Kommentar zum deutschen Halbfinal-Aus

Brauchen wir wieder Panzer?

Deutschland ist raus. Gegen Italien. Muss man sich jetzt Sorgen um den deutschen Fußball machen? Nein. Denn die Panzerfahrer von früher kann sich kein deutscher Fan ernsthaft zurückwünschen.

Hinterher ist man immer schlauer. Hinterher war schon vor dem Spiel klar, wer das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien gewinnen würde. Natürlich Italien, weil die so schön und voller Pathos ihre Nationalhymne mitsangen, während unsere Jungs nur stumm wie die Fische dastanden. Hinterher war es falsch, Mario Gomez aufzustellen, der zwar einer der besten Torjäger der Welt ist, aber in der Nationalmannschaft einfach keinen Anschluss findet. Wie ein Zugezogener, der in der neuen Schulklasse erstmal geschnitten wird. Hinterher war es von vornherein klar, dass Deutschland keinen Titel würde gewinnen würde, schließlich fehlen uns die echten Typen, die Leader, die Arschaufreißer à la Matthäus, Sammer, Ballack. Die typisch deutschen Bösewichter mit angefeilten Alustollen, die Panzer, die Spieler, die am Ende eben immer gewinnen...

Stop.

Die Niederlage im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Italien tut weh. Weil es 1.) wieder mal Italien war und weil man 2.) so hohe Erwartungen in diese deutsche Mannschaft gesetzt hatte. Schmerz verleitet zu falschen Urteilen. Zu Besserwisserei und dem trotzigen Gedenken an frühere deutsche Turniermannschaften, die zwar häufig scheiße spielten, aber am Ende eben den verdammten Titel mit nach Hause brachten.

Wünschen wir uns wirklich die Brehmes, Klinsmanns, Sammers, Bierhoffs zurück?

Nein.

Die deutsche Nationalmannschaft hat in den vergangenen zwei Jahren viele Bewunderer gefunden, eine globale Anerkennung, die keiner ihrer Vorgängermannschaften jemals zuteil wurde. Die Welt empfindet deutschen Fußball nicht mehr hässliche Panzerrollerei, sondern als Vorbild und Sympathieträger. Davon kann man sich zwar nichts kaufen und gerade in einem Spiel wie jenem gegen Italien wünschte man sich die Drecksäcke von früher wieder zurück auf den Platz, um dem Gegner wenigstens den Rasen kaputtzutreten. Aber das Gefühl, zumindest auf emotionaler Ebene, Teil einer Nationalmannschaft zu sein, die Fußball spielt statt ihn zu ackern, zu kämpfen, zu arbeiten, kann sich kein deutscher Fußballfan ernsthaft wieder nehmen lassen wollen.

An Titel erinnert man sich ewig. Weil sie auf Briefbögen so hübsch aussehen. Aber Mannschaften, die den Menschen mit ihrem Spiel Freude bereiteten, sind unsterblich. Fragt nach in den Niederlanden (1974, 1978, 1998), in Frankfurt (1992) oder England (1990).

Schade ist nur, dass die deutsche Auswahl bei dieser EM unerklärbar verkrampft wirkte, gehemmt in ihren Möglichkeiten. Sie hat bei diesem Turnier nicht einmal das gezeigt, was sie 2010 und 2011 zur attraktivsten Mannschaft der Welt erhoben hat. Vielleicht lag es an Schweinsteiger, vielleicht an Özil. Vielleicht war diese Mannschaft aber auch noch nicht reif für den Titel. Denn, das wurde ja in den vergangenen Monaten gerne vergessen: In dieser Konstellation, mit den Stützpfeilern Neuer, Badstuber, Khedira, Schweinsteiger, Özil, hat die Nationalelf erst ein Turnier bestritten: 2010, in Südafrika. 2008 oder gar 2006 war das eine gänzlich andere Nationalmannschaft.

»Das große Ganze«, hat der gestern nach dem Spiel so wunderbar formulierende Mehmet Scholl gesagt, »ist bei dieser Mannschaft perfekt. Es geht um Kleinigkeiten, an denen man arbeiten muss. Aber diese Kleinigkeiten sind wichtig.« Kleinigkeiten, mit denen man Titel gewinnt.

Fazit: Diese deutsche Mannschaft hat gegen Italien enttäuscht. Aber sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, weg von den hässlichen Panzern, hin zu einem Fußball, der glücklich macht. Dieser Weg, eingeschlagen vor mehr als zehn Jahren, wird kein schlechter gewesen sein.

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