21.11.2013

Kevin Großkreutz und die Liebe zum BVB

Woll?

Seite 3/4: Der letzte Malocher
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Privat

Auf einen wie ihn haben sie in Dortmund seit Zorc und Ricken gewartet, umso sehnsüchtiger in der Phase der Dekadenz und Hybris bis 2005, der Ära Amoroso, in der die Söldner kamen, nahmen und gingen und der Verein sich beinah selbst verlor. Aus der einstigen Industriemetropole ist zwar längst ein Zentrum der Finanzdienstleistung geworden, der Strukturwandel hat 80 000 Arbeitsplätze vernichtet. Die Zeche Minister Stein, in der Martin Großkreutz seinen Beruf erlernte, steht seit 1987 still. Aber sein Sohn Kevin verkörpert nun wieder die Epoche von Kohle, Stahl und Bier. Eine Epoche, in der niemand mehr ernsthaft leben möchte. Aber Nostalgie ist nun mal die Sehnsucht nach einer Zeit, in der man auch schon nichts zu lachen hatte.

Die Standleitung zu den eigenen Fans

Er, der elf Kilometer pro Spiel rennt und die meisten Zweikämpfe bestreitet, ist der letzte Malocher. »Arbeit und Leidenschaft«, sagt er, seien die wichtigsten Tugenden eines Borussen. »Wir sind alle Dortmunder Jungs«, singt die Südtribüne ihm zu Ehren, eine Hymne der Zechensolidarität – wobei die, die dort stehen, längst nicht mehr unter Tage fahren, sondern abstrakten Berufen nachgehen, Banker sind, Makler, Programmierer. Die Wiedererstarkung des BVB lässt sich auch als Anknüpfung an die alte Kumpelmentalität lesen, als Retro-Bewegung der Arbeitersöhne, mit Großkreutz als naturbegabtem Interpreten. Nach der Meisterschaft 2011 ließ er sich eine stilisierte Dortmunder Skyline aus Reinoldikirche, Zeche Germania, Florianturm, Oper und Westfalenstadion auf die Wade tätowieren.

»Natürlich kann schon aufgrund seiner Vita kein Spieler unser Markenversprechen ›Echte Liebe‹ so tief in sich tragen wie er«, sagt Carsten Cramer, Marketing-Direktor beim BVB. Trainer Jürgen Klopp, der, obwohl Schwarzwälder, seit Jahren recht stilsicher die »Pöhler«-Kappe trägt, meint: »Er ist eine Art Standleitung zu unseren Fans. Er weiß immer, was sie bewegt, und hält uns alle auf dem Laufenden.« Und Manager Michael Zorc, selbst gebürtiger Evinger, ergänzt: »Sein Weg zeigt allen Fußballtalenten in Dortmund und Umgebung, dass es nach wie vor möglich ist, sich diesen Traum zu erfüllen und den Sprung von der Südtribüne auf den Rasen zu schaffen.«

Die Zechen stehen still, er malocht noch immer

Großkreutz ist nicht nur der Mann, der seinem Arbeitgeber, immerhin Champions-League-Finalist mit einem Jahresumsatz von über 300 Millionen Euro, instinktiv hilft, das Image des volksnahen Arbeiterklubs zu restaurieren. Er trägt den Geist des Bergwerks auch in die Mannschaft hinein. Mit Shinji Kagawa etwa, 2010 aus dem fernen Osaka gekommen, fuhr er durch seine Heimatstadt und zeigte ihm stolz die schönsten Ecken, die der Japaner, wäre er auf sich allein gestellt gewesen, als solche wohl gar nicht erkannt hätte. Und als Henrikh Mkhitaryan, ein in Frankreich aufgewachsener Armenier, der zuletzt in der Ukraine gespielt hatte, während des Sommertrainingslagers in einem österreichischen Hotel erwachte und erst mal nicht so genau wusste, wo er sich jetzt gerade wieder befand, half ihm Großkreutz – er lag im Bett neben ihm und sang ihm BVB-Lieder vor. »Wir haben später für unser Klub-TV sogar ein Duett angestimmt«, sagt Mkhitaryan. »Der Redakteur hat uns auf der Ukulele begleitet.«

 
 
 
 
 
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