Die Rückkehr »Carlos, ich sehe dich leiden. Wenn es so sein muss, dann lass uns zusammen leiden.« Juan Román Riquelme
Boca verliert zum zweiten Mal einen Test gegen River Plate. Riquelme sieht die Partie daheim am Fernseher. Er ist stinksauer. Der Fan in ihm tobt. Auch Stunden danach ist sein Ärger nicht verraucht. Er greift zum Telefon, wählt die Nummer von Bianchi und bietet seinem Freund Hilfe an: »Carlos, ich sehe dich leiden. Wenn es so sein muss, dann lass uns zusammen leiden.« Rolle rückwärts, alles zurück auf Anfang.
Die Sache gerät ins Rollen. Ein mit Ligarivale Tigre anberaumtes Treffen wird kurzfristig abgesagt. Boca hat Priorität. Riquelme-Berater Daniel Bolotnicoff über die Motive seines Klienten: »Die Partie hat Roman sehr mitgenommen. Für Gefühle gibt es manchmal keine Erklärungen. Fußball bedeutet Leidenschaft.«
Der Boca-Klubführung bleibt nichts anderes übrig, als dem Wunsch von Trainer und Fans zu entsprechen. Riquelme scheint das zu ahnen. Der Moment ist günstig. Jetzt oder nie. Obwohl es durchaus Widerstand gegen die Rückholaktion des launischen Idols gibt, beugen sich die Vereinsoberen dem Druck. »Wenn wir gegen die Rückkehr gestimmt hätten, dann hätten wir harte Kritik einstecken müssen«, sagt Angelici. Die Bombonera hat ein zweites Mal gesprochen.
Bianchi hingegen dürften der Zeitpunkt der Rückkehr seines verlängerten Arms auf dem Platz sowie dessen Äußerungen kaum gefallen haben. Decken sie doch die Schwächen seines Kaders auf. Folgerichtig betont er: »Kein einzelner Spieler rettet eine ganze Mannschaft. Wenn Roman körperlich gut drauf ist, kann er uns noch sehr viel geben. Es wäre aber sicherlich besser gewesen, wenn er die Vorbereitung mit absolviert hätte.«
Schluss mit Polemik
»Ich bin nicht so böse, wie viele sagen.« Juan Román Riquelme
11. Februar 2013. Das Hin und Her der vergangenen Monate ist vorbei. Früh morgens um 7.25 Uhr fährt Riquelme mit seinem Auto auf das Klubgelände. Mit Mate-Becher in der Hand steigt er aus und verschwindet in der Umkleidekabine. Artig entschuldigt sich Riquelme bei seinen Kollegen für seine Verbalattacken, »falls diese bei dem einen oder anderen übel aufgestoßen sind«. Das sei nicht seine Absicht gewesen. »Ich habe als Fan gesprochen«, so Riquelme. Und überhaupt: »Ich bin nicht so böse, wie viele sagen.« Alle lachen. Schluss mit Polemik.
Die Mannschaftskameraden empfangen Riquelme nach außen höflich. Pablo Ledesma: »Er möchte in einem Moment zurückkommen, in dem wir ihn brauchen. Das zeigt, wie sehr er Boca liebt. Wir, die noch hier sind, hatten nie Probleme mit ihm. Er ist ein Anführer.« Doch auch wenn keiner offen gegen Riquelme stänkert. Die Frage bleibt: Kann ein Veteran im Alter von 34 Jahren und mit sieben Monaten ohne Spielpraxis innerhalb kürzester Zeit wieder seine dominanten Rolle in der Umkleidekabine und auf dem Rasen einnehmen? Noch dazu mit dieser Vorgeschichte im Gepäck? Auf die Antwort müssen alle bis Anfang März warten. Bis dahin schuftet Riquelme in Einzelschichten, um sich für sein Comeback fit zu machen. Die verpasste Vorbereitung sieht er gar als gutes Omen. »Ich habe die Hoffnung, dass sich die Geschichte von 2007 wiederholt«, sagt er. Damals kam er für ein halbes Jahr auf Leihbasis vom FC Villareal zu Boca. Trotz Kaltstart spielte Riquelme eine brillante Saison und führte die Blau-Gelben zum Triumph in der Copa Libertadores.
Bocas Vizepräsident Juan Carlos Crespi räumt Riquelme einen Sonderstatus ein: »Die Besten muss man eben wie die Besten behandeln.« Dennoch: »Ich bin überzeugt, dass er nie hätte gehen sollen.« Der argentinische Fußball wäre dann aber auch um eine Seifenoper ärmer.