Kubala, Legende Barcelonas

Der Mann, der Nou Camp baute

Messi, Drogba, Ibrahimovic: Stürmer, sie alle haben den Vorteil der totalen Berichterstattung. Anders Ladislao Kubala: Er vollbrachte Wunder, die noch keine Kamera aufnahm. Zu seinem Geburtstag erinnern wir an ihn. Kubala, Legende Barcelonasimago

In Barcelona trägt das Camp Nou, eines der schönsten Stadien Europas, einen besonderen Namen: »Das Haus, das Kubala gebaut hat«. Nun war dieser Kubala kein katalanischer Maurer, dem ein Kraftakt gelungen war, auch kein Baulöwe von der Costa del Sol. Ladislao Kubala war ein Fußballer, ein Stürmer, der durch sein kunstvolles Spiel den Riesenbau erst notwendig gemacht hatte. In den 50er Jahren wollten alle Kubala sehen.

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Seinerzeit bestand der Reiz des Spiels weniger in der Athletik heutiger Tage, als vielmehr in der Eleganz. Alfredo di Stefano, der blonde Pfeil, der gar nicht mehr so blond war, sondern eine weithin sichtbare Glatze hatte, trieb bei Real Madrid den Ball durchs Mittelfeld, und alle schauten ihm zu wie in Erwartung einer Inszenierung, eines vorkomponierten Stücks.

Ein letzter Gruß aus einer Welt, die unterging

Kubala, sein großer Widersacher beim Erzrivalen Barcelona, war sogar noch versierter, aber zuweilen etwas faul. Seine Art zu spielen ist heute wohl noch schwerer vorstellbar als die Alfredo di Stefanos. Sie war ein letzter Gruß der Fußballartisten, die dann verschwanden, Arthur Friedenreich etwa, der Brasilianer, José Andrade, Weltmeister mit Uruguay 1930, oder Matthias Sindelar, der »Papierne« – ein letzter Gruß aus einer Welt, die unterging.

Bezeichnend nur, dass Ladislao Kubala in einem Wanderzirkus nach Barcelona kam. Er hieß »Hungaria« und war eine Fußballmannschaft aus Staatenlosen und Flüchtlingen. In seiner Jugend hatte er wie sein Vater zuvor für Ferencvaros Budapest gespielt. Schon damals gehörte er zu jener seltenen Art von Offensivspielern, die sich selbst Tore überlegen. Mit 17 Jahren berief man ihn erstmals in die ungarische Nationalmannschaft. Aber ihm blieb wenig Zeit, um sein Talent zur Entfaltung zu bringen: Er floh vor dem Militärdienst in die Tschechoslowakei. Nach Monaten der Entbehrung gab man ihm in Bratislava einen Vertrag, er wurde Meister und alsbald auch hier Nationalspieler.





1948 kehrte er nach Ungarn zurück und spielte für Vasas, maß sich mit Puskás und Hidegkuti. Doch schon ein Jahr später entzog er sich dem kommunistischen System und kam über Österreich nach Italien, wo er für Pro-Patria auflief. Auch für den AC Turin machte er ein Spiel. Zum Glück reiste er danach nicht mit der Mannschaft zurück: Die Superga-Air-Maschine zerschellte an einem Berg, nur ein Passagier überlebte. Derweil legte Vasas, aufgehetzt vom politisierten ungarischen Verband, eine Beschwerde bei der FIFA ein. Kubala habe nicht nur seinen Vertrag gebrochen, er sei zudem ein Fahnenflüchtiger, hieß es in der Schrift. Der Weltverband lud Schuld auf sich: Er sperrte Kubala für ein Jahr. Doch dieser entzog sich auch den Fußballmächtigen: Mit anderen Versprengten gründete er »Hungaria«.

»Mach Dir keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin.«

Die Mannschaft bestand zu großen Teilen aus Ausnahmekönnern, doch keiner von ihnen war auch nur annähernd so begabt wie Ladislao Kubala. Er war beidfüßig, hatte einen phänomenalen Schuss und die Übersicht eines Dirigenten. Als solcher tingelte er in der Folgezeit mit »Hungaria« durch Europa. Im Sommer 1950 brachten sie die spanische Nationalmannschaft an den Rand einer Niederlage. Es war ein bedeutender Tag für Kubala – und auch für den FC Barcelona. Denn im Publikum saß Pepe Samitier, einst ein großer Spieler und zu dieser Zeit Manager des Vereins. Er war verzückt von Kubala und bot ihm umgehend einen Vertrag an. Dieser schilderte ihm seine Lage, erzählte ihm von der FIFA-Sanktion. Samitier, im Nadelstreifenanzug und perfekt gekämmt, lächelte nur: »Mach Dir keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin.«

Tatsächlich bewirkte er die Aufhebung der Sperre, in der Zwischenzeit jedoch hatte auch Real Madrid Versuche unternommen, Kubala zu verpflichten. Die Verhandlungen zogen sich hin, und als Samitier endlich Tatsachen schaffen wollte, legte Kubala den Vertragsentwurf vor, den Real ihm unterbreitet hatte. So kam es, dass er der bis dahin bestbezahlte Spieler in der Geschichte des FC Barcelona wurde. Am 2. April 1951 machte er sein erstes Spiel und wurde noch am selben Tag in die spanische Nationalmannschaft berufen. Er kam auf neunzehn Einsätze, schoss 11 Tore und war damit neben di Stefano der einzige Spieler, der für drei Länder antrat. An einem Weltmeisterschaftsturnier nahm er dennoch nie teil.

Una leyenda

Umso erfolgreicher war er mit seinem Verein. In einer einzigartigen Offensivreihe mit Basora, César, Moreno und Manchón errang er in den drei ersten Spielzeiten alle Trophäen, die zu erringen waren. In seinen elf Jahren bei Barca erzielte er 243 Tore in 329 Partien. Sein Weitblick, perfektes Passspiel und Ideenreichtum am ruhenden Ball waren berühmt. Oft jedoch wurde Kubala von den Verteidigern regelrecht geschlachtet. Sie mussten sich nicht vor Strafen fürchten: Nichts freute die Franco-Funktionäre mehr, als wenn die Separatisten vom FC Barcelona verloren und der fahnenflüchtige Kubala mit dem Gesicht im Rasen lag. Doch die Schikanen, denen er nun und immer schon ausgesetzt war, waren die gleichen wie für das katalanische Volk. Noch 1943 waren vor einem Spiel gegen Real Madrid Polizisten in die Barca-Kabine eingedrungen und hatten den Spielern zu verstehen gegeben, dass es ihnen nicht gut bekommen würde, wenn sie auf Sieg spielten. Sie verloren 1:11. Die Katalanen waren Verfolgte, und Kubala war es auch. Umso mehr liebten sie ihn.

Nach zwei weiteren Meisterschaften und zwei Triumphen im Messepokal beendete er 1962 seine Karriere, die so dramatisch verlaufen und letztlich ohne die Krönung geblieben war: eine Weltmeisterschaft. Als Nationaltrainer aber führte er Spanien 1978 zum Turnier nach Argentinien. Er füllte dieses Amt von 1969 bis 1980 aus, so lang wie kein anderer. 1999 wählten die Fans ihn zum größten Barca-Spieler aller Zeiten. Als er drei Jahre später starb, war auf zahllosen Transparenten zu lesen: »Adiós a una leyenda!«

Sie hingen im Nou Camp, dem Haus, das Ladislao Kubala gebaut hat.

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