Kaiserlauterns Superlativ

Die größten Fahnen

In der Pfalz haben einige Fans aus der Westkurve viel Geld gesammelt, um es in Stoff zu investieren. Sie beleben damit eine alte Tradition – in einer Phase, in der die Verbindung zu den guten, alten Zeiten abzureißen droht. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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Die Fahne ist seit jeher ein Symbol der Macht und des Sieges. Sie gehört zur Tradition des Fußballs seit den Zeiten, als man die Fans einer Mannschaft hierzulande gerne noch als Schlachtenbummler bezeichnete. Die Dimensionen der Stoff gewordenen Treuebekenntnisse wuchs in den ersten Jahrzehnten der Bundesliga stetig an. Doch neuerdings sind die großen Blickfänge überall aus den Kurven verschwunden. Verbannt auf den Rasen, versetzt vor die Kurve oder ersetzt durch Miniaturausgaben. Überall? Nein, denn auf dem Betzenberg in Kaiserslautern flattern in Momenten des Jubels immer noch gut 30 große Schwenkfahnen durch die Luft. So viele wie nirgends sonst. Die Westkurve, die offiziell Tribüne heißt, ist das Gallierdorf der Fähnriche unter den deutschen Fußballfans.

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»Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, mit der Fahne in der Kurve zu stehen«, schwärmt Philipp Wagner. »You’ll never walk alone« prangt neben dem FCK-Wappen unter seiner Fahne. Die Liverpooler Hymne ist so was wie das Hohe Lied der schwenkenden Gemeinde. Während des drei Minuten langen Stücks entfaltet die Flagge ihre ganze Pracht. Noch wichtiger ist allerdings der Einlauf der Mannschaften und – wenn es den FCK-Fans vergönnt ist – der Torjubel. Das sind die Momente, in denen ihr Blick umherschweift und sie sich als wichtiger, weil gut sichtbarer Teil des ganzen Spektakels fühlen. »Das entschädigt für alles«, sagt Alexander Burkhardt, dessen Leidenschaft sich unschwer an der Größe seiner Riesenfahne ablesen lässt. Er interpretiert Redewendungen wie »Flagge zeigen« oder »Farbe bekennen« sehr wörtlich. Oder wie er es ausdrückt: »Das Stadion rot machen.«


»Uns haben die alten Bilder aus der Westkurve angestachelt«


Für ihre Träger drückt die Fahne zweierlei aus. Einerseits ist sie das Bekenntnis zum Verein, andererseits Projektionsfläche der eigenen Persönlichkeit. Zumindest in Zeiten, in denen Selbstgenähtes oder das Modell »Patchwork« immer mehr von persönlich entworfenen Designs verdrängt werden. Diese individuelle Note lassen sich die Hersteller maßgeschneiderter Devotionalien teuer bezahlen. Gut 30 Euro pro Quadratmeter Stoff kostet die Realisation eigener Träume. Eine Menge Geld für einen Einzelnen.

Zu diesem Schluss kam auch die Faninitiative »Stimmung Westkurve«, die sich entgegen des landläufigen Trends für die Anschaffung neuer Schwenkfahnen stark gemacht hat. »Auch um die Tradition zu pflegen«, sagt Kai Schmitt. »Und weil uns die alten Bilder aus der Westkurve angestachelt haben«, pflichtet ihm Kollege Patrick Fink bei. Die eigene Vergangenheit bedeutet für viele FCK-Fans ein hehres Ideal, gegen das sie selbst anrennen müssen. Der Betzenberg als Hexenkessel, der bei Gegnern und Schiedsrichtern weiche Knie verursacht, hatte sich im Erfolg der 90er Jahre als Legende verselbstständigt. Doch die einmalige Atmosphäre hat den eigenen Mythos nicht überlebt. Weshalb die Faninitiative nötig und aktiv wurde.

Geboren wurde die Idee mit den Fahnen beim Besuch des FCK-Trainingslagers in der Schweiz im Sommer 2006. »Wir wollten etwas, was das Bild der Kurve – im Gegensatz zu einer einmaligen Choreo – nachhaltig beeinflusst«, erinnert sich Torsten Radszuweit. Er selbst schwenkt zwar keine Fahne, sammelte aber mit seinem Bekanntenkreis mehrere hundert Euro für deren Anschaffung. Ein Sponsor stockte die Summe auf, so dass sie für sieben Exemplare reichte. Diese sind kein Privateigentum, sondern werden von den Fans einem Kreis von Freiwilligen zur Verfügung gestellt, die sich über die Kurve verteilen. Dort wo sie der Meinung aller Befragten nach unbedingt hingehören.

»In Ausnahmefällen, wie zum Beispiel der erstmaligen Präsentation, ist es etwas Besonderes, einmal auf dem Rasen zu stehen. Nicht, wenn es zur Regel wird«, verdeutlicht Patrick Fink. Er zielt damit in die Richtung anderer Traditionsvereine, die die große Schwenkparade zum Einlauf der Mannschaften inszenieren, ansonsten aber die Fahnen im Zuschauerraum per Stadionordnung verbieten. Genauso wenig ist der Einsatz der Fahnen in Kaiserslautern ein Privileg der Ultras, mit denen die Fahnenträger kooperieren. Im Gegensatz zum heimischen Fritz-Walter-Stadion sehen sie sich in der Fremde oft größeren Schwierigkeiten ausgesetzt. In den modernen Arenen weiß man oft nicht, wo Sicherheitsvorkehrungen enden und Repressalien beginnen. Doch der Verein hilft: Längst werden sogenannte Fahnenpässe ausgestellt, damit den treuesten Anhängern auch auswärts nie der Stoff ausgeht.

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