22.03.2013

Kroatien gegen Serbien – Wenn aus Fußball Hass wird

Todfeinde

Seite 3/4: Nationalist wider WIllen
Text:
Aleksandar Holiga
Bild:
Imago

Anders als der Mann, der an jenem Tag sein Todfeind wurde, hatte Stimac nie ein Problem mit seiner nationalen Identität. Er sah sich selbst stets als kroatischen Patrioten und stand im Ruf, mit rechtsextremen Ideen zu sympathisieren. Noch 2003 erklärte er in einem Interview mit dem Magazin »Nacional«: »Ich bedaure zutiefst, nicht im Krieg gekämpft zu haben. Aber sollte er noch einmal ausbrechen, werde ich an vorderster Front dabei sein.« Im gleichen Gespräch auf Mihajlovic angesprochen, sagte er: »Er verbreitet Lügen über mich, wie zum Beispiel, ich wäre schwul. Außerdem hat er behauptet, mich mit bloßen Händen erwürgen zu wollen. Seine Mutter ist Kroatin, seine Frau Italienerin, und er hat in einer katholischen Kirche geheiratet und seine Kinder taufen lassen. Mir ist klar, dass er sich doppelt anstrengen muss, um seine Verbundenheit mit Serbien unter Beweis zu stellen. Doch sie werden ihn niemals akzeptieren, auch wenn er ständig Arkans Bild mit sich herumträgt.«

Vom Ultra zum Militärkommandeur

Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, war ein international berüchtigter Krimineller, der zunächst als Anführer der Ultras von Roter Stern und danach als Kommandeur der paramilitärischen »Serbischen Freiwilligengarde« fungierte. Als Mihajlovic Anfang der Neunziger wegen seiner unklaren ethnischen Zugehörigkeit Schwierigkeiten hatte, in Belgrad akzeptiert zu werden, nahm Arkan ihn unter seine Fittiche und sorgte überdies dafür, dass seine Familie vor Ausbruch des Krieges Zuflucht in Serbien fand. Die beiden Männer wurden darauf dicke Freunde. Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte Mihajlovic sich seinerzeit für Dinamo Zagreb entschieden. So aber wurde er, zumindest von kroatischer Seite, als vollwertiger serbischer Nationalist wahrgenommen.

Die Familie als Druckmittel

Nach dreimonatiger Belagerung fiel Borovo in die Hände der jugoslawischen Armee und serbischer Freischärler, die gemeinsam gegen kroatische Soldaten und die einheimische Bevölkerung kämpften. Vukovar wurde vollständig zerstört und rund 30 000 Bewohner vertrieben, viele brutal ermordet, verschleppt oder gefangen genommen – darunter auch Mihajlovic Onkel mütterlicherseits, ein hochrangiger Offizier der kroatischen Armee. »Arkan rief mich an und sagte, er hätte meinen Onkel«, verriet Mihajlovic in einem Interview mit dem französischen Magazin »So Foot«. »Er stellte mich vor die Wahl, ihn entweder abzuholen oder seinen Männern zu überlassen, was seinen Tod bedeutet hätte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, nahm ihn aber schließlich auf. Er verbrachte zwei Monate bei meiner Familie in Belgrad, bevor er dann nach Kroatien zurückkehrte.«

Es waren solche Geschichten und Aussagen, welche die beinahe schon legendäre Feindschaft zwischen Stimac und Mihajlovic im Laufe der Jahre am Leben erhielten. Beide Spieler wurden zu Symbolfiguren eines unerschütterlichen Nationalismus auf beiden Seiten. 1999 standen sie sich erneut auf dem Fußballplatz gegenüber, als ihre Länder im Rahmen der EM-Qualifikation aufeinandertrafen. Die Begegnungen endeten 0:0 in Belgrad und 2:2 in Zagreb. Sie waren von beispiellosen Sicherheitsmaßnahmen, Nervosität und zahlreichen Fehlern geprägt. Die Zeit war einfach noch nicht reif.

 
 
 
 
 
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