22.03.2013

Kroatien gegen Serbien – Wenn aus Fußball Hass wird

Todfeinde

Seite 2/4: Es gab nur noch Freund oder Feind
Text:
Aleksandar Holiga
Bild:
Imago

Die ethnischen und politischen Spannungen in der Region rund um Borovo hatten im Frühjahr 1991 ihren Höhepunkt erreicht. Zwar waren in den damals stattfindenden Friedensverhandlungen durchaus Fortschritte zu verzeichnen, doch die Hoffnung auf eine gewaltfreie Lösung hing am seidenen Faden – der von einer Handvoll militanter Fanatiker zerschnitten wurde. Am 2. Mai waren bei einer Auseinandersetzung zwischen der kroatischen Polizei und serbischen Milizen mehrere Todesopfer auf beiden Seiten zu beklagen. Als wollten sie unmissverständlich klarmachen, dass Frieden für sie keine Option sei, verstümmelten serbische Freischärler die Leichen der Polizisten. Der kroatische Präsident Franjo Tudjman verkündete daraufhin im Fernsehen, der »offene Krieg« sei nun ausgebrochen, die Medien polarisierten die Öffentlichkeit, und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Jeder hatte eine Seite zu wählen, und von nun ab gab es nur noch Freund oder Feind.

»Ich bete zu Gott, dass deine ganze Familie ermordet wird«

Sinisa Mihajlovic konnte damit anfangs wenig anfangen. Als Sohn eines bosnischen Serben und einer kroatischen Mutter war er als Kind der jugoslawischen Arbeiterklasse erzogen worden. Sein Bruder ging damals in Zagreb zur Schule, um – welch bittere Ironie – Polizist zu werden. Obwohl Sinisa Jugendfreunden zufolge Fan von Hajduk Split war, landete er schließlich weder dort noch bei Dinamo Zagreb, sondern bei Roter Stern Belgrad, dem jugoslawischen Meister. Die damalige Mannschaft von Roter Stern war eine Art sozialistische Variante der Galácticos von Real Madrid. Fast alle ethnischen Gruppen der Föderation waren vertreten, womit es wohl die »jugoslawischste« Elf war, die jemals zusammengestellt wurde. Trotzdem wurde der Klub zum Symbol des aggressiven serbischen Nationalismus. Die härtesten Ultras organisierten sich in paramilitärischen Einheiten, die in Kroatien und Bosnien Angst und Schrecken verbreiteten.

Am 8. Mai 1991 reiste Hajduk Split nach Belgrad, um im jugoslawischen Pokalfinale gegen Roter Stern anzutreten. Die Mannschaft wurde mit einer Armeemaschine eingeflogen und unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen zum Stadion eskortiert. Die Polizistenmorde von Borovo lagen nicht mal eine Woche zurück und elf Tage später sollte in einem Referendum über die Unabhängigkeit Kroatiens entschieden werden. Für Hajduk spielten damals Igor Stimac, Slaven Bilic, Robert Jarni und Alen Boksic, außerdem Ante Misic, der mit Mihajlovic in Borovo aufgewachsen war. Das Team, das in Gedenken an die Opfer von Borovo Selo schwarze Armbinden trug, gewann überraschend mit 1:0. Doch das Spiel wurde von einer hitzigen Auseinandersetzung zwischen Stimac und Mihajlovic überschattet. Selbst im Fernsehen war deutlich zu erkennen, dass Mihajlovic nach einer Bemerkung von Stimac darauf aus war, seinen Gegner absichtlich zu verletzen. Beide wurden schließlich vom Platz gestellt. »Wir standen uns einen Moment lang gegenüber«, erzählte Mihajlovic später. »Er beugte sich zu mir rüber und sagte voller Hass: ›Ich bete zu Gott, dass deine ganze Familie ermordet wird.‹ In dem Moment hätte ich ihn am liebsten mit den Zähnen zerfleischt.«

 
 
 
 
 
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