Last Train from Huddersfield

„Ich begann, England zu hassen“

Warum „Andere Länder, andere Sitten“ mehr als nur ein dummer Spruch ist. Ein Reisebericht zur Reportage "Auf der Suche nach der Seele des englischen Fußballs" aus dem neuen 11FREUNDE-Heft.
Heft #62 01 / 2007
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Paskowsky und ich hatten es verdammt eilig. Nach 60 Minuten des durchaus rassigen Derbys zwischen den Blackburn Rovers und den Bolton Wanderers verließen wir in der Manier zweier viel beschäftigter Spielervermittler die Pressetribüne des Stadions Ewood Park in Blackburn, um mit einem Taxi zum Bahnhof zu hetzen. Der Zeitpunkt war freilich etwas unglücklich gewählt, da es in der Halbzeitpause zu einem unverfrorenen Diebstahl gekommen war: Ein englischer Kollege in der Reihe hinter uns vermisste sein Notebook, und mittlerweile hatten die Stadionordner die Polizei alarmiert, die damit begann, die in der Nähe des Tatortes sitzenden Journalisten zu befragen. Dass sich gerade jetzt zwei Typen, einer bebrillt mit Dreitagebart, der andere mit Glatze und fast zwei Meter groß, auffällig unauffällig von der Tribüne entfernten, vermittelte mit Sicherheit keinen Eindruck ausgeprägter Seriosität.

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Sie haben uns dann aber doch nicht verhaftet. Und unseren Zug haben wir auch erreicht. Später erfuhren wir, dass das Spiel auf eine dramatische Schlusspointe zusteuerte, weil die 0:1 zurückliegenden Rovers in den letzten fünf Minuten gleich zwei Elfmeter verschossen, aber was will man machen. Wir hatten einen Termin im 80 Kilometer entfernten Liverpool, mit einem wichtigen Mann, der an diesem Abend und nur an diesem Abend zu sprechen war, wie Paskowsky zu betonen nicht müde wurde. Matthias Paskowsky, der den 11-Freunde-Lesern als regelmäßiger England-Kolumnist bekannt ist, hat mehrere Jahre auf der Insel gelebt und kennt dort eine Menge merkwürdiger Leute. Unter anderem einen Haufen in London lebender Iren, die innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viel Bier trinken und dabei dem Gast aus Deutschland unbemerkt ein Hakenkreuz in den Lederschuh ritzen können, aber das ist eine andere Geschichte. Jetzt waren wir auf dem Weg nach Liverpool, zu einem Termin, den Paskowsky arrangiert hatte.

Runzeln werden immer tiefer

In Manchester, wo wir umsteigen mussten, wurde Paskowsky allmählich nervös. Der Anschlusszug würde angeblich eine Verspätung von einer halben Stunde haben, was bedeutete, dass wir zu spät bei dem wichtigen Mann einträfen, der am nächsten Tag, wie Paskowsky mit düsterer Miene bemerkte, mit anderen wichtigen Menschen in Istanbul zusammenkommen werde und deshalb früh aufstehen müsse. Der Anschlusszug hatte dann eine Verspätung von 45 Minuten. Nachdem wir einige Minuten gefahren waren, gab es eine Durchsage, die ich wegen des dabei verwendeten orthodoxen nordenglischen Akzentes nicht verstehen konnte, die aber Paskowskys schon zuvor grüblerisches Stirnrunzeln noch deutlich verstärkte. „Was ist?“, fragte ich. „Wir müssen aus diesem Zug aus- und in einen anderen wieder einsteigen“, sagte er.

Kurz darauf hielten wir an einem Ort, der vermutlich mehr Buchstaben im Namen – Irgendwas-upon-irgendwas – als Einwohner hatte und dessen Bahnhof aus genau zwei Gleisen bestand, von denen eines nach Westen und eines nach Osten führte. Als alle Menschen aus dem Zug ausgestiegen waren, war das Gleis nach Westen so überfüllt, dass eine Massenpanik drohte. Es folgte eine erneute Durchsage im orthodoxen nordenglischen Akzent, wonach es weitere 45 Minuten dauern würde, bis Anschluss nach Liverpool käme, vielleicht aber auch länger. „Das hat keinen Zweck“, sagte ich. Paskowsky rief den wichtigen Mann an, um ihm zu sagen, dass er für den Rest des Abends frei hätte, dann wechselten wir auf das Gleis Richtung Osten. Zurück nach Manchester, ins Hotel, schön was essen, ein Pint oder auch zwei und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. „Wir können ja in den nächsten Tagen ein Telefoninterview mit dem wichtigen Mann machen“, sagte ich. Paskowsky runzelte immer noch die Stirn, doch er nickte.

Seine Gesichtszüge verloren jede Kontur

Eine halbe Stunde später fuhren wir in den Bahnhof Victoria in Manchester ein. „Hier dürfen wir noch nicht aussteigen“, sagte Paskowsky, „wir müssen nach Piccadilly.“ „Ich weiß“, sagte ich. Mein Handy klingelte, es war meine Frau Mutter. Nachdem ich ein paar Minuten mit ihr geplaudert hatte, geschah etwas Seltsames: Über die Lautsprecheranlage lief eine weitere Nachricht, worauf sich Paskowskys Mimik erst verhärtete, dann verloren seine Züge jede Kontur und er sackte in seinem Sitz zusammen. „Warum sagst du nichts mehr?“, fragte meine Mutter durch das Telefon. „Paskowsky ist zusammengebrochen“, antwortete ich. Dann legte ich auf.

Paskowskys Gesicht war aschfahl. Ich schüttelte ihn und schrie: „Was ist los? Sag mir sofort, was los ist!“ Paskowsky wirkte sehr erschöpft und war nur noch in der Lage, Sätze ohne Subjekt zu bilden: „Hält nicht in Piccadilly. Hält erst in Huddersfield.“ „Huddersfield?“, entgegnete ich. „Wo zum Teufel ist Huddersfield?“ „Yorkshire“, murmelte Paskowsky, „100 Kilometer.“ „Ich kann nicht mehr“, sagte ich, „und ich habe kein Geld mehr.“ „Auch nicht“, sagte Paskowsky. „Ich bring mich um“, sagte ich. „Auch“, sagte Paskowsky.



Zehn Minuten darauf kam der Schaffner. Wir versuchten ihm unsere Situation zu erklären. Der Schaffner schaute bekümmert und redete in orthodoxem nordenglischen Akzent auf uns ein. Er riss ein Stück Papier von einem DIN-A4-Zettel aus seiner Hosentasche und begann mit einem Kugelschreiber darauf herumzukritzeln. Paskowsky hatte die Augen halb geschlossen, er drohte ernsthaft abzubauen. Der Schaffner gab uns den mit „Schaffner 4172“ unterzeichneten Zettel, auf den er Folgendes geschrieben hatte: „Please allow two persons to return to Manchester.“ Ich stellte mir vor, wie eine vergleichbare Geschichte bei der Deutschen Bahn ausgehen würde, und beschloss, England zu lieben.

Vielleicht fährt ein Zug um neun. Oder um zehn.


In Huddersfield sagten sich Fuchs und Hase gute Nacht, aber das vermutlich nicht nur an diesem Abend. Ob und wann Züge zurück nach Manchester fahren würden, konnte uns das Bahnhofspersonal nicht sagen. „Es gibt Probleme mit dem Fahrplan“, sagte der Mann. Wir entgegneten, das hätten wir auch schon bemerkt. „Vielleicht fährt einer um neun“, sagte der Mann. Wir verließen den Bahnhof, gingen in den einzigen offenen Pub in der Nähe und bestellten zwei Pints und zwei Tüten Chips. Wir hatten einen schrecklichen Hunger. Pünktlich um 9 Uhr standen wir wieder am Gleis. „Vielleicht fährt einer um halb zehn“, sagte der Bahnhofsbedienstete. Wir kehrten zurück in den Pub und bestellten zwei Pints und zwei Tüten Chips, nicht ohne dem Barmann unser putziges Verhalten zu erklären. „Welcome to British Rail“, sagte der Barmann. Pünktlich um halb zehn standen wir wieder am Gleis. „Vielleicht fährt einer um zehn“, sagte der Bedienstete. Wir kehrten nicht in den Pub zurück. Um kurz nach zehn verließen wir Huddersfield und sahen uns nicht noch mal um.

Als wir gegen 23 Uhr wieder in Manchester waren, sprangen wir in das erstbeste Taxi und flehten den Fahrer an, uns an einen Ort zu bringen, wo es etwas zu Essen gab. „Keine Chance“, sagte der Fahrer. „Es ist Sonntags nach elf.“ Ich stellte mir vor, wie eine vergleichbare Geschichte in Berlin ausgehen würde, und beschloss, England zu hassen. Wir fuhren zu sämtlichen Fastfood-Schmieden der Stadt. Sie waren alle geschlossen. Der Fahrer brachte uns zum Hotel. Als wir ausgestiegen waren, fiel eine einzelne Münze aus meiner Geldbörse. Paskowsky bückte sich und griff nach dem Geld, wobei das anfahrende Taxi seine Hand nur um wenige Zentimeter verfehlte. Er gab mir die Münze. Es war ein Zwei-Cent-Stück.

Was nur wenige 11FREUNDE-Leser über Paskowsky wissen: Sein eigentlicher Beruf ist es, obskure Lebensmittel zu importieren. Als wir auf unserem Zimmer waren, holte er eine Tüte Gebäck aus seiner Tasche und legte sie schweigend auf den Tisch. „Ich wünsche dir einen guten Appetit“, sagte ich. „Appetit“, sagte Paskowsky. Dann aßen wir australische Zitronenkekse, bis keine mehr da waren.


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Die auf dieser denkwürdigen Reise entstandene Reportage "Das Gelobte Land - Auf der Suche nach der Seele des englischen Fußballs" findet Ihr im neuen 11FREUNDE-Heft (ab heute im Handel).

Die Themen außerdem:

Das gelobte Land - Auf der Suche nach der Seele des englischen Fußballs
Armin Veh und Horst Heldt - Höhenflug der Nobodys
Putsch bei Lazio - Im Würgegriff der Mafia
Stadionposter Borussia-Park
Die Bilder des Jahres 2006
Beilage: 11FREUNDE-Kalender 2007

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