09.06.2014

Jürgen Klinsmanns verlängerter Arm: Michael Bradley

Der »Connector«

Mal sollen sie typisch deutsch spielen, mal amerikanisch-mexikanisch. Jürgen Klinsmann verlangt viel von seinen US-Boys. Umsetzen soll das variable Spiel ein ehemaliger Bundesligaprofi: Michael Bradley. Er gilt als Dirigent im Mittelfeld.

Text:
Graham Parker
Bild:
imago

Müsste man Michael Bradleys Bedeutung für die amerikanische Nationalmannschaft näher erklären, könnte man ihn zu einer Art fußballerischen Rosetta Stone ernennen. (Für alle die es nicht wissen sei an dieser Stelle gesagt: Rosetta Stone ist ein weltweit bekannter Übersetzungsservice.) Als zentraler Mittelfeldspieler ist Bradley im übertragenen Sinne der Spieler, der die verschiedenen Dialekte der klinsmann’schen Spielidee für die Mannschaft übersetzt. Der Trainer verlangt eine große taktische Variabilität: Mal soll das Team amerikanisch-mexikanisch spielen, mit viel Ballbesitz und schnellen tempoartigen Gegenstößen. In anderen Phasen wiederum will Klinsmann die alten deutschen Tugenden sehen – Kampf, Laufstärke und Willenskraft. Bradley ist so etwas wie der Übersetzer von Klinsmanns Vorstellungen. Er spricht die fußballerische Sprache des Trainers.

Es verwundert nicht, dass der ehemalige US-Profi und jetzige ESPN-Experte Alexi Lalas in Michael Bradley einen »Connector« sieht, eine Art Verbindung zwischen Team und Trainer, aber auch den verschiedenen Mannschaftsteilen. »Es gibt keinen Spieler, der für das Team wichtiger ist als er. Er wird der entscheidende Baustein während der Weltmeisterschaft«, glaubt Lalas. Bradley sei ein Dirigent, der entscheidet, wann der Motor der US-Boys hochgeschaltet und wann ein Gang rausgenommen werden muss.

Der Papa und sein Sohn - das schmeckte nicht allen

Die Lobgesänge, die Experten wie Lalas auf den 26-jährigen Glatzkopf singen, gab es allerdings nicht immer. Zu Beginn seiner Karriere wurde der Mittelfeldspieler kritisch beäugt, fühlte sich missverstanden. Als Bradley 2004 in die erste Mannschaft der New York Metrostars wechselte, führten das viele darauf zurück, dass Vater Bob das Team trainierte. Auch ein paar Jahre später, als Michael für die Nationalmannschaft debütierte, hieß der Trainer Bob Bradley. Die Kritiker fühlten sich bestätigt.

Ein Jahr zuvor war der Mittelfeldspieler bereits aus den Staaten geflüchtet. Der SC Heerenveen lotste ihn 2005 in die Niederlanden. In der Heimat traute Bradley, der zu diesem Zeitpunkt als jüngster Spieler die MLS in Richtung Ausland verließ, kaum jemand den Sprung nach Europa zu. Aufgrund seines kahl rasierten Kopfes und des zuweilen stümperhaften Zweikampfverhaltens sahen viele in ihm einen mittelmäßigen Mittelfeldabräumer. Diesen Ruf wurde er auch in den Niederlanden zunächst nicht los.

Nach zweieinhalb Jahren verließ er Heerenveen und heuerte bei Borussia Mönchengladbach an. In der Bundesliga ließ Bradley zwar kurz sein Potenzial aufblitzen, scheiterte letztlich aber an zu hohen Erwartungen und dem eigenen Unvermögen, sich durchzubeißen. Das anschließende Gastspiel bei Aston Villa verlief, freundlich ausgedrückt, unglücklich. Die Chance zu einem Neuanfang bot ihm ein mittelklassiger Verein aus der Serie A: Chievo Verona.

 
 
 
 
 
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