Kommentar zur aktuellen Fan-Debatte

Beruhigt euch!

Der Platzsturm von Düsseldorf und seine Folgen: Seit Wochen malen Politiker, Ex-Fußballer, Funktionäre und Talkshowgäste den Teufel an die Wand. Die Kernthese lautet: Schützt den Fußball vor seinen Fans! Ja, geht´s denn noch?

Sandra Maischberger und Frank Plasberg haben eigentlich einen ziemlich guten Ruf in der deutschen Medien-Landschaft. Nicht nur weil sie zu besten Sendezeiten hoch frequentierte Talkshows in der ARD leiten. Seit sich Maischberger und Plasberg mit dem Thema »Fangewalt« befasst haben, sollte man das positive Urteil über die beiden Journalisten bedenken. So viel blinder Populismus und unseriöse Berichterstattung gab es in vergangenen Jahren selten zu sehen – die privaten Titten-Tratsch-und Tanzshow-Sender mal ausgenommen. Kritik müssen sich Maischberger und Plasberg auch deshalb gefallen lassen, weil sie mit ihren Sendungen aus einem Schneeball eine Lawine ausgelöst haben. Kein Tag vergeht seither, ohne dass sich wichtige und unwichtige Menschen zum Thema Fan-Gewalt äußern. Teilweise mit haarsträubenden Forderungen und Argumenten. Aktuellste Beispiele: Harald Range, seines Zeichens Generalbundesanwalt, forderte in der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« Fußfesseln für »notorische Hooligans« mit Stadionverbot. Und Lorenz Caffier, CDU-Politiker und immerhin Vorsitzender der Innenministerkonferenz, sprach sich in der »Welt« für personalisierte Tickets, striktes Alkoholverbot und den Ausbau der Videoüberwachung aus. Selbst die Abschaffung von Stehplätzen dürfe »kein Tabu« sein.

Die Alleinschuld an der längst außer Kontrolle geratenen Debatte haben freilich nicht Plasberg und Maischberger. Auslöser des Ganzen sich sicherlich die Stadionbesucher, die dem Reiz des »Bad Boy«-Image nicht widerstehen können, und entfachte Diskussionen über maßlose Fan-Gewalt und die Gefahren von Pyrotechnik mit Hauereien und leuchtenden Bengalos am nächsten Spieltag weiter anfeuern. Die Szene in den Kurven hat ihre schwarzen Schafe nicht im Griff. Das ist schade, aber vermutlich unvermeidlich. Oder können der Generalbundesanwalt und der Vorsitzender der Innenministerkonferenz von sich behaupten, sämtliche Probleme in ihrem Zuständigkeitsbereich im Griff zu haben? Sicherlich nicht.

Hertha ließ sich offenbar von glücklichen Fans zu »Tode« erschrecken

Mitverantwortlich sind aber in diesen Tagen auch die Macher von Hertha BSC, die eine gruselige Saison vor dem DFB-Bundesgericht entscheiden wollen, und sich von dem Platzsturm glücksbesoffener (und friedlicher) Düsseldorf-Fans offenbar zu »Todesangst« erschrecken ließen. Ohne die Aussagen von Michael Preetz und Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt, ohne die daraus resultierende Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht, hätte es die Sendungen bei Maischberger und Plasberg zumindest in dieser Form nicht gegeben. Wäre eine verstaubte holländische Moderatorin fragwürdiger Kindersendungen niemals zum Thema Fußballgewalt befragt worden, hätte sich Johannes B. Kerner, der durch jahrelange Arbeit am Spielfeldrand doch eigentlich ein profunder Kenner der Szene sein müsste, niemals dazu hinreißen lassen, vor laufender Kamera eine Vogelscheuche mit einem bengalischen Feuer anzuzünden.

»Ultras«, hat Sandra Maischberger in ihrer Sendung vor einem Millionenpublikum, das sich auf ihre Meinung verlässt, behauptet, seien »die Taliban der Fußballfans«. Das ist eine radikal verallgemeinerte Meinung, losgelöst von einer anständigen Debatte darüber, wie man mit dem Problem Gewalt und Pyrotechnik (denn darum geht es ja, trotz Platzsturm, eigentlich) umgehen kann. Eine gefährliche Meinung noch dazu. Radikal, weltfremd und gefährlich – eigentlich genau die Eigenschaften, die die Meinungsmacher der deutschen Öffentlichkeit den Fußballfans momentan vorwerfen. Man könnte den Spieß auch umdrehen und behaupten: Talkrunden wie die diese sind die Taliban der deutschen Medienkultur.

Bleibt die Frage, wie man mit diesem Thema umgeht. Der deutsche Fußball steckt voller Experten und Kennern mit einem maßvollen Blick auf Ursachen, Gründe und tatsächliche Gefahr der Aktionen aus der Kurve. Fanforscher, Fanprojektler, Sicherheitsexperten, Fansprecher, viele von ihnen mit teilweise jahrzehntelanger Erfahrung. Sie hat man bei Maischberger und Plasberg leider nicht gesehen. Ihre Meinung interessiert auch nicht, wenn gleichzeitig der Generalbundesanwalt Fußfesseln und der Vorsitzende der Innenminsterkonferenz die Abschaffung von Alkohol und Stehplätzen fordert. Bad news are good news, das ist auch im Fußball nicht anders. Schade eigentlich.

Redet den Fußball und seine Kultur nicht nach jedem Bengalo kaputt!

Wünschenswert wäre es, wenn sich die lautstarken Meinungsmacher der hiesigen Öffentlichkeit endlich eine eigene Meinung über die ach so verwahrlosten Zustände in deutschen Stadien machen würden. Das allerdings kostet Zeit und Aufwand oder fähige Redakteure in den eigenen Reihen, die sich nicht nur mit Politik und Wirtschaft auskennen, sondern auch mit Fan- und Stadionkultur.

Bis dahin noch ein Wunsch an alle Parteien: Beruhigt euch! Lasst die Diskussionen nicht nach jedem abgefackelten Bengalo auf ein Stammtisch-Niveau sinken. Redet den Fußball und vor allem seine Fankultur nicht kaputt, nur weil ein paar Idioten die große Bühne für den Versuch eines Spielabbruchs nutzen, oder übermütige Düsseldorfer sich einfach zu früh gefreut haben.

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