Leipziger Derby aus Angst vor Randale abgesagt

Freiwillige Kapitulation

Am Sonntag sollte es in Leipzig erstmals nach der Wiedervereinigung zu einem Derby zwischen der BSG Chemie und dem 1. FC Lokomotive unter ihren historischen Vereinsnamen kommen. In der Bezirksliga. Doch weil selbst dort verheerende Randale drohte, wurde das Spiel nun wegen Sicherheitsbedenken abgesagt.

»In den letzten Tagen hatten sich die Zeichen immer mehr verdichtet, dass Chaoten, darunter auch ›Gewalttouristen‹ aus dem gesamten Bundesgebiet, das Spiel als Bühne für gewalttätige Auseinandersetzungen nutzen wollten.« Es war eine bemerkenswerte Mitteilung, die am Mittwoch die Runde durch Leipzig machte. Einerseits wegen des Inhalts. Immerhin ging es hier um ein Bezirksligaspiel. Andererseits wegen der beiden Absender: Unterschrieben hatten die sehr drastisch formulierte Mitteilung die Präsidenten zweier Vereine, die bislang nur ihre gegenseitige Abneigung teilten: Frank Kühne von der BSG Chemie Leipzig und Heiko Spauke vom 1. FC Lok Leipzig. Nun begründeten sie gemeinsam, warum das Spiel in der siebthöchsten Spielklasse unbedingt abgesagt werden musste.

Die gezeichnete Gefahr war real. Im Vorfeld griffen Anhänger aus dem Umfeld beider Seiten zu martialischen Ankündigungen eines schwarzen Sonntags rund um den Alfred-Kunze-Sportpark im Stadtteil Leutzsch. Wahrscheinlich wären auch andere Teile der Stadt im Ausnahmezustand gewesen. Sachsens Fußball-Verband und Polizei hatten die Partie als Sicherheitsspiel eingestuft, hunderte Polizisten wären im Einsatz gewesen.

Antifa-Anhänger mit Flyern mobilisiert

Ein Online-Video der Ultras Diablos Leutzsch, der berüchtigsten Fangruppierung von Chemie Leipzig, rief mehrdeutig zu einem Wettrennen auf. Bilder des ostdeutschen Marathonhelden Waldemar Cierpinski wechselten sich mit illustrer Werbung für die Auswahl des richtigen Schuhwerks und schnellen Schnitten von vergangenen Randalen ab. Zwischendurch äußern Bürger ihr Unverständnis, warum Fußballspiele zu Gewaltexzessen ausarten. Einer wird mit einem Fadenkreuz markiert. Im alternativen Stadtteil Connewitz sollen zudem Antifa-Anhänger per Flyer mobilisiert worden sein, um dem Spiel beizuwohnen.

Auch die andere Seite war nicht untätig. In der Woche vor dem Spiel beschmierten Unbekannte den Alfred-Kunze-Sportpark mit rassistischen Symbolen und Sprüchen. Zudem markierten sie den Rasen mithilfe von Unkrautvernichtern mit Hakenkreuzen. Die Täter müssen nicht zwingend aus dem Lok-Umfeld kommen. Das zeigen die Ankündigungen rechtsradikaler Gruppen aus ganz Deutschland, die dem Spektakel am Sonntag beiwohnen wollten. Doch auszuschließen ist es auch nicht.

Lok Leipzig hat nach wie vor mit rechten Fans zu kämpfen, die den Verein seit Jahren systematisch unterwandern. Lange wurden sie geduldet, doch so langsam scheinen die Verantwortlichen realisiert zu haben, dass es so nicht weitergehen kann. Allein in der noch jungen Saison fielen vermeintliche Lok-Fans bereits zwei Mal negativ auf, vor allem beim Auswärtsspiel in Babelsberg sorgten rechte Sprechchöre und Gesänge für großes Entsetzen und bundesweite Fremdscham. Das neue, erst seit dieser Saison offiziell bestätigte Präsidium ließ sich ein paar Tage für eine Reaktion Zeit. Und distanzierte sich dann bemerkenswert deutlich von den Vorfällen, Rassismus und Gewalt. Der vom Verfassungsschutz als rechtsextreme Vereinigung eingestuften Gruppe »Scenario Lok« erteilte man Erscheinungs- und Auftrittsverbot. Überhaupt las sich die Stellungnahme wie eine Mischung zwischen Kampfansage und Hilferuf: »Wir bitten alle Fans des 1. FC Lok sowie alle relevanten Institutionen wie die Stadt Leipzig, Polizei, Fußball-Verbände und Fanprojekt Leipzig, uns bei unserem Vorhaben und in der jetzigen schwierigen Situation tatkräftig zu unterstützen, da das genannte Problem von einem ehrenamtlich geführten Fußballverein allein nicht zu lösen ist.«

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