Kein Trost für Absteiger

Jeder weint für sich allein

The Cure hatten Recht: »Boys don't cry«. Und wenn sie es schon tun, sollten sie sich tunlichst verstecken. Das öffentliche Heulen nach einem Abstieg sollte verboten werden. Zumal an der Schulter eines Freundes, der gerade Deutscher Meister geworden ist.

Wenn einem Freund die Freundin wegläuft, sieht man ihn in Zuständen, die man ihm und sich selbst lieber erspart hätte. Man schätzt an ihm – es ist ja eine Männerfreundschaft – das Starke, Verlässliche, Unverwüstliche. Gemeinsam würde man jeden noch so zornigen Braunbären erwürgen.

Doch dann fängt er an zu heulen, Rotz und Wasser. Er zetert, er hadert, schnieft und greint. Sie ist weg, und er ist wieder allein, allein. Und tatsächlich kann man ihm in seiner Agonie keine echte Gesellschaft leisten: Man steht denkbar blöde daneben, wie ein Michael Henke des Beileids. Zu sagen gibt es im Grunde nichts, das Mädchen sitzt längt mit dem Neuen in der Eisdiele und ist so glücklich wie nie zuvor.

Wie früher Schreinemakers, es ist ekelhaft

Was tun? Soll man den Freund jetzt etwa berühren? Aber wie berühren Männer einander, wenn es darüber hinausgeht, sich gegenseitig den Staub von der Schulter zu klopfen? Man legt ihm – und schon das kommt einem wie eine der bisherigen Natur der Freundschaft zuwider laufende Zärtlichkeit vor – die Hand aufs Knie. Wie früher Schreinemakers. Es ist ekelhaft.

So sitzt man da, Minuten, Stunden, Tage, und die Tröstungsgeste verkommt zum bloßen Aufstützen aufgrund wachsender Erschöpfung. Man kann nicht mehr. »Das wird schon wieder«, hat man anfangs dahingesagt, um das peinsame Männerschluchzen zu übertonen, wollte halt irgendein Licht anknipsen im Herz der Finsternis, und sei es auch eine noch so tranige Funzel. Es wird natürlich nicht wieder. »Jetzt reiß Dich aber mal zusammen!«, will man brüllen, aber man weiß ja nicht, wie das ist, wie einem der Schmerzgeplagte zu verstehen gibt. Sein Leid ist einzigartig, keiner der sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten ist jemals so schändlich verarscht worden.

Tatsächlich ist man selbst ja gerade ziemlich gut druff: Mit der Freundin läuft's, morgen schon reist man mit ihr zum Cappuccinotrinken nach Venedig, direkt auf den Rathausbalkon der Beziehungstriumphe.

Der eine fühlt sich nicht verstanden, der andere will gar nicht verstehen

Der Freund heult also wie ein rausgeflogener DSDS-Kandidat, und man findet es insgeheim widerwärtig. Genauso verhält es sich auch, wenn der eigene Lieblingsverein gerade Deutscher Meister geworden, der des besten Kumpels jedoch leider abgestiegen ist. Die Gefühlswelten zweier Männer, die in guten Zeiten ein Arsch und eine Seele waren, brechen auseinander. Der eine fühlt sich nicht verstanden. Der andere will gar nicht verstehen, sich nicht reinziehen lassen in diese unentrinnbare Dunkelkammer der Verzweiflung, der Eifersucht und des wutentbrannten Erinnerungsonanierens. Es ist abstoßend.

Am Ende stellt sich heraus, wie die dünn der Firnis der Freundschaft ist: Solange man sich gemeinsam freut oder gemeinsam nicht freut, ist alles so, wie die Bierwerbung uns suggerieren will: Männer am Strand, die einander umarmen und dabei noch abklatschen, weil der Dax prosperiert. Prost. Doch freut sich nur der eine und der andere eben nicht, im Gegenteil, kollabiert das Gefüge. Dazu wird es am Wochenende millionenfach kommen: Hannoveraner können Düsseldorfer in den Abgrund stoßen, Fürther Augsburger und Dortmunder Hoffenheimer – so es sie denn überhaupt gibt. Und die anderen stehen dabei und gaffen.

Sie alle täten gut daran, sich für den Abend danach nicht Gemeinsames vorzunehmen, selbst wenn Matthias Opdenhövel in seinem zu erwartenden »Sportschau«-Abstiegsepos zur bedingungslosen Nächstenliebe aufruft. Den besten Kumpel heulen zu sehen, gehört zu den schlimmsten Indignationen, die das soziale Leben für uns bereit hält. Es steht in einer elenden Reihe mit dem Erwischen der eigenen Eltern beim Beischlaf, dem Zuhörenmüssen, wenn die Betriebsauszubildende beim Karaokeabend selbstvergessen Celine Dion nachsingt, und dem Gefühl, das man hat, wenn man zu Weihnachten eine Krawatte mit aufgedrucktem Scherzmotiv bekommt. Man kommt der Welt abhanden in solchen Momenten.

Besser, jeder weint für sich allein. Dann und nur dann wird es schon wieder. Spätestens beim Wiederaufstieg. Oder wenn sich jemand auf die Kontaktanzeige meldet.

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