Kommentar: Keine Strafe in der Hoffenheimer »Lautsprecher-Affäre«

Nur ein Lausbubenstreich

Unsportlich: ja, strafwürdig: nein. Die Entscheidung des DFB-Kontrollausschusses im Zuge der »Lautsprecher-Affäre« von Hoffenheim hat unnötig viele Fragezeichen hinterlassen. Die TSG nicht zu bestrafen, war ein Fehler. Kommentar: Keine Strafe in der Hoffenheimer »Lautsprecher-Affäre«

Soll man lachen oder weinen? Der Kontrollausschuss des DFB hat bereits am vergangenen Donnerstag das Ermittlungsverfahren gegen die TSG Hoffenheim im Zuge der »Lautsprecher-Affäre« eingestellt. Offizielle Begründung: »Das Vorgehen des Mitarbeiters stellt zwar ein unsportliches Verhalten dar, ist allerdings als geringfügig einzustufen.«

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Bedeutet im Klartext: Keine Strafe für Hoffenheim, keine Strafe für den Hausmeister, der mit einer selbst konstruierten Anlage Gesänge aus dem Dortmunder Auswärtsblock übertönen wollte. Keine Strafe für ein unsportliches Verhalten, das es in dieser Form im deutschen Fußball noch nicht gegeben hat.

Fußballfans zum Schweigen bringen – kreative Nachahmer gesucht

Es braucht noch nicht einmal Zynismus um festzustellen, dass die Entscheidung des DFB-Sportgerichts möglicherweise allen möglichen Nachahmern Tor und Türen geöffnet hat. Wer Fußballfans in Deutschland zum Schweigen bringen möchte, der darf seiner Kreativität nun freien Lauf zu lassen. So sie denn nicht mehr als 90 Dezibel erzeugt – das ergab das von vielen beteiligten Fans angezweifelte Gutachten durch Jürgen Maue vom Institut für Arbeitsschutz im Dezember 2011. Zur Erinnerung: Die für den Fall verantwortliche Staatsanwaltschaft Heidelberg (gleich mehrere BVB-Fans hatten Schadensersatzforderungen gestellt) vermeldete anschließend: »Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren wegen erwiesener Unschuld eingestellt.«

Strafrechtlich war die Angelegenheit damit vom Tisch, doch zumindest vom DFB-Sportgericht erwartete ein Großteil der deutschen Fanszene eine angemessene Reaktion. Hoffenheim hatte Mist gebaut, Hoffenheim sollte dafür bestraft werden. So der einhellige Tenor. Laut DFB hat Hoffenheim tatsächlich Mist gebaut, wird aber nicht dafür bestraft. Logisch erklären kann man das nicht.

Anton Nachreiner, Vorsitzender des DFB-Kontrollausschusses, ist für das Urteil verantwortlich. Zum Vorfall in Hoffenheim sagte er 11FREUNDE: »Das war im Ergebnis ein Lausbubenstreich á la Max und Moritz. Zwar unsportlich, aber auch ganz offensichtlich harmlos, wie das Gutachten der Staatsanwaltschaft bewiesen hat. Niemand ist zu Schaden gekommen.« Überhaupt: »Was man an der Sache schnell vergisst: Angefangen haben ja die Dortmunder mit ihren Schmähgesängen. Das war unfair. Das Verhalten des TSG-Mitarbeiters war eine Reaktion auf die Schmähgesänge.« Das solle nicht heißen, dass man unfaires Verhalten mit unfairen Verhalten kontern dürfe. Es sei, so Nachreiner, auch nicht selten, dass der Kontrollausschuss unsportliche Aktionen wegen Geringfügigkeit nicht ahnde. Eine vernünftige Erklärung für das Urteil ist es allerdings auch nicht.

Fassungsloser BVB: »Wie ich es erwartet hatte.«

In Dortmund ist man sprachlos. Jens Volke, der Fanbeauftragte beim BVB, hatte noch im Dezember, nach der Urteil der Staatsanwaltschaft, die zarte Hoffnung geäußert, »dass der DFB ein Zeichen setzt und die TSG für diesen Fehler bestraft.« Jetzt sagt er knapp: »Es ist so gekommen, wie ich es erwartet hatte.«

Welche Folgen das DFB-Urteil hat, werden die nächsten Monate zeigen. Die gegnerischen Fans niederzubrüllen, die Gesänge aus der gegnerischen Kurve mit der Kraft der eigenen Stimmbänder zu unterwandern, ist so alt wie das Spiel selbst. Dass Fußballfans im Stadion verbal die Sau raus lassen, ist Teil eines gegenseitigen Geschäfts, von dem der DFB in den vergangenen Jahrzehnten hervorragend profitiert hat. Fans ketten sich emotional an ihren Klub oder generell an den Sport selbst und in der Regel entlädt sich die Emotion in nicht ganz ernst gemeinten Beleidigungen, die auf der Straße niemand, im Stadion (fast) jeder von sich geben würde. Dafür geben die Menschen Geld aus. Fußball, das Spiel der Emotionen. Wenn der DFB nun den Einsatz eines technischen Geräts gegen unsportliche Fangesänge zwar missbilligt, aber nicht bestraft, dann ist das eine Entscheidung, die unnötigerweise viel zu viele Fragezeichen hinterlässt.

Viel zu viele unnötige Fragen

Dürfen jetzt Hamburger Bremer mundtot machen? Wird die TSG Hoffenheim nicht bestraft, weil Dietmar Hopp so gute Kontakte in die DFB-Zentrale hat? Warum gibt es für bengalische Fackeln, die niemanden verletzt haben, hohe Geldstrafen, nicht aber für den Einsatz eines Lautsprechers, der den Gästefans zumindest ordentlich die Ohren hat klingeln lassen? Unnötige Fragen sind das, vielleicht sogar nicht gerechtfertigte Fragen. Aber es wird sie geben, noch häufiger als zuvor. Die Schuld daran trägt der DFB selbst.

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