Leeds-Legende John Charles

Die Ein-Mann-Mannschaft

Ein Mann wie ein Baum. Der Hüne John Charles wechselte einst als teuerster Spieler der Welt von Leeds nach Turin. Noch heute verneigen sich Briten und Italiener gleichermaßen vor dem Mann, den sie den »Sanften Riesen« nannten. John charles
Heft #88 03/2009
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Mit fassungslosem Blick starrten die Anhänger des Torino FC einander im Oktober 1957 an. So eben war John Charles, im Trikot von Erzfeind Juventus, auf dem Weg, sein erstes Stadt- Derby für Juve zu entscheiden. Mit Riesenschritten stürmte der Waliser allein auf das Tor des Torino FC zu.

Allen ist klar, was jetzt passieren muss. Immerhin war Charles als teuerster Spieler der Welt aus Leeds nach Turin gekommen, um das zu tun, was er am besten konnte – Tore schießen. Doch plötzlich stoppte Charles ab und schob den Ball ins Seitenaus. »Ich habe zuvor den gegnerischen Libero mit meinem Ellbogen getroffen. Es erschien mir nicht fair, so ein Tor zu erzielen«, wird John Charles später zu Protokoll geben. »The Gentle Giant«, der »Sanfte Riese«, war seinem Namen als echter Gentleman wieder einmal gerecht geworden.

Ein Kreuz wie ein Kühlschrank

Mit pechschwarzen Händen hatte John Charles 1947 seinen ersten Vorvertrag mit Frank Buckley, dem Team Manager von Leeds United, per Handschlag besiegelt. Der 16-jährige Charles arbeitete seinerzeit als Schuhputzer und Platzwart für die erste Mannschaft in seinem Heimatort Swansea. Buckley hatte Charles zufällig in einem Jugendspiel entdeckt, war von seinen Fähigkeiten euphorisiert und wollte ihn sofort verpflichten. Doch die Sache hatte gleich mehrere Haken, denn Charles war zunächst einmal zu jung für einen Profivertrag. Zudem waren seine 1,63 Meter nicht gerade das Idealmaß für die beinharte, englische Second Division. Zwei Probleme, von denen bald niemand mehr sprechen sollte. John Charles ging zum Militär, und als er zu den »Peacocks« zurückkehrte, erschrak Frank Buckley gehörig. Vor ihm stand ein 1,87 großer Hüne mit einem Kreuz wie ein Kühlschrank – der perfekte Verteidiger für Buckleys System.

Nach seiner ersten Saison an der Elland Road wurde Charles als 18-jähriger in die walisische Nationalelf berufen. Doch der schüchterne Junge konnte sich trotz seiner beängstigenden Erscheinung, nicht durchsetzen und begann an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Sein Entdecker Buckley nahm sich seiner an und arbeitete mit ihm an Sprungkraft und Technik. In der neuen Saison stellte er Charles als Mittelstürmer auf – eine Initialzündung, denn er erzielte 21 Tore im ersten Jahr. Seine eleganten Bewegungen verwunderten Gegner und Mitspieler gleichermaßen, nie zuvor hatten sie einen so großen Spieler mit einer solchen Ballbehandlung gesehen.

Eine weitere Saison später markierte der Waliser 42 Treffer, bis heute Saison-Rekord in der Geschichte von Leeds United. Während seiner Karriere spielte Charles auf beinahe allen Positionen und entwickelte sich so zum einem vielseitigsten Spieler der Welt. »Er war ein kompletter Spieler. Am liebsten hätte ihn der Trainer vorne ein Tor schießen lassen und ihn dann direkt als Libero aufgestellt, damit er die Tore verhindert«, sagte der Journalist Michael Parkinson über Charles. Der Riese aus Swansea überragte seine Gegen- und Mitspieler also nicht nur aufgrund seiner Körpergröße. Weltmeister Jack Charlton, der selbst noch mit Charles zusammen spielte, nannte ihn »den besten Kopfballspieler, den ich je gesehen habe.«

Am Ende der Saison 1955/56 stieg Charles mit Leeds in die First Division auf. Doch er suchte eine neue Herausforderung und wechselte zur neuen Spielzeit für die Weltrekordablöse von £ 65.000 zu Juventus Turin. Anfangs fiel es Charles schwer, sich den kulturellen Unterschieden anzupassen. Doch schon nach kurzer Zeit eroberte auch er auch in Italien die Gunst der Zuschauer. Er führte den Verein zu drei italienische Meisterschaften und zwei Pokalsiegen. Nach den Ereignissen im Turiner Derby 1957 lagen ihm sogar die Anhänger des verhassten AC Turin zu Füßen. Seine Ausbeute von 93 Toren in 150 Spielen liest sich beeindruckend. Bei der WM 1958 in Schweden scheiterte Charles mit Wales erst im Viertelfinale am späteren Weltmeister Brasilien. Jack Charlton schwärmt weiter: »Er vereinigte eine komplette Mannschaft in sich. Ich habe Cruyff, Pelé, di Stefano und viele andere große Spieler gesehen. Doch für mich war er der effektivste Spieler, den ich jemals erleben durfte. Er allein machte den Unterschied.«

Charles ging 1962 noch einmal zurück nach Leeds, verließ den Club jedoch nur ein halbes Jahr später in Richtung Rom. 1966 musste er seine Karriere nach einer schweren Knieverletzung in Cardiff beenden. Ein Abschiedsspiel wurde ihm nie gewährt. In Italien wählte man ihn Mitte der Neunziger zum besten Ausländer, der jemals in der Serie A gespielt hat.

»Holz Sie nicht um, spiel Fußball«

Doch trotz seiner enormen Physis und seines körperbetonten Spiels bekam Charles während seiner gesamten Karriere keine einzige gelbe oder rote Karte. Auch dafür hatte er eine simple Erklärung »Mein Vater sagte immer: »Holz sie nicht um, spiel lieber Fußball.« Daran habe ich mich immer gehalten«, sagte Charles. Kaum einer verkörperte das britische »Sportsmanship« so sehr wie der hoch aufgeschossene Waliser.





Am 21. Februar 2004 erlag der »Sanfte Riese«, John Charles, in Wakefield, England einem Krebsleiden. Nach seinem Tod trugen die Spieler von Leeds United und Juventus Turin Trauerflor in Gedenken an ihre ultimative Nummer 9. Auch auf den Zuschauerrängen des Torino FC sollen zahlreiche Tränen geflossen sein.

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