Legendäre Revierteams der Fünfziger

Der Komet des Westens

»Der SV Sodingen ist die einzige deutsche Mannschaft, die englisch spielt«, soll Sepp Herberger über die von harter Arbeit gestählte Truppe seinerzeit gesagt haben. In der Saison 1954/55 wurden die Westfalen zur Sensation. Legendäre Revierteams der FünfzigerImago Die deutsche Mannschaft kehrte im Sommer von 1954 mit dem Weltmeistertitel im Gepäck aus der Schweiz zurück. Der Torschütze des legendären Siegtreffers gegen Ungarn, Helmut Rahn, sollte die kommende Spielzeit auch als deutscher Meister mit Rot-Weiss Essen beenden. Die Sensation des Jahres war allerdings ein anderer Revierverein. Der SV Sodingen, ein echter Bergarbeiterverein aus dem Herner Stadtteil an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel, sorgte im Jahr eins nach dem "Wunder von Bern" für bundesweite Schlagzeilen. Die erfolgreichste Ära der Grün-Weißen begann mit dem Aufstieg in die Oberliga West im Jahr 1952.

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Im Schatten der Zeche Mont-Cenis hatte sich der Vorort-Klub von der Bezirksklasse bis in die höchste Spielklasse gekämpft. Schon in der 2. Liga West hatte »der Komet des Westens« die Herner Zuschauer elektrisiert, sodass das »Glück-Auf-Stadion« regelmäßig aus allen Nähten platzte. Die Heimat des SV konnte den gestiegenen Ansprüchen nicht mehr genügen, so dass die Anlage erweitert werden musste, aber pünktlich zum Aufstieg oberligatauglich war.

Nach Platz elf im ersten Oberliga-Jahr entging die Mannschaft von Trainer Fritz Silken in der zweiten Spielzeit als 14. nur knapp dem Abstieg. Den Charakter der Sodinger schilderte Verteidiger und Fördermaschinist Leo Konopczyniski so: »Wenn der Gegner schlapp macht, die letzten zwanzig Minuten, dann haben wir Dampf gemacht, dann ging es noch mal richtig zur Sache. Und der Heinz Edler sagte dann ›Abräumen!‹ Das hieß nicht, unfair spielen oder sowas. Wir sind dann aber keinem Zweikampf aus dem Wege gegangen und haben unsere körperliche Stärke und Kondition richtig eingesetzt.«

Sepp Herberger soll über die von harter körperlicher Arbeit gestählte Truppe seinerzeit gesagt haben, sie sei »die einzige deutsche Mannschaft, die englisch spielt«. Das tat sie zunehmend erfolgreicher, belegten die Herner doch am Ende der Hinrunde im dritten Jahr im Oberhaus hinter dem dominierenden RWE sensationell Platz zwei.

Dort steht der SV Sodingen – vor Schalke, Borussia Dortmund und dem 1. FC Köln – auch noch nach dem 30. Spieltag und darf somit an der Qualifikation zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft teilnehmen. Dem »Nobody« auf der deutschen Fußball-Landkarte gelingt am 4. Mai sogleich der erste Paukenschlag. Konopczynisky, Adamik und Co. weisen den SSV Reutlingen in Ludwigshafen mit 3:0 klar in die Schranken. Damit ist der Weg zur Endrunde frei!

In zwei Gruppen mit jeweils vier Mannschaften geht es im Modus »jeder gegen jeden« um den ersten Gruppenplatz und damit die Teilnahme im Endspiel. Die erste Partie führt die Herner zum Hamburger Volkspark, wo sie auf den »100 Tore-Sturm« mit Klaus Stürmer und Uwe Seeler treffen. Vor 60.000 unterlag man dem HSV unglücklich mit 0:1. Sodingen traf in Unterzahl zwar kurz vor Schluss zum vermeintlichen Ausgleich, doch der Unparteiische aus Kassel verweigert Franz Wächters Treffer wegen eines Handspiels die Anerkennung.

In der zweiten Begegnung zeigt die Silken-Elf dann, dass sie zurecht in die Endrunde eingezogen ist. In der Schalker Glückauf-Kampfbahn, in die die Grün-Weißen umziehen mussten, wird Viktoria Berlin vorgeführt und mit 5:1 nach Hause geschickt.

Am 22. Mai steigt schließlich das »Spiel der Spiele« gegen den großen FC Kaiserslautern, der mit vier Weltmeistern in der Glückauf-Kampfbahn antritt. Etwa 80.000 Schlachtenbummler wollen die Partie sehen, rund 55.000 Zuschauer sind bei dem größten Ereignis der Vereinsgeschichte dabei und drängen sich bis an die Seitenauslinien und Tornetze. Die Begegnung endet 2:2, der SV Sodingen begegnet den Pfälzern auf Augenhöhe und Fußballdeutschland reibt sich die Augen. »Wir sahen heute eines der schönsten Spiele seit langem, würdig einem Endspiel. Ohne Fritz Walters Spielgenie wäre Lautern von den Sturmfluten der Westfalenelf überwältigt worden«, schreibt der Kicker nach dem denkwürdigen Spiel. Auch Werner Liebrich zollt der Mannschaft nach den 90 Minuten Respekt. »Ich bin angenehm überrascht vom SV Sodingen. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Mannschaft Unfairness vorgeworfen wird«, findet der Mittelläufer.

Im Rückspiel eilt den Hernern trotzdem der Ruf einer »Kloppertruppe« voraus und die Besucher des Betzenbergs empfangen die Elf mit Pfiffen. Erneut endet die Partie 2:2 unentschieden, ein weiterer Achtungserfolg für die Sodinger, die nun die letzten beiden Partien gegen Berlin und den HSV unbedingt gewinnen müssen. Nach einem 3:2-Erfolg im Olympiastadion, tragen die Grün-Weißen ihr letztes Heimspiel im Müngersdorfer Stadion in Köln aus. Das 1:1 bringt weder den Hanseaten noch die »Gastgeber« weiter, da der FCK nichts mehr anbrennen lässt und wie im Vorjahr ins Endspiel um die deutsche Meisterschaft einzieht.

Der SV Sodingen beendet die Gruppenphase als Dritter knapp hinter dem Hamburger SV. Der »Komet des Westens« hatte seinen Zenit erreicht. Der Verein, der zu vielen Freundschaftsspielen im In- und Ausland eingeladen wurde, bekam in der folgenden Zeit jedoch immer größere finanzielle Probleme. Mit dem Sterben der Zechen ging der Abstieg des Klubs einher.

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