27.06.2013

Kickers Offenbach vor dem Neuanfang

Casting am Bieberer Berg

Nach dem Lizenzentzug bastelt Traditionsverein Kickers Offenbach am Neuanfang in der Regionalliga. Die Zeit ist knapp, das Geld ohnehin. Ein Besuch am Nullpunkt.

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»Wie viele jetzt noch da sind, weiß ich gar nicht«, sagt Dieter Schäfer und lacht. Der Physiotherapeut der Offenbacher Kickers sitzt auf einer ausrangierten Trainerbank am Spielfeldrand und wirkt erstaunlich entspannt. Der Mittfünfziger überschlägt die Beine, schaut auf den Trainingsplatz und gibt das Nachzählen schnell auf. Er zuckt die Achseln. Alles an ihm signalisiert dem Gegenüber Zuversicht und Gelassenheit. »Das wird schon«, sagt seine Körpersprache. Er lehnt sich zurück. Ein Windstoß fährt durch den Wald am Trainingsgelände, die Bäume hinter Schäfer nicken, als pflichteten sie ihm bei. Das wird schon.

Ramon Berndroth weiß es besser: »Neun sind noch da. Angefangen haben wir mit 21«. 21 Testspieler, die sich letzte Woche zum Trainingsauftakt der Kickers einfanden. Ex-Profi Berndroth ist Leiter des Leistungsnachwuchszentrum des OFC, zudem nah dran an der Profimannschaft. Er kennt den Nachwuchs der Region wie kaum ein Zweiter. Viele der Spieler, die sich gerade unter Trainer Rico Schmitt zu beweisen versuchen, tun dies auf Berndroths Empfehlung. Sie kommen aus den zweiten Mannschaften der regionalen Konkurrenten, aus Frankfurt, Mainz, Wiesbaden. Talente allesamt, in den Nachwuchszentren der Profiklubs zwar gut ausgebildet, irgendwo auf dem Weg in den Profifußball aber auf der Strecke geblieben. Für viele ist der Lizenzentzug der Kickers eine Chance. Und für die Kickers?

Ein Fußballtraining mit Namensschildern

Die Stimmung auf dem Platz ist gut, was verwundert, findet hier schließlich nicht weniger als eine Art Casting statt. Offenbach sucht das Regionalligateam, der Ausleseprozess geht schnell. Von jenen, die die erste Trainingswoche überstanden haben, kennen die Betreuer nun wenigstens die Namen. Immerhin. Anfangs mussten sich die Testspieler Crepeband mit Name und Position auf die Trikots kleben, anders wäre der Fülle an neuen Gesichtern nicht beizukommen gewesen. Die Verbliebenen spielen in Grüppchen 5 gegen 2, die Intensität ist hoch. Einer wird getunnelt, die anderen johlen. Vom Machtkampf, der wenige hundert Meter weiter im Bauch des Stadions am Bieberer Berg tobt, bekommt man hier draußen nichts mit.

»Natürlich ist die Stimmung gut. Die war aber im Team auch während der vergangenen zwei Jahre gut. Abseits der Mannschaft ist das etwas anderes“, sagt Berndroth und verweist auf die Querelen in der Führungsetage, die nicht erst seit dem Zwangsabstieg existieren. Er spricht vom Machtvakuum, in das zu viele Parteien hineinstoßen wollen, von Interessenkonflikten und all den anderen Fallstricken, die dem OFC wie auch dem ein oder anderen schief liegenden Traditionsklub das Leben schwer machen. »Trotzdem kann das eine Chance sein.«

Kann es das? Die Insolvenz als Katharsis, die den Klub entschlackt und reinigt, wird schnell zur Binse, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Finanziell siedelt der OFC im Mittelfeld der Regionalliga, der Weg zurück nach oben ist in einer starken Liga samt anschließenden Play-Offs ein Nadelöhr. »Da haben sich schon andere die Zähne ausgebissen«, warnt Schäfer. Auf dem Platz liegt das Durchschnittsalter im unteren Zwanzigerbereich, fast nehmen mehr A-Jugendliche an der Einheit teil als Spieler mit Profierfahrung. Was, wenn der Druck zu groß ist? Das junge Team die Fehler nicht abstellen kann? »Druck haben wir hier doch sowieso immer«, sagt Berndroth und zuckt die Achseln.

 
 
 
 
 
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