Kölns Superlativ

Der heimlichste Erstligist

Beim 1. FC Köln sieht die Saisonvorbereitung ungefähr so aus: Trainer Christoph Daum und Manager Michael Meier machen den FC fit für den Europapokal. Achso, ja: Vorher wartet allerdings noch die leidige 2. Bundesliga. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Rudi Völler beschrieb die Situation beim 1. FC Köln äußerst treffend: »Das Schönste in Köln ist immer die halbe Stunde vor dem Anpfiff.« Viel entgegnen könnte dem Leverkusener Sportdirektor derzeit kaum ein FC-Fan. Denn der 1. FC Köln des Jahres 2007 ist von einem ironischen Widerspruch geprägt: Über 40 000 Zuschauer kamen in der vergangenen Saison durchschnittlich zu den Heimspielen, in ein Stadion, das bei der WM allerhöchsten Ansprüchen genügte. Doch inmitten dieses erstklassigen Rahmens stümperte sich der FC gegen Gegner wie Aue, Paderborn oder Augsburg auf Platz neun der 2. Bundesliga. Trotzdem tragen die Anhänger ihr Geld unnachgiebig zum FC. Wie klein die Gegenleistung ist, scheint ihnen egal zu sein. Der FC bleibt für immer ein gefühlter Europapokal-Teilnehmer, zumindest in der Domstadt.

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Leider sind es nicht nur die Fans, sondern auch die Klubverantwortlichen, die nach dieser Maxime handeln. Im Winter sah sich der Verein noch auf dem besten Wege, dieses paradoxe Bild in Müngersdorf gerade zu rücken. Christoph Daum hatte nach langem Flehen als Trainer zugesagt – nun sollte der Heilsbringer das Rote Meer teilen und den FC in ein besseres Leben führen. Manager Michael Meier sagte auf der Jahreshauptversammlung trotz Daums holprigem Start, dass er eine »elitäre Arroganz« beim 1. FC Köln vermisse. Die 2. Liga? Die sollte bald nur noch ein Stück unliebsame Geschichte des FC auf dem Weg zurück nach Europa sein. Doch was folgte, waren zahlreiche Rückschläge, Enttäuschungen und das, was man mit Fug und Recht als den (neuen) Tiefpunkt der Vereinsgeschichte bezeichnen kann: ein 0:5 bei Absteiger Rot-Weiss Essen.

Der FC, er ist nicht mehr arrogant. Er ist tief depressiv.

Seine Sehnsucht nach elitärer Arroganz in einer 2. Liga, die den FC beherrscht statt umgekehrt, bekam Michael Meier von den Tageszeitungen der Stadt schon oft genug um die Ohren gehauen. Doch seine Worte sind nicht mehr als eine Zustandsbeschreibung des dreifachen deutschen Meisters. Der FC, er ist nicht mehr arrogant. Er ist tief depressiv. Er hat mit seiner »Ex-Freundin« Christoph Daum den bislang vollkommen gescheiterten zweiten Versuch gestartet, weil er sich in das Jahr 1989 zurücksehnt. Er hat sich Wolfgang Overath als Präsidenten geholt, weil er sich nach 1964 zurücksehnt. Doch Overath und Daum, die in ihrer jeweiligen Generation für einen 1. FC Köln als Spitzenmannschaft standen, haben das Glück nicht zurückgebracht. Heute stehen sie für den sportlich schlechtesten 1. FC Köln aller Zeiten.

Wie zweitklassig der FC von heute ist, hat ein Brasilianer namens Fabio Luciano eindrucksvoll veranschaulicht. Er war einer der Daum-Einkäufe im Winter. Mitte Januar wechselte er von Fenerbahçe zum FC und als der Kampf um den Aufstieg immer aussichtsloser wurde, sprach er den großen Treueschwur: »Ich spiele sehr gerne in Köln und wenn der Verein möchte, stehe ich in der kommenden Saison zur Verfügung – egal in welcher Liga.« Am 1. April erschien das Stadionmagazin »Geißbock-Echo« mit seinen treuseligen Worten. Sie hatten rund zwei Wochen Bestand, da gab der Abwehrspieler seinen Vertrag wieder ab. Luciano hatte sich wohl die Frage gestellt: »Was soll ich noch hier?« Die gleiche Frage ging offenbar auch Christoph Daum nach einem bitteren 0:3 gegen Freiburg am Ende der Saison durch den Kopf – und er hatte sie wohl schon so ähnlich wie sein ehemaliger brasilianischer Abwehrchef beantwortet. Fragen, ob er denn auch in der kommenden Saison Trainer des 1. FC Köln sein werde, wich er stets mit allen möglichen Sätzen aus. Ein einfaches »Ja« ließ dagegen lange auf sich warten. Erst ausgedehnte Gesprächsrunden mit Meier und Overath brachten Daum zurück auf Kurs. Dass es ein Duo wie Meier und Daum ist, das diesen Zweitligisten führt, verstärkt das schräge Bild beim FC. Meier gewann mit Dortmund 1997 die Champions League. In Leverkusen begannen erst mit Christoph Daum ab 1996 die wirklich fetten Jahre. Beide haben sie jahrelang die ganz großen Räder gedreht. Heute stehen Daum und Meier in den Stadien von Burghausen und Koblenz.

Bis er 1984 von den Bayern abgelöst wurde, war der FC Tabellenführer der Ewigen Tabelle der 1. Bundesliga. Im Jahr 2000 verlor er auch den zweiten Platz. Und heute? Selbst Vereine wie der VfB Stuttgart, der 1. FC Kaiserslautern oder Schalke 04 sind längst vorbeigezogen. In der Ewigen Tabelle der 2. Liga steht der FC dagegen auf Platz 49. Vier Plätze hinter Wormatia Worms. Hier kann der FC 2007 ganz ohne »elitäre Arroganz« und Träumen von europäischen Spielen neu ansetzen. Denn der FC spielt in der 2. Liga. Wenn er das verstanden hat, kann er dieses schaurige Kapitel im Mai vielleicht beenden.

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