Keiner will Kuranyi

Tore: 13, Fans: 0

Kevin Kuranyi steht bei den Fans nicht gerade hoch im Kurs. Kaum wird sein Name mit einem Verein in Verbindung gebracht, verfallen dessen Anhänger in Schockstarre. Dabei ist Kuranyi ein durchaus passabler Angreifer. Eine Ehrenrettung. Keiner will KuranyiImago Die Reaktionen von Fußballfans sind manchmal so vorhersehbar wie ein Busfahrplan. Sobald Transfergerüchte um einen treffsicheren Angreifer aufkommen, schreien die Anhänger, die den Stürmer gerne in ihren Reihen sehen würden lauthals: »Ja, bitte«. Die Gegenseite, die den Stürmer zu verlieren droht, brüllt darauf reflexartig: »Nein, bitte nicht«. Denn nichts stößt bei einer Fangemeinde auf weniger Verständnis als der Verlust eines angreifenden Halbgottes. Doch ganz so vorhersehbar scheint dieser Jubel-trifft-Entsetzen-Algorithmus doch nicht zu sein.

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Denn wann immer Transfergerüchte um den Schalker-Angreifer Kevin Kuranyi ranken, werden die Vorzeichen umgekehrt. Auf einmal brüllen die Schalker-Anhänger »Ja, endlich«, weil sie eine Chance wittern, den vielkritisierten Stürmer gewinnbringend an die Konkurrenz zu veräußern. Deren Anhängerschaft wehrt sich wiederum mit Fanprotesten und ohrenbetäubenden Unmutsäußerungen gegen eine Verpflichtung des 27-jährigen Stürmers. Deswegen dementieren die entsprechenden Vereine, wie jüngst der HSV, Stuttgart und Bremen, das Interesse an Kuranyi schnellstmöglich, um das aufgeheizte Fangemüt nicht unnötig zu strapazieren. Es scheint, als wolle sich niemand so recht eingestehen, dass man einen Mann wie Kuranyi gerne in seinen Reihen sehen würde. Doch eigentlich kann es sich kein Verein in der Liga erlauben, auf einen Stürmer zu verzichten, der bisher in jeder seiner sieben Bundesligaspielzeiten zweistellig getroffen hat. Kuranyi ist in eben diesen sieben Jahren allerdings zu einem Spieler geworden, der immer seltener Spiele durch seine Tore entscheidet, doch zumindest schafft er es, Spiele entscheidend zu beeinflussen. Leider nicht ausschließlich positiv, aber dennoch zuverlässig oft. In der Liga gibt es nach wie vor kaum einen Angreifer, der seiner Mannschaft so unermüdlich in der Defensivarbeit zur Seite steht wie der in Panama aufgewachsene Schalker. Doch eben dieser enorme Drang zur Mannschaftsdienlichkeit hindert Kuranyi mittlerweile zu oft daran in seinem ursprünglichen Arbeitsbereich, den zwanzig Metern rund um das gegnerische Tor, die nötige Ruhe und Konzentration zu bewahren. Die Schalker vergaben in der Hinrunde so viele Großchancen wie keine andere Mannschaft - immer mittendrin: Kevin Kuranyi. So wurde das einst hoffnungsvollste Sturmtalent der Liga über die Jahre zum Symbol für tragisches Scheitern.

Ballanahmen wie russisches Roullette

Doch Kuranyi ist keinesfalls ein schlechter Stürmer. Sein Problem liegt tiefer. Denn seit geraumer Zeit ist Kuranyi Zielscheibe für den Spott einer ganzen Fußballnation. Er steht unter Dauerbeobachtung und es scheint manchmal so, als würde jeder nur darauf warten, dass Kuranyi endlich wieder auffällig wird. Jede seiner Äußerungen wird so penibel durchleuchtet wie das Gepäck am New Yorker Flughafen, jede vergebene Chance wird zuerst ins kleinste Detail seziert und dann belächelt. Natürlich gießt ein theatralischer Abgang wie der aus der Nationalmannschaft - im Oktober 2008 war Kuranyi aus Enttäuschung über eine Nichtnominierung im Nationalmannschaftskader aus dem Stadion geflüchtet – Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker. Sogar auf Schalke wurde daraufhin phasenweise jeder Ballkontakt Kuranyis gnadenlos von Pfiffen begleitet. Es gibt wohl kaum einen Spieler in der Liga, der kollektive Abneigung so auf sich vereinigt wie der ehemalige Nationalspieler. Das zehrt an der Psyche Kuranyis und das merkt man seinem Spiel deutlich an. Unsicher, beinahe fahrig präsentierte sich der die Nummer 22 der Schalker während dieser Saison. Jede von Kuranyis Ballannahmen ist in etwa so sicher wie eine Partie russisches Roulette. Doch wenn man einmal genau hinschaut, beobachtet man diese technischen Mängel auch bei ausgewiesenen Topstürmern wie Luca Toni. Doch der eklatante Unterschied zwischen Toni und Kuranyi ist offen sichtbar – Toni trifft das Tor, während Kuranyi vor dem Gehäuse eine Nervosität zu befallen scheint, die jegliche Torgefahr überstrahlt. Der Stürmer scheiterte bisher auf Schalke an den Erwartungen, die andere in ihn gesetzt haben. Sie haben in Gelsenkirchen mit Kuranyi als Tormaschine gerechnet und sind enttäuscht, dass sie sich mit einem soliden Stürmer abfinden müssen. Dabei wird vergessen, dass er als zuverlässigster Torschütze Jahr für Jahr dafür sorgt, dass Schalke zumindest am internationalen Wettbewerb schnuppert. Aber Solidität reicht eben nicht. Nicht für Schalke und offensichtlich auch nicht für andere Vereinen.

Und so wird sich die Fangemeinde weiter spalten, wenn die Causa Kuranyi verhandelt wird. Die Fans werden weiter Jubeln und Bangen. Sollte Kuranyi allerdings wieder zu alter Stärke zurückfinden und auch endlich wieder spielerisch überzeugen, wird er auch wieder die Wertschätzung erhalten, die ihm gerecht wird. Spätestens dann ist auch die Reaktion der Fans vorhersehbar: Sie werden ihn auf Händen tragen. Doch dazu müsste Kuranyis Torfrequenz sich wohl erst einmal dem Halterhythmus eines Stadtbusses annähern.

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