Kalle Rummenigge trifft Thomas Bernhard (80)
11.02.2011

Kalle Rummenigge trifft Thomas Bernhard (80)

»Es ist alles Rahmsuppe«

In seinem Büro denkt Bayern-Vorstandschef Kalle Rummenigge über den Niedergang der Bundesliga nach. Plötzlich fliegt die Flügeltür auf: Thomas Bernhard, der 1989 verstorbene Dichter der Misanthropie, kommt herein.

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imago

Rummenigge (geschockt):
Ach, du Scheiße!

Bernhard eilt mit wehenden Mantelschößen direkt auf Rummenigge zu.

Rummenigge (ARD-expertenhaft):
Das ist lebensgefährlich, was er da macht.

Bernhard wird immer größer, wirft einen Schatten auf Rummenigges Schreibtisch.


Rummenigge (von seinem Schreibtisch aufspringend, gespielt herzlich):
Ja, Thomas! Grüß Dich! Wie schön, Dich so lebendig zu sehen! Lass Dich umarmen!

Bernhard (reserviert):

Ich habe meine Arme nicht zum Umarmen, eigentlich, sondern zum Schreiben und zum Schuhbandlbinden und zum Waschen und zum Essen und zum Ausziehen.
 Aber zum Umarmen hat man selten Lust.



Rummenigge (nicht wissend, wohin mit seinen ausgebreiteten Armen):
Ja, äh, gut.

Bernhard tritt ans Fenster und schaut in die Ferne. Bedrückende Stille. Nur die FCB-Uhr aus dem Fan-Shop tickt. Rummenigge kämmt mit seinem Fuß den Perserteppich und zuppelt an seiner Vereinskrawatte.

Rummenigge (steif):
Wie ist, äh, das werte Befinden?

Bernhard (sphärisch lächelnd):
Einmal am Tag freut man sich, dass man am Leben ist und noch nicht tot. Das ist ein unwahrscheinliches Kapital.

Rummenigge (keck):
Das Festgeldkonto, sozusagen! Höhöhö. Sag einmal, Thomas: Hast Du nicht Lust, mit dem Kaiser und mir eine Partie zu golfen?

Bernhard (kokettierend
):
Es ist mir nicht anderes übrig geblieben, als in meinen Verstand zu flüchten und mit dem irgendetwas anzufangen, weil das Körperliche nichts hergegeben hat.

Rummenigge (melancholisch):
Ja, gut, äh, das war bei mir in gewisser Weise, äh, genau umgekehrt.

Bernhard lacht schallend auf.

Rummenigge (verunsichert):

Was ist daran so witzig?

Bernhard (souverän):
Das Scherzmaterial ist ja immer da, wo's nötig ist, wo ein Mangel ist, irgendeine geistige oder körperliche Verkrüppelung. Über einen Spaßmacher, der völlig normal ist, lacht ja kein Mensch, nicht? Sondern der muss hinken oder einäugig sein oder jeden dritten Schritt hinfallen, oder sein Arsch explodiert und er schießt a Kerz'n heraus oder was. Darüber lachen die Leut', immer über Mängel und über fürchterliche Gebrechen.

Rummenigge (plötzlich aufbrausend):
Apropos Mängel, Thomas: Wir finden in Deutschland unter Rahmenbedingungen statt, die keinen fairen Wettbewerb zulassen! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Anschluss verlieren!

Bernhard (lakonisch):
Jeder ist an allem selber Schuld.

Rummenigge (hadernd):
Aber mir fehlt mir die Aussicht, wie die Top-Klubs der Bundesliga im Konzert der Großen eine Rolle spielen sollen.
 
Bernhard (schulterzuckend):
Um mich ausleben zu können, wie ich will, bleibt mir nichts anderes übrig als das Alleinsein.

Rummenigge (pulsierend):

Aber, äh, ich fordere eine weniger ängstliche und ergebnisoffene Diskussion!

Bernhard (verschmitzt):
Man weiß ja nie, wer man ist. Es sagen einem ja die anderen, wer und was man ist, nicht? Und weil es einem millionenmal gesagt wird, wenn man ein längeres Leben hat, weiß man überhaupt nicht mehr, wer man ist. Jeder sagt etwas anderes. Man selbst sagt auch jeden Augenblick was anderes.

Rummenigge (in sich hinein horchend):

Ja, gut, äh.

Bernhard (feixend):
Im Grund' ist alles ein Betrug und ein Selbstbetrug, aber eigentlich großartig! Ohne den Betrug würde ja alles zusammenfallen und wär' nix mehr. Die Welt ist ja als ganzes ein Betrug, nicht?

Rummenigge (angestrengt):
Trotzdem, Thomas: Wenn sich das Rad so weiterdreht, dann wird sich das Thema auch für den FC Bayern stellen.

Bernhard (milde):
Jeder hat sein Thema. Darin soll er sich bewegen. Dann macht er es auch gut.

Rummenigge (neffenhaft):
Ich frage mich einfach, lieber, äh, Thomas: Quo vadis, Bundesliga?

Bernhard (weise):

Spannend ist ja nur, was kommt, aber spannend ist nicht das, was war.

Rummenigge (philosophiestudentenhaft):
Das Geld ist entscheidend für das, was auf dem Transfermarkt passiert, und was dort passiert, ist entscheidend für das, was auf dem Platz passiert.

Bernhard (wieder aus dem Fenster in die Ferne blickend):

Ich bin mit allem zufrieden, restlos. Wahrscheinlich, weil ich so selbstzufrieden bin und so glücklich über alles. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin durch und durch glücklich, von oben bis unten, von der linken Hand bis zur rechten und das ist wie ein Kreuz. Und das ist das Schöne daran. Eine katholische Existenz. Ich wünsche jedem Menschen Religion und all das, weil das ist wunderbar. Es ist alles wie Rahmsuppe.

In Rummenigges Büro ist es dunkel geworden. 


Rummenigge (einsam):

Wir wollen zurück in die europäische Spitze. Und wir werden alles dafür tun.

Bernhard (entrückt):
Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt.

In diesem Moment landet ein Schwarm schwarzer Raben auf dem Dach gegenüber.

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Thomas Bernhards Aussprüche stammen aus


Krista Fleischmann: »T. B. - Eine Begegnung«,

Kurt Hoffmann: »Aus Gesprächen mit T.B.«,

Hellmut Karasek, Erich Böhme: »Ich könnte auf dem Papier jemanden umbringen« (»Der Spiegel« vom 13.6.1980),

Asta Scheib: »Von einer Katastrophe in die andere« (»SZ« 17.Januar 1987)

und Niklas Frank: »Ansichten eines unverbesserlichen Weltverbesserers« (»Stern« vom 4. Juni 1981).


Karl-Heinz Rummenigges Aussprüche stammen aus seiner monatlichen
Klagerede.

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