Lemberg nach acht Tagen EM

Und zurück bleibt ein Geist

Acht Tage lang hat Lemberg die Europameisterschaft beherbergt. Doch die ist wie ein Raumschiff wieder verschwunden. Jetzt hofft die Stadt, dass sie den Platz behält, den ihr die Besucher geschenkt haben: mitten in Europa.

Als die EM nach Lemberg kam, hat Melania sich die Fingernägel orange lackiert. »Das hat nichts mit Julia Timoschenko und so zu tun. Orange stand für mein Lebensgefühl, ich war so aufgekratzt und voller Vorfreude, wir alle hatten der EM so lange entgegengefiebert, und jetzt endlich war sie da!« Am Tag nach dem letzten EM-Spiel in Lemberg trug sie Dunkelblau auf. Melania sagt: »Ich fühle mich wie das Meer, weit und offen, aber es ist auch eine riesige Leere in mir.«

An diesem Tag ist Melania Podolyak auch wieder ins Café Kredens gegangen. Ein paar Straßen hinter dem Rathaus, wo sie in den vergangenen Wochen gearbeitet hat, freiwillig und ohne Bezahlung, als Volunteer im Dienste der Stadt Lemberg. Das internationale Stimmengewirr geht ihr bis heute nicht aus dem Kopf. Vorne saßen die Portugiesen, wie immer unter sich, daneben die Dänen, aber die meisten Plätze besetzten die deutschen Touristen.

Am Tag danach war das Café Kredens absolut leer.

Melania hat sich allein auf ihren Stammplatz gesetzt, den mit orangenem Chintz überzogenen Sessel, »und in diesem Augenblick wurde mir klar, dass es vorbei ist. Für immer. Und dass diese schöne Zeit nie wieder zurückkommen wird.« Der Tag danach war der vergangene Montag. Der Morgen nach dem deutschen 2:1-Sieg über Dänemark, Melania hat ihn mit ihren neuen deutschen Freunden gefeiert, aber sie war auch ein bisschen traurig, weil die netten Dänen jetzt nach Hause fahren mussten. Und weil auch alle anderen sich verabschiedeten. Die feierlustigen Deutschen, die introvertierten Portugiesen und all die anderen Touristen der Europameisterschaft, die sich eine Woche lang in Lemberg breitgemacht hatten.

Acht Tage lang war die Europameisterschaft zu Gast in der westlichsten Stadt der Ukraine. Am Rynek, dem alten Marktplatz mit dem hochherrschaftlichen Rathaus, flanierte die bessere Gesellschaft und begutachtete diese seltsame Spezies, erwachsene Menschen in bunten Leibchen, Fahnen schwenkend und Lieder singend. Über die Fanzone am Swobody-Prospekt, dem Freiheitsboulevard, wummerten bis tief in die Nacht die Bässe. So laut und so lange, dass der Nationaldichter Taras Schewtschenko auf seinem Denkmal vibrierte und die vornehme Kundschaft im Grand Hotel kein Auge zubekam. Melania weiß noch, wie sie nach dem Spiel der Deutschen gegen Portugal nach Hause spaziert ist, mit deutschen Fans und portugiesischen und reichlich Ukrainern, »alle waren so nett zueinander und haben gesungen, es war eine fantastische Atmosphäre«.

Melania erzählt, dass sie früher nie so gerne ins Stadion gegangen ist, denn die ukrainischen Fußballfans genießen einen zweifelhaften Ruf. »Wenn ihre Mannschaft verloren hat, dann betrinken sie sich schon mal, und es gibt richtig Ärger. Bei der EM war alles ganz anders. Es war einfach nur ein friedliches Fest.« Alles vorbei. Lemberg durchleidet gerade, was auch Charkiw, Breslau und Posen, was auch die gastgebenden Mannschaften aus Polen und der Ukraine durchleiden. Nach drei Spielen in der Vorrunde geht die EM ohne sie weiter. Sie alle sind nur noch Gäste bei der eigenen Party. Die Bühne gehört jetzt anderen. Das Raumschiff namens Europameisterschaft hat Lemberg über Nacht verlassen, und die Leere ist überall zu spüren.

Tagsüber versperren Gitterzäune den Zugang zur Fanzone auf dem zentralen Boulevard der Stadt. Der Balkon gegenüber vom Rathaus, wo sich deutsche Fans eingemietet und die Brüstung mit schwarz-rot-goldenen Fahnen geschmückt hatten: verwaist. Lemberg ist immer noch eine freundliche und geschäftige Stadt. Die Hotels sind gut gebucht, aber die Gäste deutlich älter und gesetzter als noch vor einer Woche. Niemand läuft mehr mit Fahnen und in Fußballtrikots über den Rynek. Der fröhlich-anarchische Geist hat sich verflüchtigt.

Wirklich alles vorbei?

»Das ist der optische Eindruck«, sagt Melania. »Aber reden Sie mal mit den Leuten, und Sie werden merken, wie sich die Stimmung verändert hat. Lemberg ist nicht mehr die selbe Stadt. Wir alle haben profitiert von den Fußballfans, vom dem Geist, den sie hier hergetragen haben. Jetzt kommt es darauf an, was wir daraus machen!« Melania Podolyak wird bald 17 und will später mal in Deutschland studieren. Sie hat während der EM-Tage an ihren Sprachkenntnissen gearbeitet und dabei ein neues Wort gelernt: Nachhaltigkeit. Die EM ist vorbei, aber irgendwie ist sie auch nicht vorbei, »sie darf nicht vorbei sein«, sagt Melania. »So viele Gäste haben mir erzählt, dass ihnen jetzt erst klar geworden ist, dass die Ukraine zu Europa gehört. Dass wir kein Teil von Russland sind. Ich glaube, fast allen hat es während der EM in Lemberg sehr gut gefallen. Aber was nutzt das alles, wenn sich danach niemand mehr um unsere Gäste kümmert?« Also hat sie für sich persönlich die Lemberger EM-Tage verlängert.

Melania läuft immer noch mit ihrem Volunteerausweis um den Hals durch die Stadt und spricht Touristen an, die ratlos auf dem Rynek stehen, den Bahnhof nicht finden oder ihre EC-Karte an einen Geldautomaten verloren haben. Sie tourt mit dem Bürgermeister als Übersetzerin herum und gibt Interviews im Fernsehen. Melania Podolyak ist eine kleine Berühmtheit geworden in und um Lemberg, seitdem vor der EM im »Tagesspiegel« ein Text über sie erschienen ist und der lokale Sender einen Werbefilm mit ihr gedreht hat. Melania sagt, das sei ihr alles schrecklich peinlich, »so viele Volunteers haben so hart während der EM gearbeitet, aber immer bin ich es, die ins Fernsehen kommt«.

Später am Abend, auf der Fanmeile. Zum Beginn der Fernsehübertragung verlieren sich zwei-, dreihundert Lemberger im Halbdunkel auf dem Swobody-Prospekt. Keine Fahnen, keine Fußballtrikots, kein Lärm. Gegenüber am Grand Hotel steht die wuchtige Eingangstür sperrangelweit offen. Zwei Mädchen langweilen sich hinter der Theke am Bierausschank. Auf seinem Denkmal kehrt der Nationaldichter Taras Schewtschenko der schweigenden Prozession vor der Riesenleinwand den Rücken zu. Es ist eben doch irgendwie vorbei mit der EM in Lemberg.

Melania Podolyak ist auf dem Sprung, sie muss morgen in aller Frühe zu einem Termin mit dem Bürgermeister und hat eigentlich keine Zeit, sich das Viertelfinale zwischen Deutschland und Griechenland anzuschauen. Melania erzählt, dass ihr Opa jetzt vor dem Fernseher sitzt und sich das Spiel anschaut. Ein distinguierter Herr und angesehener Schriftsteller. »Fußball ist eigentlich nicht so sein Ding«, aber natürlich habe er sich die Spiele alle im Fernsehen angeschaut, »und einmal hat er mir gesagt: Du bist bestimmt für die Deutschen, weil du so ähnlich wie Podolski heißt.« Pause. Melania prustet los: »Da sehen Sie, was die Europameisterschaft aus uns gemacht hat. Sogar mein Opa weiß jetzt, wer Podolski ist!«

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