Karikaturist Edward Alaszewski im Portrait

Polens Europameister

Beckenbauer, Blochin oder Lato. Der Karikaturist Edward Alaszewski wurde mit seinen Fußballer- Porträts zu einer Zeichner-Ikone.

Tagesspiegel

Der eine stärkt sich mit Spaghetti, der andere mauert sein Tor zu. Italiens Gianni Rivera und die sowjetische Torwartlegende Lew Jaschin.

In den Räumen des ostdeutschen Sportverlages herrscht wieder einmal Unruhe. Der Fernzug aus Warschau hat wie so häufig Verspätung. Ein Bote wartet am Berliner Ostbahnhof sehnsüchtig auf das Paket mit den neuesten Zeichnungen des polnischen Karikaturisten Edward Alaszewski. Mittlerweile sind seine Porträtzeichnungen von den Stars aus der Welt des Fußballs so populär, dass man auch im neuesten Almanach über die Fußball-EM von 1976 nicht auf ihn verzichten kann. Die Fußball-Bücher sind gerade wegen dieser Porträt-Karikaturen ein Publikumsrenner in der DDR. Weit im Voraus werden die begehrten Exemplare in den Buchhandlungen bestellt.

Die Fußballbücher des Sportverlages bilden ein facettenreiches Gegenstück zum häufig tristen Fußball-Alltag in der DDR.

Mit wenigen Strichen auf den Punkt

Denkwürdige Spiele, schillernde Stars und manchmal auch etwas Boulevard aus der Welt des internationalen Fußballs werden hier geboten. Obwohl der DDR-Sportverlag weit davon entfernt ist einen westlichen Starkult zu bedienen, ist der Fokus der Bücher auffällig auf die Großen des Fußballsports gerichtet. Westliche Fußballstars ebenso wie die Fußball-Helden des Ostblocks werden mithilfe der Illustrationen Alaszewskis zum Leben erweckt. Ob Beckenbauer, Platini, Blochin, Cruyff oder Lato, Alaszewski schafft es mit wenigen Zeichenstrichen die spielerische Klasse und individuelle Strahlkraft dieser Größen auf den Punkt zu bringen. Seine Darstellungen verschmelzen zudem mit der an Metaphern reichen Sprache der Sportreporter jener Jahre, so dass aus Fußballern Dirigenten, kämpfende Löwen oder kaltblütige Stierkämpfer werden. Im Spiel mit den landestypischen Symbolen werden Gesten des Triumphes ebenso wenig ausgespart wie die Momente der Erschöpfung oder Niederlage. Im Gegensatz zu einer Vielzahl von Arbeiten des Karikatur-Genres ist dem Werk Alaszewskis allerdings jegliche Häme fremd. Die Hochachtung und Liebe zu den Protagonisten kommt in jedem Federstrich zum Ausdruck.

Das zeichnerische Talent ist dem im Jahre 1908 in Lodz geborenen Edward Alaszewski in die Wiege gelegt. Ebenso kommt ihm zugute, dass er in seiner Jugend selbst als vielseitiger Sportler mit der Volleyball- und Basketballmannschaft von LKS Lodz Meisterschaften gewinnt. Mit 19 studiert er an der Sporthochschule in Warschau, wo er zugleich für den bekannten Warschauer Verein Polonia auf dem Fußballfeld steht. Bei jedem Spiel und jedem Training hat der talentierte Sportler jedoch seine beiden wichtigsten Utensilien dabei: Zeichenblock und Bleistift. In der Tradition der großen deutschen Presse-Zeichner des Sports wie Fritz Draheim oder Curt Mueller, deren Porträt-Stil er sich aneignet, ebnet er den Weg zu einem eigenen Genre: der Porträt-Karikatur. Schon 1932 kann er seine erste Ausstellung präsentieren. In der Presse debütiert er 1935 in der bekanntesten polnischen Zeitschrift »Przeglad Sportowy«. Im Jahre 1937 geht er ins Mutterland der Comics nach Belgien, wo er für die belgische Presse zahlreiche Karikaturen bekannter Persönlichkeiten aus der Welt des Sports und der Kultur zeichnet. Als die deutsche Wehrmacht 1939 Polen überfällt, schließt sich Alaszewski den in Frankreich kämpfenden polnischen Truppen der Maginot-Linie an. Mit der Kapitulation Frankreichs gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Jürgen Sparwasser gehört zu den gezeichneten Größen

Nach dem Ende des Krieges kehrt Alaszewski zurück in die Heimat, zunächst nach Jelenia Góra (Hirschberg), wo er als Bühnenbildner am Theater arbeitet. 1950 siedelt er nach Warschau über und widmet sich nun ausschließlich seiner Zeichenkunst, die er in den polnischen Zeitschriften »Sport«, »Trybuna Ludu«, »Zycie Warszawy« sowie »Magazin Polski« publiziert. Mitte der 1960er Jahre werden die Arbeiten Alaszewskis auch im Ausland populär. Sein Karikatur-Stil findet zunehmend Bewunderer in ganz Europa. Er veröffentlicht nicht nur in der Sowjetunion, Ungarn, Bulgarien und der DDR, sondern auch jenseits des »Eisernen Vorhangs«, vor allem in Spanien und Italien wie etwa der »Gazzetta dello Sport«. Die größte Wertschätzung außerhalb Polens erhält er jedoch in der DDR. Regelmäßig illustriert er die beliebten Olympia- und Fußball-Almanache und erhält eine eigene Rubrik im ostdeutschen »Sport-Echo«, es folgen 1964 und 1969 Ausstellungen in Ost-Berlin.

In seiner Heimat Polen zählt Alaszewski zu dieser Zeit längst zu den Großen seines Faches. Mehrfach erhält er nationale Ehrungen für seine Zeichnungen. Sein internationaler Durchbruch gelingt 1975, als er bei der Satire-Ausstellung im italienischen Ancona eine Goldmedaille für seine Karikatur »Tomaszewskis magischer Flug« gewinnt. Die Karikatur setzt der polnischen Torhüter-Legende Jan Tomaszewski ein Denkmal, der mit seinen großartigen Reflexen der polnischen Elf 1973 die WM-Qualifikation gegen das favorisierte England sicherte. Auch Jürgen Sparwasser, der Torschütze des goldenen Tores beim prestigeträchtigen Sieg der DDR über die Bundesrepublik bei der WM 1974, gehört in die Reihe seiner gezeichneten Fußballgrößen. Die populären Figuren des 1983 verstorbenen Karikaturisten prägten über Jahre das kollektive Gedächtnis der Fußballanhänger in der DDR und in Europa. Die gezeichnete Welt des Edward Alaszewski gehört damit zu den beliebtesten Kulturexporten Polens.

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