Klinsmanns Premiere

Aufmarsch der Revolutionäre

Auftakt für Trainer Jürgen Klinsmann: Bayern München spielt bei einem westfälischen Sechstligisten, und die Medien spielen verrückt. Doch eins stellt er klar: »Ich bin weder Erneuerer, noch Reformer oder was auch immer.« Klinsmanns PremiereImago Forusan Madjlessi ist für Umstürze nicht zu gebrauchen. Er ist 42 Jahre alt, sitzt für die FDP im Stadtrat und war bis vor einer Woche Schützenkönig von Lippstadt. Seine Eltern stammen aus Persien, gehörten zur Zeit des Schahs der Oberschicht an. Als der Ajatollah mit Scholl-Latour in Teheran einflog, lebten sie schon längst in Westfalen.

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Heute kommt der FC Bayern nach Lippstadt und wie einst Khomeini in den Mittleren Osten kommt er im Jumbo. Es heißt, die Lufthansa hätte keine andere freie Maschine gehabt. Vielleicht brauchen sie auch so viele Plätze für all die Co-Trainer und Fitnesstrainer und Reha-Trainer.

»Bayern ist nicht Klinsmann«

Madjlessi ist seit Anfang des Jahres Präsident des SV 08 Lippstadt. Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge kickte einst für den Vorgängerclub. Zu 100 Jahren Vereinsfußball, schenkte er seiner Heimat nun ein Freundschaftsspiel gegen seine Münchner Edeltruppe. Wie der Zufall es wollte, ist diese Partie die erste nach dem Dienstbeginn von Jürgen Klinsmann an der Säbener Straße. Und deswegen ist an diesem Sonntag der Teufel los im Stadion »Am Waldschlösschen«. 8000 Fans strömen in das kleine Rund, der Verein hat eigens Zusatztribünen errichtet. Madjlessi steht jetzt am Eingang West und muss laufend Hände schütteln. Er sagt einen großen Satz: »Bayern ist nicht Klinsmann.«

Eine gewagte These. wenn man die Medien-Berichterstattung der letzten Wochen zugrunde legt. »Klinsmanns Revolution beginnt«, titelte selbst so ein seriöses Magazin wie der Kicker nach dem Trainingsauftakt. Bei der Münchner Abendzeitung gilt Klinsmann im neuen Dress als der »rote Revoluzzer«, bei der Welt als »Heilsbringer«. Gewiss, er hat ein modernes Leistungszentrum einrichten lassen – in Mailand gibt es ähnliches schon seit Jahren. Er hat den Acht-Stunden-Tag eingeführt – der Hamburger Sportverein hat den bereits unter Huub Stevens praktiziert. Er hat wieder ein internationales Expertenteam um sich geschart – beim DFB war das nicht anders.

Bisschen Weltreligion, bisschen internationales Management

Seit der Vorbereitung auf die WM 2006 ist weithin bekannt, welchen Arbeitsstil Klinsmann pflegt. Er analysiert akribisch Stärken und Schwächen und versucht bis ins kleinste Detail alle Faktoren zu optimieren, die sich auf die Leistung seiner Spieler auswirken können. Deshalb hat er die bestehenden Planungen für das Münchner Leistungszentrum überarbeitet, deshalb legt er Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung der Spieler durch Sprachkurse und andere Fortbildungen und überwölbt sein Tun mit Begriffen wie »Energiefeld« bis »Empowerment«.

Ein bisschen Weltreligion, ein bisschen internationales Management. Sicherlich spannende Veränderungen, aber genau das haben Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auch gewollt, als sie Klinsmann einkauften. Dieser "Revolution" fehlt jedes Aufständische, Umstürzlerische, das Überraschungsmoment geht ihr ab. Und es handelt sich schon gar nicht um eine Massenbewegung. Zum ersten Training kamen 500 Zuschauer, in Dortmund waren es 8000.

In Lippstadt lässt sich an diesem Sonntag beobachten, welche Truppen die »Revolution« tragen. 342 Medienleute haben sich für den Nachmittagskick akkreditiert, viel mehr sind es bei einer Champions-League-Partie auch nicht. Große Zeitungen sind da und wichtige Nachrichtenagenturen, die ProSieben-Sat.1-Gruppe und das RTL-Völkchen, das Heute Journal hat sich auf den letzten Drücker noch gemeldet, und WDR und Bayerisches Fernsehen übertragen live und in voller Länge. Sportlich ist das Spiel ohne Wert, Lippstadt spielt kommende Saison in der sechsten Liga. Selbst TV Azteca aus Mexiko hat seinen Korrespondenten aus Darmstadt geschickt. Er interessiert sich nur für Co-Trainer Martin Vasquez und hat leichtes Spiel: »Die ganze Presse hat sich auf Klinsmann gestürzt«, erzählt Konrad Hönn-Lopez später.

»Jürgen, einmal winken«

Khomeini brachte seine Journalisten einst im Flugzeug mit, in Lippstadt warten sie bereits vor dem Kabinengang an der Osttribüne. Auf der einen Seite haben sich artig die F-Jugendlichen zwischen Bande und Fernsehkamera aufgereiht, auf der anderen sind zwei Dutzend Fotografen aufmarschiert. Die Ordner haben ihre liebe Mühe, die Journalisten zurückzudrängen. »FC Bayern, Stern des Südens«, dröhnt es zum wiederholten Male aus den Lautsprechern. Madjlessis Leute haben einen roten Teppich ausgerollt. Um halb vier kommen die Bayern-Spieler zum Warmlaufen aus der Kabine, kaum ein Blitzlicht. Dann erscheint ein blonder Schopf im Gang, Kameras im Schlepptau. Klinsmann hat ein Lächeln für die Kinder übrig, beim Blick in die Objektive schließt sich sein Mund. Er trägt einen Trainingsanzug und Stoppeln im Gesicht, er sieht nach Arbeit aus. Die Menge teilt sich langsam, auch die übrigen Kameraleute folgen jetzt ihrem Guru, der geradewegs zu seinen Jungs in die andere Spielfeldhälfte eilt. »Jürgen, einmal winken«, ruft einer. Klinsmann lächelt, Daumen hoch.

Das Spiel ist schnell gelaufen, nach wenig mehr als 20 Minuten führen die Bayern standesgemäß 3:0, am Ende wird es 7:1 stehen, mit drei Toren von Müller – Thomas, nicht Gerd. Klinsmann sitzt auf der Bank und hat jetzt Ruhe vor den Journalisten. Zwischendurch gibt er ein paar Autogramme, während sich eine WDR-Reporterin hinter dem Lippstädter Tor mit dem Kaiser zum Interview aufstellt. Nicht Beckenbauer, nein, es ist Komiker Matze Knop in der Maske der ersten Fußball-Lichtgestalt. Er stammt ebenfalls aus Lippstadt, sein Vater Peter trainierte die Rummenigges in der A-Jugend. Matze Beckenbauer personifiziert die mediale Selbsterzeugung des Rummels: Ein virtueller Kaiser kommentiert einen echten Bayern-Auftritt. Die Reporterin spricht von einem »bedeutenden Spiel«.

Kurz vor Schluss wechselt Klinsmann Mark van Bommel aus. Im VIP-Bereich stellt er sich den Fragen der TV-Sender. Zwei Trainingseinheiten pro Tag kenne er schon aus Holland, sagt er. »Von daher hat sich eigentlich nicht viel geändert.« Etwas widerwillig lässt sich nach dem Spiel auch Michael Rensing vor die Kameras schieben. »Ich muss sagen, dass jeder normale Arbeiter acht Stunden am Tag arbeitet«, sagt er. Dann kommt Klinsmann. »Schön« sei es, in Lippstadt zu sein, außerdem mache alles sehr viel »Spaß«, auch seinem Trainerteam. Und die Revolution? »Ich bin weder Erneuerer, noch Reformer oder was auch immer.«

Der Medienauflauf hat auch etwas Gutes: Die TV-Übertragung und die damit verbundenen Sponsoreneinnahmen werden den Lippstädter Gastgebern eine fünfstellige Summe für die Jugendarbeit eintragen. Bisher hat der Nachwuchs seine Kabinen im Karl-Heinz-Rummenigge-Sportheim. Das sieht ein bisschen so aus, wie das zweite Vereinsgelände heißt, auf dem es auch steht: "Am Bruchbaum". Forusan Madjlessi möchte gern ein neues Heim daneben errichten. Mit Buddhas? "Das entscheiden die Trainer."

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