur noch selten über den Äther geschmettert, allenfalls im tiefsten Bayern, in den Sportredaktionen der Lokalsender, die live und in Farbe aus der Bayernliga senden, hört man das Echo noch Tage später in den Bergen – als zweites folgt stets der Klang einer auf den Holztisch niederschmetternden Faust. Übrigens haben natürlich auch andere Regionen in Deutschland ein buntes Schimpftiradenpotpourri. Besonders schön: »Teufel nochmal!«, »Himmel, Herrgott nochmal!«, »Ach, du grüne Neune!« und »Heiliger Strohsack!«.

kaltstellen
Dieses Wort tat seinen letzten Atemzug, als Jürgen Kohler 2002 seine Karriere beendete und damit der letzte Manndecker alter Schule abtrat. Im UEFA-Cup-Finale BVB gegen Rotterdam versuchte er noch einmal auf seine unnachahmliche Weise, jemanden »kaltzustellen«. Das misslang, Kohler sah Rot. Ein bitteres Ende für ihn und sein Lieblingsverb. Dieter Schlindwein, Uli Borowka und Helmut Rahner schickten noch von der Fernsehcouch Kondolenz-Telegramme. Einzig Marco van Basten, Kohlers Erz-Kontrahent, aß vor Freude eine ganze Packung »Dickmann's«.

Leder, das
Völlig irreführend in der heutigen Welt, die zu 90 Prozent aus Plastik oder Gummi besteht. Doch emsige ZDF- und ARD-Koryphäen wollen nicht ablassen von der guten alten Leder-Welt. Wir warten sehnlichst auf den Reporter, der ins Mikrofon säuselt: »Ribery zuckert den Kunststoffballon auf Toni.« Oder: »Eduardo hämmert den vollsynthetischen Ikosaeder in die Maschen.«

Pausentee, der
Wie der wohl schmeckt?, fragte kürzlich und zurecht ein Fan im Berliner Olympiastadion. Im Zeitalter der Isotonik und Pulver, der Latte Macchiatos und Galaos erscheint Tee sowieso wie ein Getränk aus dem Mittelalter – Ausnahme: jegliche Form von Tee mit Chai- oder Zimt-Aroma. Schwarzer Tee, Hagebutten- oder Fenchel-Tee wird allenfalls noch in der Kreisliga B als Alternative zur Schultheiss-Knolle in die Tasche gesteckt, in der eigentlich auch mal das Verbandszeug lag. In der Berichterstattung professioneller Fußballspiele vermittelt das Wort »Pausentee« indes eine »Elf Freunde müsst ihr sein«-Romantik, in der sich die Spieler als beste Freunde in der Umkleidekabine treffen, schwatzend Arm in Arm gemeinsam einen Pfefferminztee brühen, dabei den Leitartikel der »Zeit« diskutieren und sich für eine Partie »Mensch, ärgere dich nicht« nach dem Spiel verabreden.

Pferdelunge, die
Die Kondition, die Hacki Wimmer bewies, indem er für Gladbachs fußfaulen Zampano Günter Netzer mitlief, kam vielen unmenschlich vor, weshalb das Pferd als Referenzgröße herhalten musste. Ob es auch eine Frettchen-, eine Dackel- oder sogar eine Zeisiglunge gab, ist indes nicht überliefert. Wie dem auch sei: Heute wird Kondition in anderen Parametern gemessen und oftmals auf die schnöde Zahl der gelaufenen Kilometer zurückgekürzt, das Tierreich spielt da nur noch eine untergeordnete Rolle (vgl. auch »Schuss wie ein Pferd«, »Kraft wie ein Stier«, »Bulle« Roth).

Rund, das
Ein Wort, das im Fußballkontext nur selten hielt, was es versprach. Suggerierte es malerische Horizonte, Postkartenidylle und Sonnenuntergangsromantik, verwendeten es Experten zumeist dort, wo die Satellitenstadtästhetik der 70er-Jahre-Betonstadien auf ihre riesigen Tartanbahnen traf. Selbst mit dem vorgestellten Adjektiv »weit« konnte nichts schöngeredet werden: Die 8000 Fans, die im Dezember 1991 der Partie HSV gegen Wattenscheid im »weiten Rund« des 61.000 Zuschauer fassenden Volksparkstadions beiwohnten, schlossen jedenfalls nur allzu gerne die Augen und träumten davon, im engen Rechteck von Highbury oder in Dortmund zu stehen.  

Spielgerät, das
Ein Wort, das einer Zeit entstammt, in der Spieler in »bestimmtes Spielmaterial« und »Abteilungen« (Offensiv- bzw. Defensivabteilung) rubriziert wurden. In den 60er Jahren formierte sich tatsächlich ein Widerstand gegen solcherlei Begrifflichkeiten: Adornos Schüler ließen verlauten, dass der Spieler als »Spielermaterial« nichts weiter sei als der Arbeiter am Fließband, von dem man nichts anderes erwarte, als dass er funktioniere, um den Profit zu maximieren. »Spielgerät« ist dieser Dialektik folgend also die Antithese dazu, dass Fußball im weiten Rund gespielt wird und die Spieler ihren Pausentee im Kollektiv einnehmen.

Übungsleiter, der
Der Übungsleiter kennt keine Laktattests, kein Aus- oder Einlaufen, keinen Trainerstab oder Computertomographien und keine Zerrungen oder Bänderrisse (Werner Lorant: »Ich wechsle nur aus, wenn sich einer ein Bein bricht«). Wissenschaftliche Erkenntnisse und ausgetüftelte Referate von Medizinern werden mit einem trockenen »Bla, bla« und der passenden Handbewegung quittiert, bevor es wieder in die Geräteraum zu den Medizinbällen, in den Keller zur Muckipumpen oder auf den Platz zum Waldlauf ohne Wald geht. Geredet wird eher wenig – Werner Lorants Credo folgend: »Was soll ich mit den Spielern reden, ich bin doch kein Pfarrer« –, geschrien dafür umso häufiger: »Spieler, seht ihr den Baum da hinten? Hinlaufen!« (Karl-Heinz Feldkamp). Zumeist wird das Gezeter mit einem kehligen »Dalli, dalli!« ergänzt. Wer die beiden »Dallis« nicht hört oder anderes zur Unzufriedenheit des Übungsleiters tut, bekommt weitere Übungen aufgebrummt. Und wenn es tatsächlich jemand wagt, ihm, dem Übungsleiter, dem Herrscher der Medizinbälle zu erklären, dass es in der örtlichen Bibliothek ein Buch über Trainingslehre gibt, wird er mit den Worten Rocko Schamonis hochkant aus der Mannschaft geworfen: »Tradition ist der Fortschritt, der sich bewährt hat.«

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