Die wundersamen Ereignisse im Berliner Westend waren für die deutsche Mannschaft jedoch auch eine bittere Lehre. Eine Lehre, die sich auf dem Weg zur WM 2014 durchaus als heilsam erweisen könnte. Denn selten wurde derart eindrucksvoll demonstriert, auf welchem Niveau sich internationaler Spitzenfußball heutzutage abspielt. Ein Jota nachzulassen bedeutet auf dieser Ebene, dass ein Vorsprung von vier Toren nicht ausreicht, um drei Punkte einzufahren. Die Ohnmacht, die Jogi Löw im ARD-Studio empfand, ist nur allzu nachvollziehbar. Denn die Dynamik, die das Spiel nach der 60. Minute entwickelte, kann ein Trainer schlicht und einfach nicht erklären. Löw muss sich wie ein Pockenkranker gefühlt haben, der am Abend gut gelaunt mit makellosem Körper ins Bett geht und am Morgen elend erwacht, die Haut mit Pusteln übersät.
Das deutsche Spiel, das eben noch fehlerlos und nach automatisierten Gesetzmäßigkeiten ablief, war von einer Sekunde auf die nächste von Defiziten und Disziplinlosigkeiten durchzogen. Einen Übungsleiter muss so etwas beim Zuschauen krank machen.
Die Schlussfolgerung aus dem Unentschieden gegen Schweden ist ein Mangel an Stabilität innerhalb der Mannschaft. Es geht um Motivations- und Konzentrationsmängel. Das Trainerteam wird hier ansetzen müssen und sollte wenig Probleme haben, so ein Problem in den Griff zu bekommen. Schließlich gehören Disziplin und Teamgeist – zwei elementare Bestandteile, die sich in der letzten halben Stunde auf ungewohnte Weise durch die Hintertür verabschiedeten – seit jeher zu den Kernkompetenzen deutscher Teams. Wer bei den Kommentaren der Spieler zwischen den Zeilen liest, erkennt, die Schuldigen sind intern längst ausgemacht. Wichtig ist nun, dass die Analyse kompromisslos ausfällt. Wer gestern Abend in die Augen von Jogi Löw blickte, wird an seinem Groll keinen Zweifel hegen. Ein derart eklatantes Nachlassen wird es bis Brasilien nicht mehr geben. Und die toten Augen von Berlin sind mit einem blauen Ring über den Tränensäcken davon gekommen.