Karl Franke, größter Schiri der Welt

»Mehr jeht nich«

In Freienwalde ist die Fußballwelt zu Ende. Der SV Jahn kickt in der Kreisliga, im Stadion türmt sich das Laub. Doch einst lebte hier Karl Franke, der beinahe 5000 Spiele leitete, von der Kreis- bis in die Weltklasse. Aber hat er wirklich?

Karl Franke, größter Schiri der WeltDavid Binnewies

Das Oderbruch ist kein Ort für Rekorde. Berlin liegt hinter tiefen Wäldern, die Telefonnummern haben nur vier Ziffern, und auch der Fußball der Region hat keine großen Ambitionen. Der FSV Kickers Oderberg hat mal versucht, mit der Hilfe von Halbprofis aufzusteigen. Ihre heroischen Feuchtfrisuren versprachen viel, ihre Pässe aber kamen selten an. Das Projekt starb in der Kreisliga.

Der SV Jahn Bad Freienwalde hat sich nicht einmal eine solche Verrücktheit geleistet. Er ist ein Fußballklub ohne jede Illusion. Er kommt aus der Ereignislosigkeit und dämmert ihr entgegen. Auf seinen Sportplatz fallen die letzten Blätter, die Holzbänke verfaulen im Regen. Ein Fuchs schnüffelt an einem Mülleimer. Ganzjährig herbstlich ist es hier und im ganzen Ort Bad Freienwalde – und auf eine Weise idyllisch, dass man ganz müde werden kann.

So wird es wohl auch dem Reiseschriftsteller Wolfgang Büscher gegangen sein, als er an einem Novemberabend nach Bad Freienwalde kam, einer Station seiner Wanderung entlang der deutschen Grenze. Im Gasthaus »Zum Löwen« wollte er sich ein wenig aufwärmen. Er saß er in der urigen Stube unter Holzintarsien, als die Stille jäh durchbrochen wurde: »Fuffzich Jahre uff’n Platz! 4684 Spiele!« Ein Stoßseufzer, die Beschwörung eines Geistes.

»Eine Legende, ein bunter Hund«

Gesprochen hatte dies ein alter Mann, der sich an der Theke über sein Herrengedeck beugte. »So viele Spiele hat nich eener in janz Deutschland!«, raunte der Greis. »Sonnabends hab’ ick Bezirksliga jepfiffen, sonntags DDR-Liga!« Er kippte den Kräuterschnaps ins Bier. »Sie waren Schiedsrichter?«, fragte Büscher erstaunt. Der Alte richtete sich auf und sprach in klarem Hochdeutsch: »Ich bin der höchstdekorierte deutsche Schiedsrichter. Eine Legende, ein bunter Hund. 1988 Meister des Sports vor 67.000 Zuschauern.« Er holte Luft. »Das war das Höchste.«

49 Jahre, 4684 Spiele, 67.000 Zuschauer: Diese Zahlen notierte Büscher später auf dem Zimmer, das er sich im »Löwen« genommen hatte, für sein Buch »Deutschland. Eine Reise«. Der Alte hatte ihn an die Männer um Sepp Herberger erinnert: »Das weiße Haar straff nach hinten gekämmt, der Mund zwei senkrechte Kerben, das Gesicht eine Neunzig-Minuten-Maske grundskeptischer Überlegenheit.« 

Diese Aufzeichnungen aber sind die einzigen Spuren, die der angebliche Rekord-Schiedsrichter Karl Franke in der Literatur hinterlassen hat. In keiner Chronik taucht er auf, keine Rangliste führt ihn, auch beim Brandenburgischen Fußballverband kennt ihn niemand. Ist er ein Vergessener? Jemand, dessen Lebenswerk bei der Aufbereitung der ostdeutschen Sportgeschichte übersehen wurde? Oder war er bloß ein Schwadroneur – und hatte dem Reiseschriftsteller einen Bären aufgebunden?

»Vielleicht war er der größte Schiedsrichter aller Zeiten«


Karl Franke selbst kann diese Fragen nicht mehr beantworten. Er starb vor vier Jahren, kurz nach der Begegnung mit Büscher, im Alter von 85 Jahren an einem Herzinfarkt. »Sein Tod war ein Schock für den ganzen SV Jahn«, sagt Kai Kiekeben. Er ist Platzwart und Spieler in der ersten Mannschaft des Vereins. Morgens um elf kehrt er die Blätter zusammen, die den Rasen bedecken. »Ja, Karlchen war eine Legende, und er ist es immer noch. Vielleicht war er der größte Schiedsrichter aller Zeiten.« Er wendet den Blick gen Spielfeld, streicht über seinen Neuntagebart und lächelt. »Noch mit Ende 60 hat er gepfiffen und uns gezeigt, wer der Herr auf dem Platz ist. Wissen Sie, was er immer gesagt hat? ›Hier pfeift nur einer: Ich oder der Wind‹, hat er gesagt.« Kai Kiekeben kann sich noch gut an den gediegenen Habitus Frankes erinnern, an die schneidigen Gesten, den gestrengen Blick, die feste Stimme: »Das hat er drauf gehabt. Als er mich einmal vom Platz gestellt hat, habe ich mehr Ehrfurcht verspürt als Frust.«

»Er hatte dieses gewisse Auftreten«, erinnert sich auch Horst Wolf. Als jungen Mann brachte Karl Franke ihn zur Schiedsrichterei und initiierte damit eine Karriere, die bis in die DDR-Liga führte. Das ist lange her, Wolf ist nun über 70. Aus seinem Einbauschrank holt er Erinnerungsstücke hervor, Urkunden, Zeitungsartikel, auch einen persönlichen Brief von Fritz Walter, dem Weltmeister. »Diese geschniegelte Frisur vom Fritz, so eine hatte Karlchen auch. Der Scheitel war wie mit dem Beil gehauen, und seine Schnürsenkel hat er mit Kreide geweißt.« Tief beeindruckt sei er damals von dem zwölf Jahre älteren Franke gewesen, von seiner Eleganz und Autorität. »Wir haben ihn den ›Orlandini von Brandenburg‹ genannt.« Eine Anspielung auf den Italiener Vincenzo Orlandini, der Begegnungen bei den Weltmeisterschaften 1954 und ’58 leitete. Wolf lächelt sphärisch: »Karlchen war ein Fußballverrückter, ein Vorbild für viele.«

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