Karsten Bäron im Interview

»Es hat nicht sollen sein«

Es gab schon mal bessere Zeiten für den HSV. Zeit, sich an eine Legende der jüngeren Geschichte zu erinnern: Karsten Bäron. Wir sprachen ihm über sein trauriges Karriereende, sein schönstes Tor und das »Air Bäron«-Transparent. Karsten Bäron im Interview

Herr Bäron, können Sie sich noch an den 17. Spieltag der Saison 1999/2000 erinnern?

Ja, klar. Da haben wir mit dem HSV hoch gewonnen, das war gegen Duisburg, und an dem Tag fand auch unsere Weihnachtsfeier statt. (Pause) Und ich bin nach langer Verletzungspause wieder eingewechselt worden.

Stimmt es, dass Duisburgs Thorsten Wohlert den Ball beim Stand von 4:1 für den HSV unbedrängt ins Aus geschossen hat, damit Sie nach zweijähriger Zwangspause endlich eingewechselt werden durften?

Ja, das stimmt wohl.

Sie scheinen nicht gern daüber zu reden.

Wissen Sie, das alles ist jetzt acht Jahre her, es ist nicht mehr an der Zeit, darüber zu sprechen.

Acht Knie-Ops haben Sie über sich ergehen lassen, waren etliche Monate im Rehatraining statt mit den Kollegen beim Torschusstraining. Woher nimmt man da die Kraft, immer wieder neu anzugreifen?

Mein erster Beweggrund war ganz klar die Lust am Fußballspielen. Außerdem will man innerhalb der Mannschaft am Ball bleiben, um seinen Beruf, sein Hobby, seine Leidenschaft weiter ausüben zu können. Es gibt schon viele schöne Sachen auf dieser Welt, aber Fußballprofi zu sein - das ist ganz weit vorne.

Können Sie das Gefühl in Worte fassen, wie es ist, als Fußballprofi in ein volles Stadion einzulaufen?

Nicht wirklich. Wenn man auf den Platz läuft, ist man so konzentriert, dass man vieles, was um einen herum passiert, ausblendet. Das muss man in vielen Situationen auch einfach tun. Ich würde aber natürlich lügen, wenn ich sagen würde, man bekommt die Stimmung und die Zuschauer nicht mit. Bei meinem Comeback gegen Duisburg beispielsweise habe ich die aufgeladene Stimmung zwar mitbekommen, mich in diesem Moment aber nur darauf konzentriert, meine Leistung zu bringen und das Spiel anständig zu Ende zu spielen.

Hat man zwischendurch auch Existenzängste?


Jein. Das ist nicht unbedingt der erste Gedanke, den man hat, wenn die Diagnose der Verletzung kommt. Irgendwann denkt man schon darüber nach, vertraut allerdings auf seine Versicherung, die man ja nun einmal hat. Prinzipiell habe ich mir also keine Gedanken über meine Existenz gemacht, im Unterbewusstsein war es allerdings schon verankert.

Hat sich die ganze Schinderei in der Reha im Nachhinein für Sie gelohnt?

(atmet tief durch) Gut, in diesem einen Moment wahrscheinlich ja. Ich habe dann im folgenden halben Jahr versucht wirklich wieder den Anschluss zu finden. Aber das ist eigentlich schwer zu sagen, weil es das im eigentlichen Sinne ja nicht geschafft habe. 2000 war mein letztes Bundesligaspiel. Aber trotzdem: für mich ist es wichtig, dass ich es damals noch einmal versucht habe. Es hat im Endeffekt einfach nicht sollen sein.

Letzten Endes hat ein Knorpelschaden Ihre Karriere beendet. Beeinträchtigt Sie die Verletzung eigentlich noch heute?


Im Training kann ich zwar nicht mehr mitspielen, aber es ist so, dass ich durchs Leben komme. Den Trainerjob kann ich auf jeden Fall problemlos machen.

Trotz Verletzungen, trotz Knorpelschaden: Insgesamt stehen 123 Bundesligaspiele und 39 Treffer in Ihrer Akte. Gibt es ein Spiel, ein Tor, das besonders in Erinnerung geblieben ist?

Da gab es schon ein paar schöne Momente, ganz besonders war ein Uefa-Cup-Spiel gegen Celtic Glasgow. Nach 20 Sekunden im Celtic-Park stand es schon 1:0 für uns. Das war natürlich ein irres Gefühl, zumal wir die Partie mit 2:0 gewonnen haben.

Die Saison 93/94 kann als Höhepunkt Ihrer Spielervita bezeichnet werden: 13 Tore, 32 Spiele, Sie waren ein hoch gehandeltes Talent. Wann kam die Anfrage von Uli Hoeneß?

Ach, die Zeit ist eigentlich schon aus meinem Kopf gelöscht, weil es einfach zu lange her ist. Der Kontakt zu den Bayern ist aber schon älter. Der bestand bereits, als ich erst 16 war. Im Laufe der Jahre gab es immer mal wieder Gespräche und Anfragen, ohne dass es zu konkreten Ergebnissen gekommen ist. Ich bin beim HSV geblieben, allerdings haben sich die Bayern sofort dafür bereit erklärt, zu meinem Abschiedsspiel nach Hamburg zu kommen. Das war eine schöne Geste.

Wären Sie denn zu Bayern München gewechselt?

Naja, es kamen ja immer wieder Verletzungen dazwischen. Meine Karriere ist im Endeffekt so gelaufen, da hilft kein hätte, wenn und aber mehr.

Wir haben vorhin über Ihre Versicherung gesprochen. Da gab es ja im Nachhinein Probleme.

Ja, das stimmt. Wie es nun mal mit Versicherungen ist, die streiten alles ab. Mit der einen Versicherung hatte ich einen jahrelangen Rechtsstreit, der jetzt außergerichtlich beendet wurde.

Mit einem positiven Ausgang für Sie?

Sagen wir mal so: Es ist vorbei.

Konnten Sie das Ende dieses Rechtstreits nutzen, um noch einmal endgültig mit Ihrer Karriere als aktiver Spieler abzuschließen?

Ein Stück weit ja. Allerdings gibt es immer noch den Rechtstreit mit der Berufsgenossenschaft, der seit über 15 Jahren andauert und immer noch nicht beendet ist. Wenn das irgendwann auch einmal beendet ist, kann ich wirklich den letzten Strich ziehen. Eigentlich habe ich mit meiner Zeit als Profi abgeschlossen. Ich konzentriere mich jetzt auf mein neues Leben.

Als »Air Bäron« werden Sie uns trotzdem immer im Gedächtnis bleiben. Wer oder was ist denn für diesen Spitznamen verantwortlich?

Das hat sich Frank Niemann ausgedacht.

Der HSV-Fan, der seit fast 15 Jahren das gleichnamige Banner in die Stadien der Welt hängt.


Genau.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man seinen Namen immer noch in den Fankurven prangen sieht? Geht Ihnen das nicht irgendwann auf den Geist?

Nein, auf den Geist geht es mir auf keinen Fall. Aber es ist ein mulmiges Gefühl, dass da immer noch einer ist, der mit dieser Fahne durch die Stadien tingelt. Natürlich freut man sich irgendwo. Aber ich sitze jetzt nicht vor dem Fernseher und rufe: Guck mal, da ist wieder meine Fahne! Wie auch immer, das ist schon beachtlich, was der Frank da macht. Außerdem habe ich dadurch einen Freund dazu gewonnen.

Genug geredet über die Vergangenheit. Gegenwärtig erwische ich Sie im Mannschaftsbus auf der Fahrt nach Braunschweig, zu einem richtig schönen Regionalligaklassiker. Freut man sich als Trainer da genauso drauf wie als Spieler?

Auf jeden Fall. Das sind die Spiele, für die man als Spieler und als Trainer lebt. Ich schätze mal, dass circa 15.000 Zuschauer da sein werden, ein tolle Kulisse. Dafür lebt man. Das ist einfach nur Freude pur.

Was sind Sie: Ein Trainer oder ein Ausbilder?

Ein ausbildender Trainer.

Gibt es so etwas wie Ihre eigene Trainerphilosophie?


Naja, es gibt natürlich eine breite Palette an Herausforderungen, wie man wem was beibringen muss. Mit dem einen Spieler muss ich vielleicht intensiver reden, ein anderer muss noch weiter taktisch geschult werden, den nächsten schicke ich ans Kopfballpendel. Die Arbeit ist sehr vielfältig. Von daher gibt es nicht die eine Philosophie.

Sie haben vorher die A-Jugend vom HSV trainiert, jetzt die U21. Ist es ein Anreiz, als junger Trainer unfertige Spieler nach den eigenen Idealen entsprechend ausbilden zu können?

Ein Anreiz ist es in jedem Fall. Man bildet die Spieler schließlich dem Ziel aus, dass sie selbst und die Mannschaft immer neue Fortschritte machen. Das ist die Motivation für mich, jeden Tag wieder auf den Trainingsplatz zu gehen.

Und das auch noch in der kommenden Saison für den HSV?

Ja, so lange mich der Hamburger SV noch haben will, so lange ich Spaß an der Sache habe und merke, dass die Zusammenarbeit Früchte trägt, arbeite ich gerne weiter.

Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre im Trainergeschäft?

Möglichst viel lernen. Bei jeder Hospitation, bei jeder Sichtung, von jedem Trainer der ersten Mannschaft habe ich bereits eine Menge lernen können. Das soll so weitergehen.

Lassen Sie uns zum Abschluss utopisch werden: Wenn in 40 Jahren ein Bericht über Ihre Person geschrieben werden wird, wer soll im Vordergrund stehen: Der Spieler Bäron oder der Trainer Bäron?

Das ist mir egal. Bis jetzt ist meine Karriere zwar nicht optimal verlaufen, aber ich war Fußballprofi und bin jetzt Trainer. Ich bin dankbar für jeden Tag.

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