Legendäre Revierteams (1)

Wo liegt eigentlich Meiderich?

In der ersten Bundesliga-Saison mussten die Busfahrer lange suchen, wo genau der Meidericher SV seine Spiele austrug. Doch Rudi Gutendorf und seine Truppe um Altmeister Helmut Rahn verankerten den Verein fest in der Geographie des deutschen Fußballs. Imago „Wo liegt eigentlich dieses Meiderich?“, soll Uwe Seeler vor dem ersten Spiel des HSV beim Meidericher SV in der neugegründeten Bundesliga gefragt haben. Spätestens nach der 0:4-Klatsche hat er es sicher gewusst, und es bewahrheitete sich der Vers, den sich die Fans auf die Orientierungslosigkeit von „Uns Uwe“ machten: „Wo Meiderich liegt, wo Meiderich siegt, ist überall bekannt!“ Die Zebras taten in dieser ersten Bundesligasaison tatsächlich viel dafür, dass der Duisburger Stadtteil bundesweit bekannt wurde: sie ließen Sieg auf Sieg folgen.

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Dabei war allein die Tatsache, dass die Meidericher beim Bundesligastart am 24. August 1963 mit von der Partie waren für viele eine Überraschung. Aber was wurde im Vorfeld gezittert! Der DFB zimmerte sich seine höchste Liga selbst zusammen: nach einem komplizierten Punktsystem, basierend auf den vergangenen fünf Oberliga-Jahren, und nach „Gutdünken“, was vor allem den so genannten Traditionsvereinen entgegenkam. Die Meidericher konnten also kaum auf eine Lobby bauen und mussten gerade in der letzten Oberliga-Saison sportliche Fakten schaffen. Am vorletzten Spieltag der Oberliga West sicherte Dieter Danzberg in der 90. Minute per Abstauber den 2:1-Sieg über den Lokalrivalen Hamborn 07 und damit den zur Bundesliga-Qualifikation notwendigen vierten Tabellenplatz. Einen Tag später traf das Telex vom DFB ein. Der MSV war in die neue Eliteliga aufgenommen. Ebenso Preußen Münster, wo Duisburg das Schlussspiel ebenfalls mit 2:1 gewann und mit Grün-Schwarz noch Platz drei und vier tauschte.



Meidericher SV mit prominenten Einkäufen zu Beginn der Bundesliga 1963: Amateurnationalspieler Heinz Höher, Helmut Rahn, Torwart Manfred Manglitz und Trainer Rudi Gutendorf.


Der MSV zog ins große Wedaustadion um, was bei eingefleischten Meiderichern Protest hervorrief. Doch die ganze Stadt Duisburg wollte ihre blau-weißen Zebras sehen. Über 25.000 Fans passierten im Schnitt die Kassenhäuschen: bis heute ein Vereinsrekord. 37 Trainer bewarben sich um den Chef-Posten, aber den Zuschlag bekam der damals 36-Jährige Rudi Gutendorf als mit Abstand jüngster Bundesliga-Coach. Der gebürtige Koblenzer hatte mit dem TSV Marl-Hüls eine bemerkenswerte Regionalliga-Saison hingelegt, was auch auf eine von ihm perfektionierte Taktik zurückzuführen war: der „Riegel“ (ein nomineller Angreifer wurde als „Doppelstopper“ in die Defensive zurückbeordert) oder das „Rollsystem“ (schnelles Umschalten von Abwehr auf Angriff bei der durch eine extrem gute Laufarbeit eine stetige personelle Überzahl hergestellt werden sollte).

Im Restaurant „Marienbildchen“ wurde der Trainer-Vertrag vom damaligen MSV-Vorsitzenden Dr. Walter Schmidt auf die Speisekarte gekritzelt – auch der Prämienzusatz: 100.000 Mark für den Titel, „30.000 Mäuse“ für Rang zwei. Beides rief bei der Vorstandscrew breites Grinsen hervor, denn „Nichtabstieg“ war alles, was Duisburg auch schon 1963 wollte.

In harter Trainingsarbeit brachte Gutendorf seine „Mannschaft der Namenlosen“, die bereits vor dem Saisonstart von den Experten als designierter Absteiger gehandelt wurde, in Bundesligaform. Sein taktisches System sollte optimiert werden, was aber auch aufgrund der Berufstätigkeit der Spieler an Grenzen stieß. „Ich rufe schon seit Wochen Arbeitgeber und Gönner des MSV auf, unseren Spielern leichte Beschäftigung zu vermitteln“, ließ der Trainer verlauten, denn ein Mann wie Werner Lotz, der acht Stunden am Hochofen stand, war für die Konditionseinheiten oftmals einfach „zu platt“. Am ersten Spieltag gelang der Außenseitertruppe ein Traumstart: ein 4:1-Sieg in Karlsruhe. Der überragende Mann auf dem Platz war Werner Krämer, der Meiderichs Angriffe immer wieder geschickt in Szene setzte und selbst zwei Tore erzielte. Bundestrainer Sepp Herberger gratulierte anschließend in der Umkleidekabine persönlich.

Pech, dass damals noch der Torquotient über die Platzierung bei Punktgleichheit entschied. Und da besaßen die 2:0-Siege von Schalke 04 (gegen Stuttgart) und 1.FC Köln (in Saarbrücken) eben mehr Wert, sonst wäre der MSV als erster Tabellenführer in die Bundesliga-Geschichte eingegangen. Herberger sollte „Eia“ Krämers Leistung übrigens nicht vergessen: im September wurde er zu seinem ersten A-Länderspiel berufen – der Beginn einer Länderspielkarriere, die bis zur WM 1966 in England führen sollte.



Oktober 1963: Meiderich schlägt 1860 München mit 3:0. Torjäger Krämer läßt Torwart Radi Radenkovic keine Chance.

Eine Woche nach dem Sieg in Karlsruhe erlebten 36.000 Fans am 2. Spieltag einen 3:1-Erfolg über Eintracht Frankfurt. Das Wedaustadion wurde fortan zur Festung. Nur Angstgegner Hertha BSC gelang ein Sieg. Dieser Samstag, der 14. September 1963, ist auch ein Datum mit Debütcharakter. Bei der 1:3-Heimniederlage ließ sich Helmut Rahn in der 77. Minute nach einem an ihm begangenen Foul zu einer Tätlichkeit gegen den Berliner Harald Beyer hinreißen: der erste Platzverweis der Bundesliga.

Den „Boss“ hatte der MSV im Sommer pünktlich zum Bundesligastart vom SC Enschede aus Holland zurück ins Revier geholt. Der Katernberger entpuppte sich als Stimmungskanone und Leitwolf. Allein durch seine Person riss er die junge Truppe immer wieder mit. Hinter „Eia“ Krämer (11) und Heini Versteeg (10) wurde er mit acht Toren sogar noch drittbester MSV-Torschütze.

Den Triumphzug des überragenden 1.FC Köln konnte auch der MSV nicht aufhalten, obwohl man gegen den Saisonprimus nicht verlor. Beim 3:3 in der Domstadt trat Gutendorf nominell mit acht Abwehrspielern an, aber der Drei-Mann-Sturm mit einem spielfreudigen Rahn, dem Solisten Krämer und dem wuchtigen Versteeg machte dem FC genug zu schaffen. Beim Rückspiel in der Wedau vor der absoluten Rekordkulisse von 44.000 Zuschauern trennte man sich wieder Remis. Diesmal rettete aber vor allem Manfred Manglitz mit glänzenden Paraden gegen die in der Schlussphase groß aufspielenden Kölner das 2:2.

Um die Vizemeisterschaft entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Eintracht Frankfurt, das die Zebras – dem Torquotienten sei diesmal Dank – knapp für sich entschieden. „Rudis Riegel“ brachte den Erfolg, denn die Duisburger stellten mit 36-Gegentoren die beste Abwehr und kassierten nur vier Schlappen in 30 Spielen. Nach dem 3:0 über Kaiserslautern am letzten Spieltag stürmten die Anhänger den Platz und verwandelten die grüne Spielfläche in ein blau-weißes Fahnenmeer. Rudi Gutendorf wurde auf den Schultern vom Platz getragen.

Ob der angehende Weltenbummler da schon wusste, dass er einmal zwischen Fidschi, Peru, Nepal und Botswana das Fußballspiel lehren würde? Durchsetzungsvermögen hatte der Trainer jedenfalls damals schon. Der neue MSV-Präsident, Versicherungskaufmann Wilhelm Tiefenbach aus der Hockey-Abteilung, wollte den Coach offenbar um seine Vizemeister-Prämie prellen. Der hatte allerdings den Original- Speisekarten-Vertrag bestens aufbewahrt.

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Dieser Artikel stammt aus dem lesenswerten Werk "Der Pott ist rund - Das Lexikon des Revierfußballs" und erschien mit freundlicher Genehmigung von Reviersport www.reviersport.de .

In der nächsten Folge der "Legendären Revierteams" lest Ihr, wie der heute vergessene SV Sodingen 1955 beinah Deutscher Meister geworden wäre.


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