21.11.2013

Kevin Großkreutz und die Liebe zum BVB

Woll?

Seite 2/4: Mit Oma Großkreutz daheim vor dem Radio
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Privat

Man muss all das nicht gutheißen. Aber dass ein Profi im immer zynischer werdenden Bundesligageschäft, das befeuert wird von schnellem Geld und schnellem Ruhm, noch so archaische Gefühle in sich trägt wie echten Hass und echte Liebe, ist doch allemal erstaunlich. »Wer auf dem Platz keine Emotionen zeigen will, braucht nicht Fußball zu spielen«, sagt Großkreutz. Wenn er den Ball vom eigenen Tor fernhalten will, wirkt er wie einer, dessen Freundin auf dem Schützenfest angebaggert wird. Seine Borussia packt keiner an, damit das mal klar ist. Viele seiner Berufskollegen küssen nach einem Tor fünfmal das Wappen auf dem Trikot und denken doch nur an die Prämie.
 
Welchen Preis hat einer, der gar nicht wegwill?

Ja, was soll das also für eine Geschichte werden? Die Geschichte von Kevin Großkreutz, 25 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Dortmund-Eving, Sohn eines Schlossers von der Zeche Minister Stein. Die Geschichte vom letzten Lokalhelden im längst globalisierten deutschen Fußball. Von einem Jungen, dem sein Vater Entschuldigungen schrieb, damit er seinen BVB auf Auswärtsfahrten ins Ausland begleiten konnte. Der durch großes Talent und noch größeren Willen schließlich selbst zum Profi wurde, zu einem der besten Allrounder der Liga – dessen Marktwert allerdings schwer zu beziffern ist. Denn vielleicht gibt es keinen Markt für einen, der gar nicht wegwill von seiner großen Liebe. Von seiner Familie. Seiner Südtribüne, auf der er das erste Mal stand, als er vier Jahre alt war, seinen Idolen zujubelte und vor der er jetzt selbst spielt und hört, wie sie seinen Namen rufen.
Bei den Wörtern Liebe, Familie, Südtribüne taucht Großkreutz plötzlich aus seiner Kapuze wie eine zutrauliche Schildkröte aus ihrem Panzer. Seine Augen glänzen, das Misstrauen schwindet spürbar, er erzählt: »Papa, Opa und Uropa waren BVB-Fans. Auch ich bin es und werde es immer sein. Das liegt in den Genen.«  

Vom BVB endlich heimgeholt

»Der Kevin war als Kind schon verrückt«, sagt sein Vater Martin, 47 Jahre alt. Wie jeden Satz, der bei ihm von Herzen kommt, schließt er auch diesen mit der Bestätigungspartikel »woll?« ab. »Wenn er zu Weihnachten mal kein neues BVB-Trikot bekam, sondern ein Fahrrad, war er richtig enttäuscht. Aber man wollte ihm ja auch nicht jedes Jahr das Gleiche schenken.« Martin Großkreutz arbeitet immer noch als Schlosser, sein Händedruck ist von bleibender Erinnerung. An seinem monumentalen Hals baumelt ein Medaillon mit den Buchstaben M, P, K und L, den Initialen der Familienmitglieder. Er hat in zwanzig Jahren ganze zehn Pflichtspiele seines Sohnes verpasst, ausschließlich wegen wichtiger Geburtstage. Auf Kevins Leistung gegen Olympique Marseille angesprochen, sagt er: »Da ist man als Papa schon stolz, woll?« Wie bei allen internationalen Partien trug er auch an diesem Abend ein Dortmund-Trikot mit der Nummer 19 und dem Namen Großkreutz, als einer von wahrscheinlich nur zwei Menschen im Westfalenstadion, die wirklich so heißen – und die beide ihr Glück kaum fassen können.

Am 14. März 2005 saßen Kevin, Martin und Oma Großkreutz daheim vorm Radio und beteten. Die neue BVB-Führung um Hans-Joachim Watzke rang am Düsseldorfer Flughafen mit den Investoren um den Fortbestand des fast insolventen Vereins. Als die Nachricht von der Rettung schließlich durchdrang, tanzten sie durchs Haus. So wie sie auch tanzten, als Kevin vier Jahre später endlich vom BVB heimgeholt wurde. Aus Ahlen, wohin sie ihn nach der C-Jugend hatten ziehen lassen, weil er als Stürmer angeblich zu abhängig von seinen Vorbereitern gewesen sei. Seinem damaligen Trainer nimmt er das noch immer krumm, seine Liebe zum Verein hat es nie getrübt. Selbst als Profi in der zweiten Liga begleitete er ihn auf Auswärtsfahrten. Nachdem er bei einem Sonntagsspiel, soeben aus dem Nachtbus aus München gestiegen und hundemüde, eine unterirdische Leistung ablieferte, verbot ihm Ahlens Coach Christian Wück kurzerhand derlei Eskapaden. Großkreutz hielt sich nicht daran, wie er heute zugibt.

 
 
 
 
 
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