Jules Rimets Erinnerungen an Uruguays WM-Gewinn von 1950

Trostlose Stille

Am 16. Juli 1950 verfielen über 200.000 Menschen im Maracanã in Depression. FIFA-Präsident Jules Rimet erlebte den Moment hautnah.

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Im entscheidenden Finalrundenspiel trifft Gastgeber Brasilien bei der WM 1950 auf den Nachbarn aus Uruguay. 205.000 Zuschauer sind ins Maracanã-Stadion gepilgert, um dabei zu sein, wie die Seleçao den ersten Titel in ihrer Geschichte auf heimischem Grund einfährt. Brasilien reicht ein Unentschieden, und alles läuft nach Plan. In der 47. Minute hat Friaça das favorisierte Team mit 1:0 in Führung geschossen. Der WM-Sieg scheint in greifbarer Nähe. Doch in der 66. Minute gleicht Uruguays Juan Schiaffino aus. Auf der Tribüne sitzt FIFA-Präsident Jules Rimet und verfolgt das Geschehen. In seinen Memoiren wird er sich später der dramatischen Ereignisse erinnern, die Maracanã in seinen Grundfesten erschüttern – und für immer zu einem mythologischen Ort der Fußballgeschichte machen werden.

»Wenige Minuten vor Spielende verließ ich meinen Platz auf der Ehren­tribüne und machte mich auf den Weg in Richtung Kabinen. Die Mikrofone wurden bereits vor­bereitet, und um mich herum machten die Zuschauer einen ohrenbe­täubenden Lärm. Durch die Tunnel der Riesen­tribüne begab ich mich beim Stand von 1:1 zur Siegesfeier, um den Brasilianern die Trophäe zu überreichen.« (1)

In der 79. Spielminute zieht Uruguays Alcides Ghiggia an seinem Gegenspieler vorbei und trifft zum 2:1 ins kurze Eck.

»Als ich gerade am Ausgang des Tunnels angekommen war, verstummten die Jubelrufe plötzlich und eine trostlose Stille legte sich über das Stadion. Uruguay hatte eben sein zweites Tor geschossen und war Weltmeister.«

Torschütze Ghiggia wird viele Jahre später über seinen spielentscheidenden Treffer sagen: »Nur Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich haben es geschafft, das Maracanã mit einer einzigen Bewegung zum Schweigen zu bringen.«

»Plötzlich gab es keine Ehrengarde mehr, keine Nationalhymne, keine Ansprache vor dem Mikrofon, keine glanzvolle Siegesfeier. Ich fand mich allein inmitten der Volksmenge, von allen Seiten bedrängt, mit dem Pokal in meinen Händen, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Ich hielt nach dem uruguayischen Kapitän Ausschau und überreichte ihm – fast im Geheimen – den Pokal und streckte ihm die Hand hin, ohne ein Wort sagen zu können.«

Jules Rimet, der das Amt des FIFA-Präsidenten von 1921 bis 1954 innehatte, hat ein paar Glückwünsche auf Portu­giesisch auswendig gelernt, um den Brasilianern gratulieren zu können. Selbst Uruguays Spieler scheinen mit der Situation überfordert, sie jubeln nur verhalten. Kapitän Obdulio Varela wird später erklären, ein brasilianischer Fan habe am Abend in einer Bar an der Copacabana angefangen zu weinen, als er ihn erkannte.

»Später legte sich die Verwirrung. Die Menschenmenge brach langsam auf, wie wenn sie vom Friedhof käme. Funktionäre und brasilianische Spieler gratulierten den Siegern mit einer traurigen, aber zugleich herzlichen Verbeugung.«

Als die Reinigungskräfte Stunden nach Abpfiff das Stadion betreten, entdecken sie vier Leichen. Die Obduktion ergibt, dass drei Stadionbesucher an Herzinfarkten gestorben waren, ein weiterer Fan hatte nach der Niederlage Selbstmord begangen, indem er von der Tribüne gesprungen war. Das Spiel geht als Maracanaço in die brasilianische Geschichte ein.

(1) Aus: Jules Rimet: Die wunderbare Geschichte des Weltpokals. Edition Europa Verlag. 1954.

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