Kanadas neuer Profi-Klub Toronto FC

„Angesagter als wir dachten“

Am Samstag hat die 12. Saison der US-amerikanischen Major League Soccer begonnen, zum ersten Mal ist auch ein kanadisches Team dabei: der Toronto FC. Innerhalb von elf Monaten wurde aus dem Nichts ein Erstliga-Klub geschaffen. Imago Der Toronto FC braucht keinen David Beckham, um eine riesige Fußball-Begeisterung in der Stadt auszulösen. Die Fans rennen dem Klub aus einem viel banaleren Grund die Türen ein: Es gibt endlich einen Proviverein in Toronto. Die US-amerikanischen Major League Soccer (MLS) wurde um eine 13. Mannschaft, den Toronto FC, erweitert - allerdings nicht als Aufsteiger. Den Verein gab es vor einem Jahr noch gar nicht.

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Wie in den USA üblich, erkauft man sich die Ligazugehörigkeit. In diesem Fall war es Maple Leaf Sports Entertainment, ein Konzern, dem auch das NHL-Eishockeyteam und der NBA-Basketballklub Torontos gehören. Nun wird die MLS am Samstag um das erste kanadische Team erweitert. Mit der großen Begeisterung um die Mannschaft hatte selbst die Klub-Führung nicht gerechnet. Nach 14.000 verkauften Dauerkarten, der beste Wert der Liga, verkündete sie auf der Vereins-Homepage: „Soccer is hotter than we thought!“ (Fußball ist angesagter als wir dachten!) Dabei scheint Toronto die perfekte Stadt für Fußball zu sein. Die kanadische Metropole gilt als die internationalste Stadt der Welt, in der mehr als 100 Volksgruppen leben. Besonders die vielen Einwanderer aus Europa gieren nach einem professionellen Fußballteam. Zwei Ultra-Fangruppen wurden bisher gegründet und die Italiener in Toronto haben der Mannschaft schon einen eigenen Spitznamen gegeben: „Il bianco-rossi“ (die Rot-Weißen).

Mo Johnston - Trainer, Manager und Maskottchen


Die Klubfarben sollen natürlich auch die Kanadier ansprechen. Auf lange Sicht soll der Verein nämlich den Aufstieg des Nationalteams einläuten. Denn momentan liegt der Verband in der FIFA-Weltrangliste zwischen Uganda und Malawi nur auf Position 103. Kanadas Fußball-Organisation drängte auf Investitionen für den Profi-Fußball. Und so wurde mit 65 Millionen Dollar (85 Prozent davon aus öffentlichen Geldern) ein nagelneues Stadion nach englischem Vorbild für 20.000 Zuschauer gebaut. Am 1. Juli wird im BMO-Field auch das Eröffnungsspiel der U20-WM ausgetragen. Der Toronto FC wird seine erste Heimpartie dank der seltsamen Terminfestlegung der MLS erst am 4. Spieltag, dem 28. April, bestreiten. So muss Cheftrainer Mo Johnston mit seiner Mannschaft zunächst in Los Angeles, Boston und Kansas City antreten. Der resolute Schotte mit den feuerroten Haaren strotzt nur so vor Tatendrang und ist begeistert von der Aufgabe, aus dem Nichts ein Team aufzubauen. „Es gibt doch nichts besseres, als solch einen Neuanfang zu verantworten.“ Der ehemalige Nationalstürmer ist beim Toronto FC Trainer, Manager und Maskottchen in Personalunion.

Spieler, die andere nicht mehr wollten


Für einige Monate stand auch nur ein Spieler in seinem Kader, der im September 2006 verpflichtete Kanadier Jim Brennan. Um den Linksfuß herum baute Johnston eine Mannschaft aus gestandenen MLS-Profis, jungen Kanadiern und erfahrenen Haudegen aus Großbritannien auf. Deutschen Fans dürfte nur ein Spieler bekannt sein: der US-Amerikaner Conor Casey. Der Stürmer war in den vergangenen Jahren in der 1. und 2. Bundesliga bei Hannover 96, dem Karlsruher SC und Mainz 05 aktiv. Um den neuen Klub mit genügend Spielern zu versorgen, veranstaltete die MLS nach der vergangenen Saison sogar einen Extra-Draft. Trainer Johnston durfte sich von den anderen Vereinen zehn Profis aussuchen. „Wir hatten aber nur die Auswahl aus Spielern, die die anderen nicht mehr wollten“, sagt Johnston, „mittlerweile sind von den zehn nur noch zwei bei uns unter Vertrag. Die anderen habe ich gleich weiterverkauft.“

Die größten Schwierigkeiten hatte Johnston jedoch bei der Suche nach guten kanadischen Spielern. Selbst die kreativsten Scoutingmethoden brachten wenig Erfolg: Im Dezember veranstaltete der Klub ein großes öffentliches Training, bei dem jeder vorspielen durfte, der vorher 115 kanadische Dollar (etwa 80 Euro) bezahlte. Mehr als 900 kickende Glücksritter aus aller Welt beteiligten sich an der siebentägigen fußballerischen Casting-Veranstaltung. Und tatsächlich wählte Johnston einen Spieler aus. Er nahm den 21-jährigen Studenten Richard Asante unter Vertrag. Allerdings war dessen Teilnahme an dem Massentraining eher eine Alibi-Aktion. Denn der Mittelfeldspieler stand schon für den College-Spieler-Draft auf Johnstons Liste. So bescherte das Fußballer-Casting dem Klub vor allem viel Aufmerksamkeit. Und die gescheiterten Trainingsteilnehmer erhielten als Trostpflaster ein T-Shirt sowie zwei Karten für ein Spiel des Toronto FC – für irgendetwas mussten die 115 kanadischen Dollar ja gut sein.

Der erste MLS-Klub mit Trikotwerbung

Für ein weiteres Novum der Major League Soccer sorgte der Verein bei der Trikotgestaltung. Der Toronto FC ist der erste Klub der MLS mit einem Trikotsponsor. Bei amerikanischen Profi-Mannschaften prangt üblicherweise der Teamname auf der Brust, auch David Beckham wird den Schriftzug LA Galaxy vorne auf seinem Shirt tragen. Der Besitzer des Toronto FC, Richard Peddie begründete den Entschluss mit einer bahn brechenden Erkenntnis: „Wir haben diese Neuerung gewählt, als wir aus einer Studie erfuhren, wie viel Geld europäische Vereine mit der Brustwerbung verdienen.“ Auf hoch dotierte Verträge wie in den großen Ligen östlich des Atlantik brauchen Torontos Fußballprofis trotz der neuen Werbestrategie nicht zu hoffen. Die meisten Spieler verdienen im Jahr nicht mehr als 60.000 Dollar – etwa soviel wie ein Busfahrer. Obwohl die Liga bessere Spieler anlocken will und den Klubs seit neuestem erlaubt, einen Profi unter Vertrag zu nehmen, der wie Beckham weitaus mehr verdient, verzichtet Johnston auf einen bekannten Star in seiner Mannschaft: „Wir werden uns als neues Team mit so vielen Wehwehchen herumschlagen müssen, dass wir uns die Kopfschmerzen mit einem großen Star in der ersten Saison gern ersparen. Den verpflichten wir dann in der nächsten Saison.“ Als erster Kandidat wird vom aktuellen MLS-Meister Houston Dynamo der kanadische Spielmacher Dwayne De Rosario (12 Spiele und ein Tor für den FSV Zwickau in der 2. Liga 1997/98) gehandelt.

Ob die Fans dem Toronto FC dann immer noch die Türen einrennen, wird stark vom Erfolg der Mannschaft in der Premierensaison abhängen. Noch profitiert der Klub davon, dass er einfach neu ist. Aber die Einwohner Torontos sind dafür bekannt, die Gewinner-Mannschaften ihrer Stadt über alles zu lieben - und die Verlierer-Teams abgrundtief zu hassen.

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