Kroatiens Wunderteam von 1998

Der Polemiker und die Feurigen

Deutschland trifft in der Vorrunde der EM 2008 auf Kroatien. Kroatien? Kroatien? Da war doch was... 1998! Viertelfinale! Wörns! Suker! 0:3! Wir erinnern uns an eine kroatische Mannschaft, die noch heute ihresgleichen sucht. Imago
Heft #73 12 / 2007
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Lillian Thuram ist ein eleganter Verteidiger, der Inbegriff von Torgefahr ist er jedoch nicht. Aber das erzählen Sie mal einem Kroaten. Denn es war eben dieser Thuram, der im Halbfinale der WM 1998 beide Tore für die Franzosen erzielte, damit den Gastgeber ins Endspiel schoss und den Traum des Überraschungsteams aus Kroatien vom ganz großen Coup zerstörte.

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Bis dahin hatten die Kroaten einen weiten Weg zurückgelegt. Anfangs stand sogar ihre Teilnahme am Turnier auf wackligen Füßen. Erst nach zwei Relegationsspielen gegen die Ukraine war klar, dass der kleine und noch junge Balkanstaat erstmals zu einer Weltmeisterschaft fahren würde. Schon danach versank ein ganzes Land im Freudentaumel. Und das Gerüst der sogenannten »Vatreni«, der Feurigen, können die Fans noch heute im Schlaf nachbeten: Vor Keeper Dražen Ladic formierte sich die robuste Defensive mit Dario Šimic, Igor Tudor, Igor Štimac und dem heutigen Nationaltrainer Slaven Bilic. Im Mittelfeld zog der elegante Zvonimir Boban die Fäden. Er war der Kopf einer spielstarken Riege um den schnellen Robert Jarni, den emsigen Aljoša Asanovic, Mario Stanic, Altmeister Robert Prosinecki und Zvonimir Soldo. Im Sturm gab Davor Šuker die Leitfigur, ihm zur Seite stand Goran Vlaovic. Alen Bokšic, der das entscheidende Tor in der Relegation erzielt hatte, verletzte sich hingegen kurz vor der WM und konnte nicht teilnehmen.

Angeführt wurde das Team von Trainer Miroslav Blaževic – ein Heißsporn und »genialer Motivator« (Soldo). Aber auch ein polarisierender Mensch. So war er ein enger Vertrauter des mittlerweile verstorbenen, autoritären Präsidenten Franjo Tucman und ist seit 1990 Mitglied der nationalkonservativen Partei HDZ. Blaževic gilt als Polemiker, der 2005 gar mit einer eigens gegründeten Splitterpartei für das Präsidentenamt kandidierte. Sein oberstes Anliegen: die Verhinderung des EU-Beitritts durch Nichtausliefern des Kriegsverbrechers Ante Gotovina. Es reichte jedoch nur zu einem Prozent der Wählerstimmen.

»Von da an wussten wir, dass wir jeden schlagen können«

Im Sommer 1998 agierte Blaževic ungleich erfolgreicher. Seine Truppe konnte die ersten beiden Gruppenspiele gewinnen, mit 3:1 gegen die jamaikanischen Reggae-Boys und mit 1:0 gegen wuselige Japaner, und qualifizierte sich vorzeitig fürs Achtelfinale. Nicht weiter tragisch also, dass das letzte Match gegen Argentinien mit 0:1 verloren ging – so zog Kroatien eben als Gruppenzweiter in die K.O.-Runde ein. »Unser Ziel war mit dem Erreichen des Achtelfinals erreicht«, sagt Zvonimir Soldo heute. »Von da an wussten wir, dass wir jeden schlagen können.« Soldo nahm eine zentrale Rolle ein, in der er dem bisweilen genialen Spielmacher Boban den Rücken freihielt. Das gelang auch im Achtelfinale vorzüglich, als die Kroaten mit 1:0 gegen Rumänien gewannen.

Danach wartete im Viertelfinale die deutsche Mannschaft mit Bundestrainer Berti Vogts. Wieder die Deutschen also, wie schon vor zwei Jahren bei der EM in England. Seinerzeit hatte Kroatien mit 1:2 verloren, doch diesmal sollte es anders kommen. »Bis zum Platzverweis gegen Wörns hat Deutschland sein bestes Turnierspiel gezeigt«, findet Soldo. »Aber wir wollten uns unbedingt ravanchieren.« Nach der Roten Karte gegen ihren Innenverteidiger fiel die deutsche Elf auseinander, am Ende wurde sie von entfesselt aufspielenden Kroaten mit 0:3 gedemütigt. Was folgte, sind legendäre Bilder vom jubelnden »Šuker-man«, ummantelt von der Nationalflagge, die Arme wie die Schwingen eines Adlers gespreizt. Derweil erging sich Berti Vogts in Verschwörungstheorien wegen des Platzverweises. Die Kroaten störte dies indes wenig, ihr Fokus richtete sich bereits auf das Halbfinale gegen elf Franzosen auf dem Platz und 80.000 auf den Rängen im Stade de France. Zvonimir Soldo meint: »Wir sind locker ins Spiel gegangen, denn Frankreich hatte mehr zu verlieren. Hätten wir die Führung länger gehalten, wären wir als Sieger vom Platz gegangen.« Unmittelbar nach der Pause hatte Davor Šuker den Außenseiter in Führung gebracht, doch dann kam Thuram: Keine 60 Sekunden später feuerte er einen unhaltbaren Schuss vom rechten Strafraumeck ab. Danach mussten die Kroaten den Anstrengungen des Turniers Tribut zollen, und es war erneut Thuram, der ihnen nach 69 Minuten den Todesstoß versetzte. Er hat danach übrigens nie wieder einen Treffer für Frankreich erzielt.

»Stopp! Meine Mannschaft kann nur vorwärts fahren!«


Nachdem der Traum vom Finale geplatzt war, wären Soldo, Šuker & Co. am liebsten gleich abgereist, enttäuscht und ausgepumpt, wie sie waren. Trainer Blaževic spürte das und griff vor dem Spiel um Platz 3 gegen die Niederlande in die psychologische Trickkiste. Während der Busfahrt zum Stadion flüsterte er dem Fahrer etwas ins Ohr. Darauf blieb der Bus stehen und fuhr plötzlich rückwärts. Nun waren alle mucksmäuschenstill. Blaževic brüllte den Busfahrer an: »Stopp! Meine Mannschaft kann nur vorwärts fahren, es gibt kein Zurück!« Dann forderte der Coach seine Spieler auf, auszusteigen, die letzten Meter zum Stadion zu Fuß zu gehen und die Holländer zu schlagen. Es war der Startschuss zu einem 2:1-Sieg durch Tore von Prosinecki und Šuker, der sich mit seinem sechsten Turniertreffer die Torjägerkrone sicherte. Dieses Spiel und der dritte Platz waren es, die die kroatischen Fußballer daheim endgültig zu Volkshelden werden ließen.

Danach zerstreuten sie sich in alle Winde. Waren vor dem Turnier noch zahlreiche Mitglieder des Aufgebots in der heimischen Liga aktiv, sollte sich das nach der WM ändern: Rekordnationalspieler Šimic heuerte bei Inter an, Tudor ging zu Juventus, Stanic zum AC Parma, Jarni zu Real Madrid, Bilic zum FC Everton und Soldo zum VfB Stuttgart. Dennoch blieb die Weltmeisterschaft für die meisten der Höhepunkt ihrer Laufbahn und der Erfolg war für das kleine Land am Balkan mit etwa 4,5 Millionen Einwohnern ähnlich identitätsstiftend wie der Weltmeistertitel 1954 für Deutschland. »Wir hatten nicht daran geglaubt, dass wir so weit kommen würden«, sagt Zvonimir Soldo. »Es war unsere erste WM, da geht man nicht davon aus, gleich Dritter zu werden. Doch Trainer Blazevic hat immer gesagt, dass wir es bis ins Endspiel schaffen können.« Es hat zwar nur fürs Kleine Finale gereicht, dennoch sorgten die »Vatreni« mit dem dritten Platz für eine enorme Euphorie in ihrem vom Bürgerkrieg und ethnischen Konflikten erschütterten Land. Kein Wunder, dass die damalige Mannschaft noch immer als Goldene Generation des kroatischen Fußballs gilt. Dabei wird ihr der viel zitierte Spruch von den »Balkan-Brasilianern« nicht wirklich gerecht. Diese Elf hat keinen Vergleich nötig, sie steht für sich selbst.


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