28.04.2013

John Westwood: Ein Doppelleben zwischen Büchern und Fussball

Hobbys: Lesen und Fußball!

Seite 2/4: »Das Internet ist Gift«
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Alan Powdrill

John Westwood wird unterbrochen, als er gerade fußballphilosophisch wird. Sein Handy klingelt, der Ton: »Play on, Pompey«, von ihm persönlich eingesungen.

Nahezu jeder Fußballfan wurde schon mal als verrückt bezeichnet. Meistens nur, weil Außenstehende es seltsam fanden, dass man unter der Woche wegen eines bedeutungslosen Auswärtsspieles nach Kaiserslautern fährt. Doch was macht John Westwood zu einem der fanatischsten Fans überhaupt? Seine Kleidung ist sicherlich außergewöhnlich, aber da sind auch noch die Tattoos. Über 60 Stellen auf seiner Haut bezeugen die Liebe zu seinem Verein, das ist selbst für einen Engländer viel. Auf seiner Kopfhaut prangt ein Tattoo: »Portsmouth the best and ahead of the rest.« Auf dem Rücken: »Portsmouth till I die«. In seine Zähne hat er sich »PFC« gravieren lassen.

Der Begriff »Portsmouth follower« erhält durch ihn seine buchstäbliche Bedeutung. Seit 30 Jahren hat er keine Partie verpasst, nicht einmal Freundschaftsspiele oder Vorbereitungsturniere. Er war mit seinem Klub in Italien, in Nigeria, in Hongkong, sogar auch in Wolfsburg. Er reist mit einem alten Bulli an, mal zu fünft, mal zu siebzehnt, das Gefährt ist ein rollender Pub mit Tisch und Bar. Eine Ehe hat ihn die Liebe zu Portsmouth gekostet, dazu Unsummen an Geld. Freundschaften sind zerbrochen, weil der Spielplan ihm keine Zeit ließ, als Trauzeuge oder Patenonkel bereitzustehen.

Diese Inventur des Wahnsinns könnte beliebig fortgeführt werden, doch kommen wir zum Bezeichnendsten: Es geht hier, strenggenommen, gar nicht um John Westwood. Es geht vielmehr um John Anthony Portsmouth FC Westwood. 1989 hat er seinen Namen ändern lassen und den Vereinsnamen integriert. Es sei einfacher gewesen, als gedacht, erzählt er. Es habe ihn nur ein paar Pfund gekostet.

John Westwood, wie kam es zu Ihrer außergewöhnlichen Kleidung?
So vor 14 Jahren schenkte mir meine Freundin diesen Hut, die anderen Klamotten kamen nach und nach. Irgendwann fing ich mit den Tattoos an, Jahr für Jahr folgten neue. Eines Tages sagten Kinder zu mir, dass ich ja wie ein Clown aussehen würde. Also habe ich mir Clownsschuhe geholt. Jetzt kommen viele der Kids zu mir, um Fotos zu machen. Sind wir nicht alle Kinder, wenn wir zum Fußball gehen? Ich bin nur ein Fan, der seine Leidenschaft auf diese spezielle Art zeigt. Doch ich bin nicht anders als die anderen und wollte das auch nie sein.

Es gibt einige Interneteinträge, in denen sich Leute über Sie beklagen. Sie seien kein gutes Aushängeschild für den Verein.
Das Internet ist Gift, da tummeln sich Menschen, die keine Freunde haben und sich hinterm Bildschirm verstecken. Ich nutze das Netz nicht, kein Facebook, kein Twitter, ich rede mit den Leuten Auge in Auge. Ich habe nie Probleme in den Stadien. Selbst die Jungs von anderen Teams, die Stress machen wollen, respektieren mich, weil ich für meinen Klub lebe. Na klar, da sind diese Spinner aus der Mittelschicht, die nicht verstehen, worum es geht. Für sie ist Fußball nur eines von vielen Hobbys, doch für die Leute hier ist es das Ein und Alles. Fabrikarbeiter sparen sich ihr Geld vom Mund ab, um zum Fußball gehen zu können. Dieser Sport ist für sie die einzige Befreiung. Nun haben wir überall Sitzplätze, und die richtigen Fans sind umgeben von Typen, für die Fußball nur Disneyland ist.

Sie wurden wiederholt Ihres Platzes verwiesen, weil Ihre Trompete und Ihre Glocke zu laut waren.
Das muss man sich mal vorstellen! Fußball ist doch kein Theater. Da kommen Leute zu mir und sagen: »Es ist zu laut, ich habe sehr viel Geld für diesen Sitzplatz bezahlt.« Da sage ich: »Du kannst mich mal, ich stehe hier seit Jahrzehnten. Selbst schuld, wenn du dir für diesen Block ein Ticket holst.« Das ist doch so, als wenn jemand ein Haus neben einer Kirche kauft und sich dann darüber beschwert, dass die Glocken läuten.

 
 
 
 
 
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