José Mourino und der italienische Abgang

Geliebter Feind

Zwei Jahre führte Inter-Trainer José Mourinho Krieg gegen die italienische Presse und jagte zugleich ihre Auflagen gewaltig in die Höhe. Nun ist er weg – und die Reporter wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. José Mourino und der italienische Abgang
Heft#104 07/2010
Heft: #
104
In der Woche danach hat sich Mirko Graziano von der »Gazzetta dello Sport« Urlaub genommen und sein Telefon ausgeschaltet. Stefano Pasquino von »Tuttosport« ist drei Tage ans Meer gefahren, um sich zu erholen. Am Schlimmsten hat es Andrea Ramazzotti vom »Corriere dello Sport« erwischt. Er ist unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Champions-League-Finale in Madrid ins Krankenhaus gegangen, weil es ihm »nicht so gut« gehe, wie er mit schwacher, fast versagender Stimme ins Handy haucht. Was genau es ist, weiß er auch nicht. Aber es wäre kein Wunder, wenn der Auslöser seiner Kreislaufprobleme José Mourinho hieße.

[ad]

»Bitte erst in ein paar Tagen wieder melden!« Das ist die Standard-Antwort, mit der die Reporter von Italiens großen Sporttageszeitungen Fragen nach dem Gespenst abwehren, auf das sie in den vergangenen zwei Jahren Jagd gemacht haben. Oder war es der Trainer von Inter Mailand, der die italienischen Journalisten bis in ihre Träume verfolgt hat? Jedenfalls haben die Beteiligten ziemlich viele blaue Flecken aus ihrer zweijährigen Chaosbeziehung davon getragen. Es ist ein bisschen wie bei einem Wirbelsturm, der übers Land hinweg gezogen ist. Er hat alles durcheinandergebracht und war so schnell wieder vorbei, wie er aufgekommen ist. Jetzt rappeln sich die Geschundenen auf und begutachten den angerichteten Schaden.

Er brachte Inter den Pokal zurück – nach 45 Jahren

Am Ende haute es sogar José Mourinho selbst um. Nachdem er im ersten Jahr bereits italienischer Meister wurde, gelang ihm in der zweiten Saison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Keiner in Italien hatte das bisher geschafft. Nach 45 Jahren brachte er Inter den Pokal der Landesmeister zurück. Bei der Siegerehrung im Madrider Bernabeu-Stadion am 22. Mai brach Mourinho an der Brust des Inter-Präsidenten Massimo Moratti in Tränen aus wie ein kleines Kind. Zärtlich strich der Präsident dem Trainer einige Male über den Kopf, um ihn zu trösten. Der stolze Mourinho wirkte auf einmal ganz klein und verletzlich.

Der Moment bekam seine Dramatik vor allem aus dem Verrat, den Mourinho begangen hatte. Ohne wissen zu können, wie das Endspiel gegen den FC Bayern München ausgehen würde, hatte er sich für die kommende Saison Real Madrid als Trainer versprochen. Seit Monaten befeuerte er selbst die Gerüchte mit zweideutigen Aussagen und behauptete, er werde erst nach dem Finale entscheiden. Das war eine Lüge. Vielleicht wählte er deshalb für sein Geständnis nicht das italienische Fernsehen, sondern das deutsche. Verschämt nickte er auf die Frage des Sat.1-Moderators, ob das sein letztes Spiel auf der Bank von Inter Mailand gewesen sei. Es wirkte so, als ob der Betrüger den Betrogenen nicht in die Augen 
blicken konnte.

Später, in den Katakomben des Bernabeu-Stadions, setzte sich Mourinho in den Fond einer schwarzen Limousine. Der Wagen fuhr an, hielt aber nach ein paar Metern wieder. Der Trainer stieg aus und lief zu seinem Spieler Marco Materazzi, der melancholisch vor dem Mannschaftsbus an einer Mauer lehnte und auf die Abfahrt wartete. Mourinho fiel Materazzi um den Hals, wieder zuckte sein Oberkörper unter Weinkrämpfen. Erst klopfte der große Abwehrspieler mit den reichlich tätowierten Unterarmen seinem Trainer auf die Schultern. Dann kamen auch ihm die Tränen. Es ist das letzte Bild, das viele in Italien von Mourinho in Erinnerung haben.

»Wie der Abschied vom alten Partner in Begleitung des neuen«

In der Mailänder »Gazzetta dello Sport« wurde die theaterreife Abschiedsszene in der Folgezeit rauf und runter analysiert. Am Ende waren dem Autor aber nicht die vergossenen Männertränen wichtig, sondern die Tatsache, dass es sich bei der Limousine, in der der Coach davonfuhr, um einen Dienstwagen von Real Madrid handelte. Ein Abgang an Bord der Konkurrenz. »Das ist wie der Abschied vom alten Partner in Begleitung des neuen«, schrieb der stellvertretende Chefredakteur Franco Arturi beleidigt. José Mourinhos letzter Auftritt nach zwei Jahren Mailand wird als sein letzter Affront in Erinnerung bleiben.

 Der »Magier Mou«, wie die »Gazzetta« noch am Tag des Finales getitelt hatte, bewies auch beim Abschied Taktlosigkeit. Erfolg, Emotionen, Tränen, Konflikt und Verrat. Diese Mischung hat Italiens meistgelesener Zeitung in der vergangenen Saison fast vier Millionen Leser täglich beschert, so viele wie noch nie. »Es gibt keinen Trainer, der die Zeitungsseiten gefüllt hat wie er«, sagt Alberto Polverosi vom Konkurrenzblatt. Er ist Chef der Mailänder Redaktion des »Corriere dello Sport«.

Im Vergleich zu seinen Kollegen hat der 51-Jährige noch viel Energie, wenn man bei ihm die Mourinho-Taste drückt. Dann rasen die letzten zwei Jahre wie im Zeitraffer vorbei: José Mourinhos erste Pressekonferenz im Juni 2008, als er die Berichterstatter mit nahezu perfektem Italienisch und Kenntnissen im Mailänder Dialekt überraschte. »Wir rieben uns alle die Augen«, erzählt Polverosi. Wie er die Mannschaft von Inter Mailand zu einer Einheit formte, »die durchs Feuer für ihn gegangen wäre«. Polverosi meint das wörtlich.

Der große Kommunikator

Immer wieder fällt der Ausdruck vom »großen Kommunikator«. Es ist der gebräuchlichste Gemeinplatz über den 47-jährigen Portugiesen, aber auch der wahrste. Es ist der springende Punkt zwischen José Mourinho und der Presse. »Wenn du ihm eine banale Frage stellst, bekommst du bei ihm mindestens eine interessante Antwort«, sagt Polverosi. Keiner versteht es wie Mourinho, den Diskurs in die von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Es heißt immer, der Trainer nehme so Druck von seiner Mannschaft und würde von ihren Schwächen ablenken. Das Problem wurde bald, dass die Reporter Mourinhos größte Stärke als seine größte Schwäche auslegten.

Polverosi behauptet, was alle seine Kollegen bestätigen: »Mourinho war nicht vorbereitet auf die italienische Presse, die besonders an Fragen zu Taktik und Spielsystemen interessiert ist. Dazu haben wir von ihm fast nie eine befriedigende Antwort bekommen.« Auch nicht auf dem Platz. Vor allem in der ersten Saison erlebten die Reporter Inter als eine Truppe von Muskelprotzen, die die Bälle nach vorne droschen, wo dann Zlatan Ibrahimovic stand, dem meistens etwas Sinnvolles mit dem Ball einfiel. Nachdem der Schwede zum FC Barcelona verkauft worden war, wurde Inter immer besser. Aber manche halten es auch heute noch für Hochverrat, dass Mourinho einen eleganten Stürmer wie Samuel Eto‘o am eigenen Strafraum Bälle wegschlagen lässt...


Die komplette Reportage gibt es im aktuellen Heft. 11FREUNDE #104 ist ab sofort im Handel und dem Schwarzmarktverkäufer Eures Vertrauens zu haben!

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!