Knietief in der Selbstherrlichkeit

Als St. Pauli gegen den HSV gewann

September 1977. Gerade erst hatte der HSV den Pokalsieger-Cup gewonnen und mit Kevin Keegan den besten Spieler Europas verpflichtet. Die Meisterschaft schien nur Formsache – bis zum ersten Bundesligaderby gegen den FC St. Pauli. Knietief in der Selbstherrlichkeitimago

Für Peter Nogly war die Sache schon vor dem Spiel klar: »Wir gewinnen 8:0«, trompetete er den anwesenden Journalisten zu und weil die ihn ungläubig anschauten und auf ein Augenzwinkern warteten, fügte er noch hinzu: »Das ist mein voller Ernst!«

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Der HSV war zwar nicht gerade souverän in die Saison gestartet, doch gegen den kleinen Nachbarn vom Millerntor würde auch die halbe Kraft reichen, da waren sich alle sicher. »Schließlich«, und das wiederholten sie am Volkspark in jenen Tagen gebetsmühlenartig, »schließlich sind wir der HSV!« Ein Satz, der damals wie die adäquate Antwort auf jedwede Kritik schien. Als Dr. Peter Krohn etwa in der Saison 1976/77 beim HSV rosafarbene Trikots einführte, begründete er diesen Farbcode so: »Wir sind nicht irgendwer, wir sind der HSV! Und deswegen tragen wir keine Massenware mehr.« Und als die Mannschaft im August 1977 geschlossen in einem Hotelrestaurant ihren Kaviar mit Suppenlöffeln verspeiste und der neue Trainer Rudi Gutendorf an ihre Manieren erinnerte, antworteten die Spieler: »Wir sind der HSV, wir können das!« Knietief in der Selbstherrlichkeit.
 
Le club c’est moi
 
Doch die Kritiker blieben vor dem Spiel stumm, sie nickten Nogly zu und schrieben brav in ihre Blöcke die Zahlen Acht und Null. Denn was sollte schon schief gehen an diesem 3. September 1977? Wenige Monate vor dem Derby hatte der HSV den Europapokal der Pokalsieger gewonnen und »Le club c’est moi«-Manager Dr. Peter Krohn baute an seiner Wunderelf wie alte Omis an ihren Setzkästchen. Hier ein neuer Spieler, dort ein neuer Sponsor. Für die damalige Rekordtransfersumme von 1,6 Millionen Mark holte er im Sommer 1977 Englands Kapitän Kevin Keegan vom FC Liverpool nach Hamburg und Rudi Gutendorf raunte anerkennend: »Das ist das Beste, was es momentan in Europa gibt.« Zudem lockte Krohn Jugoslawiens »Fußballer des Jahres«, Abwehrmann Ivan Buljan, für 550.000 Mark nach Hamburg. Dazu hatte der HSV die aktuellen Nationalspieler Rudi Kargus, Manni Kaltz, Peter Nogly, Felix Magath und Georg Volkert im Kader.
 
Während einige noch ungläubig fragten, wie man solch ein Ensemble finanziell unterhalten könne, hatte Dompteur Krohn kurzerhand das Fußball-Marketing erfunden. Er ließ etwa Zuschauer darüber entscheiden, auf welchen Positionen sich der HSV verstärken sollte. Für dieses Gefühl von Basisdemokratie zahlten die Besucher zwei Mark mehr Eintritt. Krohn veranstaltete Show-Trainings mit Mike Krüger als Linienrichter und einer Blaskapelle im Mittelkreis und er stampfte innerhalb weniger Wochen den Hafenpokal aus dem Boden. Hier fegte der HSV in der Sommerpause den FC Barcelona mit 6:0 aus dem Stadion, gegen den FC Liverpool gewann die Wunderelf mit 3:2. Die Geldscheine fluteten derweil die bis dahin leeren Vereinskassen.
 
Beim FC St. Pauli hatten sie in diesen Monaten andere Dinge im Kopf. Der Klub war durch ein 1:0 beim SC Herford zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Bundesliga aufgestiegen und feierte fortan eine Party, die eine gefühlte Ewigkeit dauern sollte. Dabei vergaß die Vereinsführung glatt, dass der Kader für das Abenteuer Bundesliga gerade mal aus 16 Mann bestand. Die Mannschaft reiste nach Mallorca und bezog unweit des Ballermanns mehrere Zimmer im Hotel »Sofia«. Für den damals gerade 19-jährigen Buttje Rosenfeld eröffnete sich eine neue Welt. »Jens-Peter Box und ich waren die Einzigen, die bis dahin keinen Alkohol getrunken hatten«, erinnerte er sich später. »In der Hotelhalle wurden wir mit Sangria empfangen. Ich dachte: ›Mensch, das schmeckt aber klasse, Fruchtsaft!‹ Davon habe ich mich vier Tage nicht wieder erholt.« Tatsächlich schien sich die gesamte Mannschaft ein Jahr nicht davon zu erholen. Der FC St. Pauli stieg nach sechs Siegen und 22 Niederlagen wieder ab. St. Pauli-Ikone Walter Frosch gibt heute zu: »Wir haben den Aufstieg fast ein Jahr lang gefeiert.«

Doch vielleicht wäre ohne diese Euphorie und Unbekümmertheit, mit der die Spieler durch die Stadien und Städte reisten, der Triumph am 3. September 1977 nie möglich gewesen. Gerade in diesem Spiel stimmte die Mischung aus Enthusiasmus und Leidenschaft auf der einen und Professionalität und taktischer Disziplin auf der anderen Seite. Kurzum: In diesem Spiel klappte alles, was in fast allen kommenden Spielen der Saison misslang. Von der ersten Minute an entfachte der HSV vor 50.000 Zuschauern zwar einen Sturmlauf sondergleichen – am Ende standen 20:3 Ecken zu Buche, Memering setzte einen 14-Meter-Schuss an die Latte, St. Paulis-Keeper Rynio parierte zweimal gekonnt gegen Fernschüsse von Reimann und Volkert –, doch ein probates und spielerisches Mittel fand der Favorit zu keinem Zeitpunkt. Nogly schleppte sich über den Platz wie ein alter Mann, Spielmacher Magath und Stareinkauf Keegan hatten kaum Ballkontakte und Steffenhagen tat alles – außer seine Position auf dem Flügel zu halten.
 
Auf dem Kopf eine HSV-Mütze, auf den Lippen ›Sankt-Pauli‹

Taktisch clever agierte indes der FC St. Pauli. Trainer Diethelm Ferner hatte der Mannschaft strikte Defensive verordnet, und so lauerte die Kiez-Elf aus einem Abwehrbollwerk heraus auf Konterchancen. Die beste in der ersten Hälfte nutzte Franz Gerber eiskalt. In der 30. Minute schüttelte er am Strafraum zwei Gegenspieler ab und schob den Ball vorbei am herauseilenden Rudi Kargus ins linke untere Eck. Danach verfiel der HSV in eine Schockstarre und Gerber spielte seine vielleicht besten 15 Minuten dieser Saison.
 
Umgekehrte Verhältnisse gab es hernach auch auf den Rängen. Die Stimmung kippte von einer Minute auf die andere und später schrieb das »Hamburger Abendblatt«: »Auf dem Kopf eine HSV-Mütze, auf den Lippen ›Sankt-Pau-liii‹-Rufe. Die Zuschauer, die Gefallen an dem unkomplizierten und taktisch ausgefeilten Spiel des krassen Außenseiters St. Pauli gefunden hatten, nahmen das Bundesliga-Baby auf ihren Schoß und päppelten es mit Beifall und Anerkennung hoch.«

»Ätsch – ganz Deutschland jubelt mit St. Pauli«
 
Das 2:0 fiel trotz zahlreicher weiterer Chancen nicht vor der Halbzeit. Erst als der HSV am Ende mit dem von Gutendorf oftmals geprobten 1-5-5-System alles nach vorne warf, staubte Kulka in der 87. Minute einen Abpraller zum 2:0 ab. Danach gab es kein Halten mehr: Die gesamte Trainerbank der Braun-Weißen rannte auf den Platz, während Keegan, Magath und Kargus den baldigen Abpfiff herbeisehnten. Auch weil der HSV in den Wochen und Monaten zuvor in unangenehmer Arroganz und hollywoodesker Selbstverliebtheit ertrank, war in den Abendstunden die Schadenfreude allerorten zu spüren. An beschlagene Fensterscheiben hatten Fans das Ergebnis geschmiert, auf den Straßen riefen sie sich immer wieder die Namen der Torschützen zu und die »Bild«-Zeitung titelte »Ätsch – ganz Deutschland jubelt mit St. Pauli«.
 
Erholen konnte sich der HSV von der Niederlage in dieser Saison nicht mehr. Zumal auch das Band zwischen Gutendorf und seinem Team schon vor dem Derby arg strapaziert war. Trainer und Profis reduzierten die Kommunikation aufs Nötigste und ließen jeden Respekt vermissen. Einige Spieler nannten Rudi Gutendorf »Jerry« – in Anlehnung an den US-Komiker Jerry Lewis. Der HSV verlor in den folgenden Wochen gegen Fortuna Düsseldorf und Eintracht Braunschweig und schied gegen Anderlecht aus dem Europapokal aus. Unlängst hatte Dr. Peter Krohn eine 100-Tage-Frist für Gutendorf ausgesprochen.

Später sagte Gutendorf: »80 Prozent meiner Arbeit musste ich damit verbringen, den Manager abzuwehren. Er schrieb mir sogar die Nummernverteilung bei den Trikots vor.« Gutendorf hatte keine Chance, hielt dennoch an seinem Platz fest. Doch schon nach der Heimpleite gegen Saarbrücken im Oktober 1977 wurde er beurlaubt. Gutendorf kehrte Hamburg nach nur vier Monaten den Rücken – in der Gewissheit, dass er noch einige Kilometer zu gehen hatte.

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