Kölns Sportdirektor über Fußball aus einer anderen Welt

Volker Finke: »Das war fürchterlich«

Kölns Sportdirektor über Fußball aus einer anderen Welt
Heft#111 02/2011
Heft: #
111
So langsam ist es in den Nebeln des Vergessens verschwunden, dass Volker Finke mit Brilli im Ohr und selbstgedrehten Zigaretten mal ein »anderer Trainer« und der SC Freiburg ein »anderer Fußballklub« war. Als Joschka Fischer des deutschen Fußballs hat Finke dem von ihm entwickelten Konzeptfußball den Marsch durch die Institutionen ermöglicht. Bei der Rückkehr nach Deutschland wird der 62-Jährige auf die Generation seiner Erben treffen, die Tuchel heißen, Stanislawski und auch Dutt. Vielleicht wäre Finke aber gar nicht heimgekommen, hätte es nicht die vermaledeite Sprachbarriere gegeben. »Ich habe jeden Tag darunter gelitten, dass ich kein Japanisch kann«, sagt er. Früher war er nach Georgien oder Mali, um zu verstehen, aus welcher Kultur seine Spieler kamen, Japan erlebte er der Sprache beraubt oft durch die Milchglasscheibe.

[ad]

»Das war fürchterlich«, sagt Finke, aber diese Klage ist nur ein Teil der Wahrheit über sein zweijähriges Abenteuer als Cheftrainer der Urawa Red Diamonds, des populärsten Klubs in Japan. 60 000 Zuschauer kamen regelmäßig ins WM-Stadion von Saitama, nördlich von Tokio, und machten eine Stimmung, die allen Fans zwischen Buenos Aires, Glasgow und Dortmund Respekt abnötigen sollte. Aus dem 32. Stock seiner Wohnung in Tokio lag Finke zudem eine der aufregendsten Metropolen der Welt zu Füßen und ein Land, das zwischen Konsumrausch und Schreinen so ganz eigen funktioniert. »Ich bin sehr froh, hier gewesen zu sein.«

Irgendwie war Finke auch in Japan wieder Projektarbeiter

Eingefädelt hatte den Wechsel in die J-League der FC Bayern München im Jahr 2009. So ging es aus der Ökometropole, vom Klub mit der Solaranlage auf dem Tribünendach zum Werksklub von Mitsubishi, einem der größten Auto-, Elektronik und Pharmakonzerne der Welt. Finke sollte den Urawa Reds eine sportliche Neuausrichtung geben, die Nachwuchsausbildung fördern und die Kosten senken helfen. Denn Mitsubishi war im Jahr zuvor von der weltweiten Wirtschaftskrise besonders hart getroffen worden. Zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt war Finke damit irgendwie doch wieder bei der Projektarbeit gelandet.

»Das Team war damals völlig über den Punkt«, sagt er. Nicht nur überaltert, sondern auch taktisch rückständig spielte es noch mit Libero und dem ehemaligen Leverkusener Robson Ponte als Zehner alter Schule. »Die Spieler haben die Umstellung auf den europäischen Fußballstil gerne mitgemacht.« Allerdings war bei aller Lernbereitschaft die Vermittlung mitunter schwierig, weil schon normale Videoanalysen von Spielszenen eine kulturelle Hürde darstellten. »Japaner sind tief verletzt, wenn etwas passiert, das ihrer Erziehung widerspricht.« Deshalb konnte Finke im Rahmen einer Mannschaftssitzung nicht einfach falsches Verhalten auf dem Platz vorführen, und schon gar nicht das von älteren Spielern, die von den jungen sogar noch gesiezt werden.

Finke konnte Kagawa nicht zu Urawa holen

Dieses Senioritätsprinzip trägt laut Finke auch zum Boom japanischer Talente in Deutschland bei. Die meisten Bundesligisten interessieren sich seit dem sensationellen Erfolg des nur 350 000 Euro Ablöse teuren Shinji Kagawa bei Borussia Dortmund für Youngster aus Japan. Dabei stellen sie erstaunt fest, dass diese Spieler Azubiverträge haben, die selbst von deutschen Zweitligisten überboten werden können. Gutes Geld sollen sie im eigenen Land erst im höheren Alter verdienen. Für Kagawa setzte sich Finke sogar über die Etikette hinweg, die es einem Trainer eigentlich verbietet, Spieler wegen eines Transfers persönlich zu treffen. Aber mit dem für ein japanisches Talent typischen Gehalt, konnte er Kagawa letztlich nicht vom Wechsel zu Urawa überzeugen.

»Japan hat sich im Fußball eine ganz eigene Welt in der Vertragsgestaltung geschaffen«, sagt Finke. Deshalb sind viele gute Spieler obendrein noch ablösefrei zu haben, so dass Finke in zwei Jahren ein halbes Dutzend Nationalspieler abgeben musste, ohne Transfererlöse zu erzielen. Denn auch bei den Reds selbst ging es eigentümlich zu. Der Klub musste zwar drastisch sparen, doch darüber durfte in der Öffentlichkeit möglichst nicht zu laut gesprochen werden, weil die Vereinsführung besorgt war, die Anhänger würden sich dann abwenden. Drei Monate nach Finkes Ankunft in Tokio wurde überdies das Präsidium abgelöst, das ihn verpflichtet hatte, und das neue forderte trotz allen Sparens auch Titelgewinne, hielt jedoch trotz eines sechsten und zehnten Platzes still.

Brilli und Selbstgedrehte hat Finke längst abgelegt

Vielleicht gibt es über alle kulturellen Grenzen hinweg doch so etwas wie universalen Fußballirrsinn, der immer nur lokal koloriert ist. In Köln und in neuer Rolle als Sportdirektor wird sich daran vermutlich nichts ändern, aber nach zwei Jahren in weiter Ferne kommt ein anderer Volker Finke nach Deutschland zurück. Vom SC Freiburg ist nicht einmal mehr im Nebensatz die Rede, wie er überhaupt aufgeräumt wie lange nicht klingt. Japan hat ihn überdies kompromissbereit gemacht. Den Brilli und Selbstgedrehte hatte er schon lange abgelegt, doch zu Interviews im japanischen Fernsehen hat Volker Finke doch tatsächlich Anzug und Krawatte angezogen.

---
Niemals nichts verpassen! Bestelle hier den 11freunde.de-Newsletter kostenlos und gewinne mit etwas Glück ein 11FREUNDE-Jahresabo!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!