Lehmann verklagt Wiese auf Schmerzensgeld

Heile, heile, Jenschen

Jens Lehmann hat Tim Wiese auf 20.000 Euro Schmerzensgeld verklagt, weil dieser ihn in die »Geschlossene« einweisen lassen wollte. Es ist Lehmanns letzter Zweikampf – und vielleicht das Ende des Trashtalks im Fußball. Lehmann verklagt Wiese auf Schmerzensgeld

Was ist Schmerz? »Einbildung«, sagt Toni Schumacher. Er ließ sich einst von seiner Ehefrau eine Zigarette auf dem Arm ausdrücken, um zu demonstrieren, so Schumacher, »dass man Schmerz kontrollieren kann.« Das tut schon weh beim Lesen. Schumacher gab seiner Frau wahrscheinlich sogar Feuer.

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Nun hat sich seit der Zeit des größten Selbstquälers der deutschen Torwartgeschichte entweder das Schmerzempfinden gewandelt oder das Fußballgeschäft an sich oder die ganze Welt, und wir verstehen sie einfach nicht mehr. Denn heuer zieht Jens Lehmann vor Gericht, um zu beweisen, dass Worte ihm Schmerzen bereitet haben. Keine Zigaretten auf nackter Haut – Worte! Jens Lehmann will Geld. Schmerzensgeld. 20.000 Euro.

Zahlen müsste Tim Wiese. Der hat zwar schon so manchem wehgetan, wenn er mit offener Sohle aus seinem Kasten geflogen kam – dass seine Formulierungen so scharf sind, dass man sich an ihnen verletzen kann, dürfte allerdings selbst ihn überrascht haben.

»Der Lehmann soll in die Muppet-Show gehen«

Nach dem Spiel zwischen Werder Bremen und Tottenham Hotspur im September attestierte ihm Jens Lehmann als TV-Experte, er hätte mutiger spielen sollen, statt sich an den Pfosten zu klammern. »Der Lehmann soll in die Muppet-Show gehen«, polterte Tim Wiese tags darauf in der »Bild«. »Der Mann gehört auf die Couch. Vielleicht wird ihm da geholfen. Einweisen – am besten in die Geschlossene!«

Eine Einlassung, die ihn ihrer wutschnaubenden Grobheit beinah tapsig wirkt. In nur vier Sätzen schimpft sich Tim Wiese von der Kindersendung zur Psychiatrie hinauf. Komm, Tim, pack noch einen drauf – die »Bild«-Reporter werden ihn kaum gebremst haben. 

Lehmann hätte es gut sein lassen können

Jens Lehmann
hätte darüber erhaben sein können. Er ist nun 42 Jahre alt und ein elder statesman des Torwartgeschäfts. Wie sein geliebter Feind Oliver Kahn, den in Katrin Müller-Hohensteins Wellness-Oase zusehends die fernöstliche Weiseheit befällt, hätte er die Angelegenheit einfach weglächeln können. Ach, hätte er denken können, so war ich auch mal. Wir Torhüter! Verrückt, einfach verrückt. Er hätte es gut sein lassen können. 

Doch gut ist für Jens Lehmann selten etwas, zumindest ist unser »gut« nicht seins. Er stahl einmal einem Fan die Brille, er warf den Schuh eines Gegenspielers aufs Tornetz, er fuhr von einem Spiel allein mit der Straßenbahn heim. Er geht seit je her seine eigenen Wege. Diesmal führen sie ihn vor Gericht.



Ob der Prozess nun der Zweikampf sein soll, zu dem es nie kam, weil 100 Meter Rasen ihn und Tim Wiese voneinander trennten, die letzte Notbremse einer langen Karriere – schwer zu sagen, was Jens Lehmann bewegt. Er steuert nun auf einen Prozess zu, in dem er glaubhaft versichern muss, dass es ihm wehgetan habe, mit den Muppets verglichen zu werden. Sagen wir so: Es gibt Ritterlicheres.

»Wie fühlen Sie sich?« – »Da müssen Sie den Trainer fragen.«

Vielleicht hätte vorher mal jemand pusten sollen. Heile, heile, Jenschen. Irgendwer hätte ihn jedenfalls irgendwie bremsen müssen auf seinen erratischen Pfaden. Denn wir sind nicht einfach nur die amüsierten Voyeure dieser peinlichen Geschichte  – wir sind in gewisser Weise auch Betroffene. Das von Lehmann angestrengte Verfahren könnte nämlich das Ende des Trashtalks im Fußball bedeuten. Das Ende der herrlichen Kriegserklärungen aus schweißdampfenden Steppjacken heraus. Das Ende der Racheschwüre, Schuldzuweisungen, Verschwörungstheorien. Kurzum: das Ende des Spaßes.



Wer sagt noch, was er denkt, wenn er weiß, was es kosten könnte? Wer sagt überhaupt noch etwas? Enteierte Diplomatie findet in den Interviewzonen bereits zur Genüge statt. »Wie fühlen Sie sich?« – »Da müssen Sie den Trainer fragen.« Oder besser gleich den Anwalt? Schönen Dank. Wenn die Richter Jens Lehmann tatsächlich Recht geben, werden derlei Nulldialoge jede spontane Meinungsäußerung nachhaltig verdrängen.

Ein Horrorszenario: Mario Basler wird in seinen Kolumnen nurmehr Kochrezepte nacherzählen und die Niedlichkeit von Welpen loben. In »Waldis EM-Klub« wird Hansi Müller lieber drei- statt wie bisher nur zweimal überlegen, was er sagt. Franz Beckenbauer wird seinen Lebensabend in Beugehaft verbringen, und Rolf Töpperwien, pensionierter Fänger der »Stimmen nach dem Spiel«, wird sich vor Gram am Tresen umdrehen.  

Eine Bundesliga ohne Beleidigungen. Das täte wirklich weh. Sogar Toni Schumacher.

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