Kevin Großkreutz und seine Bedeutung für Joachim Löw

Wo der Trainer ihn hinsetzt

Er ist der vielleicht der einzige deutsche Nationalspieler, dem man den Satz »Ich spiele da, wo der Trainer mich aufstellt« auch wirklich abnimmt. Kevin Großkreutz kommt bei dieser WM eine ganz besondere Bedeutung zu.

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Ein Bundestrainer ist von Schlaumeiern umzingelt, die vieles besser und schon viel früher gewusst haben wollen als er. Man sieht es ihm kaum an, aber es muss für Joachim Löw irre anstrengend sein, sich selbst noch als den Souverän über seine Aufstellung zu begreifen und auch als solchen darzustellen. Zumal als einen, und das dürfte sein Anspruch sein, der innovativ denkt und nicht das wiederkäut, was letztes Jahr schon in einem dieser neumodischen Taktikblogs stand. Kaum ein Interview, in dem er nicht betont, dass er das Internet verachtet. Dort tummeln sich nun mal die Schlaumeier. Dort steht, wenn man es richtig zusammenbastelt, das Gleiche, was er sich auf einsamen Mountainbikefahrten durch den Hochschwarzwald ausgedacht hat. Ganz allein. Unbeeinflusst. Bundestrainerhaft.

Geklaute Ideen der Trainergilde

Philipp Lahm etwa spielt ja in der Nationalmannschaft neuerdings im defensiven Mittelfeld. Löw hat das natürlich allein so entschieden, er ist schließlich der Chef. Nur um der Chronistenpflicht zu genügen: Die Idee dazu hatte Pep Guardiola, der Lahm beim FC Bayern wiederholt auf der Sechs reüssieren ließ, und auch der hat sie nur geklaut - und zwar wiederum von Löw, der diese Variante bereits 2007 im Freundschaftsspiel gegen England im Wembley ausprobierte, dann aber wieder verwarf oder vergaß oder von Hansi Flick nicht mehr daran erinnert wurde, weil der den Schnellhefter verlegt hatte. Innovatoren sind auch auf die Gedächtniskapazität ihrer Assistenten angewiesen: Was gab es schon mal? Was ist neu? Was ist so lange her, dass es schon wieder als neu gelten darf?

Nun entschied Löw sich, vielleicht beim solitären Gedankenjogging am brasilianischen Strand, erneut für Lahm als Staubsauger, allein, unbeeinflusst, bundestrainerhaft. Er hatte die Experimentierphase auf Vereinsebene von seiner Warte aus betrachtet und auch das eine oder andere informelle Gespräch geführt im Lounge-Zelt im Campo Bahia. Lahm gehört zu den mündigen Profis, die protestieren würden, wollte Löw sie etwa ins Tor stellen. Er wird seinen Trainer nicht darüber im Unklaren gelassen haben, auf welcher Position er sich am wohlsten fühlt. Die Entscheidung für die Sechs, das wollen wir noch einmal betonen, hat Löw dann aber selbstverständlich allein getroffen. Und zwar so, wie sie vor ihm noch keiner getroffen hat, schon gar nicht im Internet oder beim FC Bayern.

Großkreutz geht überall

Einer, bei dem man Löws Vorrangstellung nicht immer wieder betonen muss, ist Kevin Großkreutz, dessen Ruf viele Blogger bereits als - pardon - uriniert ansahen. Aber er ist, und das macht ihn so wichtig, nun mal in der Lage, auf jede Frage mit »Ich spiele da, wo der Trainer mich hinstellt« zu antworten. Beim BVB stand er, anders als Lahm in München, tatsächlich schon mal im Tor. Dass Löw ihn jetzt eher hinsetzt als -stellt, und zwar auf die Bank, wird er naturgemäß akzeptieren, wenn auch grummelnd.

Was er nicht wissen und ihn deshalb leider nicht trösten kann: Für das Selbstwertgefühl seines Trainers ist ein Spieler wie er heutzutage unersetzlich.

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