Julian Draxler über Titel und Vorbilder

»Die Meisterschaft ist ein Traum!«

Julian Draxler ist einer der größten Shootingstars im deutschen Fußball. Vor der EM wurde der 18-Jährige in den erweiterten Kader der Nationalelf berufen. Vor der neuen Saison hofft man auf Schalke, dass er die Rolle von Raul übernimmt. Ein Gespräch über Meistertitel, Vorbilder und Jermaine Jones.

Julian Draxler, was glauben Sie: Wann ist man erwachsen?
Das ist je nach Entwicklung unterschiedlich. Da man mit seinen Aufgaben wächst, habe ich sicher einen Schritt nach vorne gemacht. Aber als Erwachsenen würde ich mich noch nicht bezeichnen.

Ihre schulische Reifeprüfung haben Sie mit dem Fach-Abitur jetzt abgelegt…
Ich bin sehr zufrieden, dass ich es durchgezogen habe. Denn jetzt habe ich etwas in der Hinterhand und kann mich voll auf den Sport konzentrieren.

War Ihr erster Länderspiel-Einsatz gegen die Schweiz schon so eine Art sportliche Reifeprüfung?
Nein, das würde ich nicht sagen. Es war ja nur ein Test. Aber unterm Strich steht halt mein erstes Länderspiel und ich glaube, dass ich auch keine schlechte Leistung auf dem Platz gebracht habe.

Wie sind Sie danach mit Joachim Löw verblieben?
Er hat mir gesagt, dass ich mich sehr gut präsentiert hätte und er mir in meiner weiteren Entwicklung helfen will. Und er hat mir auch in Aussicht gestellt, in nächster Zeit wieder eingeladen zu werden.

Sie haben jetzt Ihre erste komplette Saison in der Bundesliga absolviert. Wie zufrieden waren Sie mit sich?
Das Wichtigste war, dass ich viel Spielzeit bekommen habe, um mich weiterzuentwickeln. Zu 100 Prozent zufrieden war ich mit mir noch nicht – so hätte ich mir zum Beispiel gewünscht, mehr als zwei Tore in der Bundesliga zu erzielen. Laut Statistik habe ich 17,5 Schüsse für ein Tor gebraucht – das ist natürlich viel zu viel. In der A-Jugend hatte ich einen sehr viel besseren Schnitt, da waren es elf Tore in zwölf Spielen. Aber dort habe ich auch auf einer anderen Position gespielt. Jetzt musste ich mich an die linke Seite erst gewöhnen.

Woran müssen Sie, neben dem Torabschluss, noch arbeiten?
An der Defensivarbeit, am Pressing. Und auch körperlich habe ich noch ein bisschen Nachholbedarf – auch wenn ich nicht mehr ganz so weit hinten bin wie vor eineinhalb Jahren. Wenn ich heute Bilder von mir von damals sehe, dann bin ich sicher weitergekommen.

Schalke möchte Ihnen mehr Verantwortung geben – Huub Stevens hat Sie schon auf der Zehn getestet. Sind Sie dafür bereit?
Das werden die ersten Spiele zeigen. Wenn ich in der Bundesliga auf der Zehn eingesetzt werden sollte, wird man sehen, ob es schon meine Position ist oder ob ich noch ein bisschen Entwicklungszeit brauche. Aber Fakt ist, dass ich mich auf dieser Position immer am wohlsten gefühlt habe und dass ich auch glaube, der Mannschaft so am meisten helfen zu können. Sagen wir, es wäre meine Wunschposition.

In der kommenden Saison wird man denjenigen, der auf der Zehn spielt, automatisch mit Raúl vergleichen – auch wenn die Rolle künftig anders ausgelegt wird. Ist das eine besondere Last.
Der Vergleich hinkt, weil wir unterschiedliche Spielertypen sind, aber er wird zwangsläufig kommen. Für mich ist es natürlich schwer, schon den Level von Raúl zu erreichen – er hat über Jahre Weltklasse-Leistungen gezeigt, und ich selbst bin beim Bundesliga-Start gerade knapp 19. Doch die Verantwortlichen im Verein wissen, dass ich in diese Rolle erst hineinwachsen muss. Von daher werde ich zwar meine Leistung zeigen müssen, aber auch die notwendige Unterstützung bekommen.

Sie stehen immer noch am Anfang Ihrer Karriere. Was möchten Sie mit Schalke erreichen?
Die letzte Saison war sehr gut, jetzt sind wir als Mannschaft weitgehend zusammen geblieben – also bin ich guter Dinge, dass wir auch dieses Jahr wieder um die Champions-League-Plätze mitspielen.

Schalke ist so lange nicht mehr Deutscher Meister gewesen.
Zu lange – aber darüber wollen wir gar nicht sprechen.

Ist die Meisterschaft mit Schalke für Sie als Junge aus dem Verein nicht ein Karriere-Traum?
Natürlich ist das ein Traum. Fast jeder, der rund um Gelsenkirchen aufwächst, hat doch diesen Traum, mit Schalke einmal Deutscher Meister zu werden. Auch ich werde alles dafür geben. Aber unsere Mannschaft ist noch in der Entwicklungsphase, und deswegen wäre es vermessen, jetzt von der Meisterschaft zu reden.

Schalke ist gerade Deutscher A-Jugend-Meister geworden – vom Alter her hätten Sie da noch mitspielen können. Als Schalke das letzte Mal A-Jugend-Meister war, hieß der Spielmacher Mesut Özil   – heute ist er die Nummer zehn von Real Madrid. Haben Sie seinen Weg besonders verfolgt?
(schmunzelt) Früher auf Schalke eigentlich gar nicht so. Aber seit Mesut von Bremen nach Madrid gewechselt ist, ist er ein absolutes Vorbild für mich geworden. Er ist auch in Gelsenkirchen aufgewachsen, hat sich dann in der Bundesliga etabliert und den Sprung nach Spanien gewagt – und mein Traum ist es auch, später irgendwann einmal in Spanien zu spielen. Bei der Nationalmannschaft habe ich mich viel mit Mesut darüber unterhalten. Ich habe ihn sozusagen ausgefragt, wie es denn so ist in Spanien.

Und was hat er gesagt?
Dass er sich sehr wohl fühlt und es für ihn eine Riesensache ist, bei Real Madrid zu spielen. Und dass dort alles noch eine Nummer größer ist. Ich werde seinen Weg weiter verfolgen, aber in erster Linie natürlich auf meinen schauen.

Noch einmal zurück zum Erwachsenwerden: Als Sie ganz neu bei den Profis waren, hat Jermaine Jones Sie im Training mal rüde umgegrätscht, um Ihnen zu zeigen, dass es in der Bundesliga nicht nur mit Hackentricks geht…
Es hat ihm wohl nicht so gepasst, dass ich bei den Profis wie in der A-Jugend gespielt habe, mit ein bisschen viel Schnörkel – deswegen hat er mich damals umgesenst. Es bestand in dieser Situation keine Verletzungsgefahr, aber ich habe mich ziemlich erschrocken, weil ich heftig durch die Luft geflogen bin. Doch Jermaine und ich haben ein Super-Verhältnis, das hat auch diese Aktion nicht negativ beeinflusst.

Und wie würden Sie heute auf so etwas reagieren?
(lacht) Heute würde es mich etwas weniger schmerzen, weil ich ein bisschen besser durchtrainiert bin. Man weiß, worauf man sich einlässt, wenn man mit Jermaine in den Zweikampf geht.

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Das Interview erschien zuerst bei derwesten.de

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