Kehrt Klinsmann zurück zum DFB?

Der feuchte Traum

Der WM-Kader der Nationalmannschaft nimmt Formen an. Schillernde Gestalten sucht man darin vergeblich. Doch bevor dem Boulevard die Geschichten ausgehen, erfindet er die Rückkehr von Klinsi. Eine Ente, die untergehen muss. Kehrt Klinsmann zurück zum DFB? Kaum ein Jahr wird noch bis zur WM in Südafrika vergehen, und so langsam nimmt der Kader der Nationalmannschaft Gestalt an – eine Gestalt, die den Boulevard in Angst und Schrecken versetzt.

Denn Tim Wiese fehlt, der legitime Erbe Oliver Kahns. Auch Torsten Frings fehlt, der Platoon-hafte Anführer seiner selbst. Jens Lehmann fehlt ohnehin und mit ihm Hubschrauber, Zettel im Stutzen und der herrlich bescheuerte Zoff mit seinen Konkurrenten. Unruheherd Kevin Kuranyi fehlt und sein Kumpel Jermaine Jones ebenfalls – allerdings ohne jemals dabei gewesen zu sein.      

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All die wandelnden Skandale, sie fehlen. Worüber sollen die Kollegen nun bloß schreiben? Über Andreas Becks Literaturliste (Kafkas »Die Verwandlung« und alles von Sartre)? Über Per Mertesackers Größe (»Ich war schon im Kindergarten Einsfünfundsiebzig!«)? Darüber, wie vorbildlich Philipp Lahm seine Matratze auswählt, um sich auch im Schlaf auf das Achtelfinale vorbereiten zu können? Über Simon Rolfes, den Leverkusener mit dem Charme eines Religionslehrers? Sami Khedira, sein Konkurrent im defensiven Mittelfeld, schwäbelt heute in der »Berliner Zeitung«: »Ich bin ein Mensch, der versucht, klar zu denken.« Eine Katastrophe für alle Fieldreporter! 

Nirgends, wirklich nirgends erkennt das geschulte Auge den Protagonisten einer dieser fantastischen Schnurren, wie wir sie seit den 70er Jahren kennen und lieben. Die Abenteuer von Franz und Günter, Revolution mit Breitner, Saufgeschichten vom »Schlucksee«, den beleidigten Uli Stein, Effes mittlerer Finger, und Egidius »Pater« Braun greift ein. Das durfte nie vergehen.     

Und doch ist es vergangen.

Joachim Löw und den Seinen kann man nicht vorwerfen, sie würden nicht nach Leistung aufstellen. Robert Enke ist eine gute Wahl als Stammtorhüter. Auch Khedira und Rolfes dem alternden Frings vorzuziehen, ist nachvollziehbar. Und wen wollte Kuranyi verdrängen?

Und doch hat Löws Nominierungspolitik Geschmäckle: Der Bundestrainer lässt systematisch Spieler außen vor, die für Unruhe sorgen könnten. Tim Wiese hätte er zur unumstritttenen Nummer 1 machen müssen, schon als 1b oder gar als Bankdrücker taugt er nur zum zweiten Uli Stein. Also bleibt er zu Hause, basta. Löw mag ein netter Mann sein, aber zu Leuten, die nicht nett sind, ist auch er nicht nett, wenn auch auf nette Weise. Sein Dogma der »Högschden Dischziplin« siebt Problembären aus, noch bevor der Boulevard sie in die Mannschaft schreiben kann.  

Da sitzen sie nun, die Kollegen, und schieben ihre Maus von A nach B. »Trochowski: Das esse ich zum Frühstück« – Ist das die Krachermeldung vom Kap der guten Hoffnung? Bittebittebitte nicht.

Da kommt einem von ihnen die rettende Idee: Jürgen Klinsmann kehrt zurück! Als Berater! Von Löw! Und vor dem inneren Auge läuft der Film ab: Klinsi, Grinsi, haut sie durch die Wand, er ist der Chef, Jogi entmachtet, wo ist Flick, wir sind Weltmeister, Jürgen, wir haben es immer gewusst, hier jubelt Debbie, er will trotzdem zurück nach Kalifornien, oder geht er doch zurück zu den Bayern, Sammer weint an seiner Schulter, und im Morgengrauen nennt Odonkor ihn »Papa«.  

Tolle Idee! Blöd nur: Da ist nichts dran. Klinsmann war schon 2006 der Mann für die öffentlichen Auftritte, die effektvollen Kabinenpredigten und das schicke Herumgestikulieren in eng anliegenden Oberhemden. Er war der Star des Sommermärchens, ein Trainerdarsteller – und darin sehr gut, ohne Zweifel.

In der geheimnisvollen Rolle des »Beraters«, in die ihn die Revolverblätter hieven möchten, könnte er all dies nicht sein. Er müsste, man glaubt es kaum, »beraten«. Dezent, aus dem Hintergrund. Thema: Taktik. Doch die hat Joachim Löw schon 2006 lieber allein konzipiert. Das wird er weiter tun. Und sich seinen alten Chef vom Leibe halten. So wie Wiese, Frings, Lehmann, Kuranyi und die ganze aufgekratzte Polonaise.  

Wem am Fußball gelegen ist, sollte dem Bundestrainer dazu gratulieren.      

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