28.04.2013

John Westwood: Ein Doppelleben zwischen Büchern und Fussball

Hobbys: Lesen und Fußball!

Zuletzt übernahmen die Fans den dahindarbenden FC Portsmouth. Den verrücktesten von allen haben wir einst getroffen. John Westwood, penibler Bibliothekar und Fußball-Wahnsinniger. Er zeigte uns, was die Liebe zu einem Klub anrichten kann.

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Alan Powdrill

Da gibt es diesen Typen, der aus dem Fanblock heraussticht. Er trägt Riesenhut, Perücke, Clownsschuhe, nur eine Weste bedeckt den volltätowierten Oberkörper. Er schlägt unermüdlich seine Glocke, bläst in die Trompete, reißt die Augen auf und brüllt mit seiner tiefen Stimme so laut, dass selbst auf der gegenüberliegenden Seite die Fans angestachelt aufspringen: »Play on, Pompey! Pompey, play on!« Sein Verein ist der englische Verein Portsmouth FC, von den Fans liebevoll »Pompey« genannt. Manche sagen: »Er ist Pompey in Fleisch und Blut. Am Spieltag wird er zum lunatic, zum Wahnsinnigen.« Wenn er sein Team nach vorne schreit, hat er einen Gesichtsausdruck, wie man ihn zuletzt von Mel Gibson in »Braveheart« gesehen hat.

Und da gibt es diesen Typen, der selbstvergessen in alten Büchern aus dem 19. Jahrhundert blättert. Er trägt weißes Hemd und schwarze Hose. Er schreitet durch seinen Buchladen, tippt mit den Fingern auf die verwitterten Umschläge und erzählt die Geschichte ihrer Herkunft. Es ist kein normaler Buchladen, eher ein Antiquariat, ein Labyrinth aus Antiquitäten, Gemälden, Illustrationen, ein Universum aus Büchern, die von Gummibändern zusammengehalten werden und beim Aufschlagen knarzen. Mit tiefer Stimme spricht er in die Stille, als er über den Wald von Regalen blickt: »Das hier ist mein ganzer Stolz.«

Der eine ist John Westwood im Stadion, der andere John Westwood in seinem Job. Ein Mann mit zwei Leidenschaften, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammenpassen: Fußball und Bücher. John Westwood könnte in einem Moment über die Bedeutung von Isaac Newtons Werk dozieren, im anderen seinem Gegenüber zeigen, wie man ein Pint auf Ex trinkt, ohne seine Hände zu benutzen. Leute, die ihn nur aus dem Stadion kennen, halten ihn für einen Durchgedrehten, einen Vollproll. Leute aus seiner Heimatstadt halten ihn durchweg für einen belesenen und intelligenten Gentleman.

 John Westwood, kann man sagen, dass Sie eine gespaltene Persönlichkeit haben?
 Ja, wie Dr. Jekyll und Mister Hyde. In meinem Antiquariat ist alles ruhig und gesittet. Dann kommt das Wochenende: Fußball und der ganze Wahnsinn. Ich bin echt dankbar, zwei Leidenschaften zu haben, den Fußball und die Bücher. Viele sagen, dass sich das widerspricht. Ich finde, dass es sich ergänzt.
   
Wann verwandeln Sie sich?
Portsmouth ist die ganze Woche über in mir. Doch in meinem Laden kehre ich das natürlich nicht so nach außen, im Stadion dann aber umso mehr. Das ist halt meine Art, Emotionen rauszulassen. Aber es ist schon schräg: Wenn ich die Klamotten anziehe, dann passiert auch etwas in meinem Kopf. Eine mentale Veränderung. Batman ist doch auch ein ruhiger Kerl, bis er sich den Umhang anzieht. Aber ich bin nicht Batman, ich bin »Twatman« (»twat« bedeutet »Trottel«, die Red.).

Was kam zuerst: der Fußball oder die Bücher?
Fußball. Boxing Day 1976 (der zweite Weihnachtstag, die Red.), da war ich dreizehn. Ein Heimspiel gegen Brighton. Portsmouth bekam zu dieser Zeit ständig einen drüber, sie spielten in der dritten Liga gegen den Abstieg, während die »Scummers« (Southampton, der große Rivale, die Red.) den FA-Cup gewonnen hatten. Mein Vater war kein großer Fan, aber damals hat er mich aus feierlichem Anlass zum Spiel mitgenommen. Am Boxing Day ist in den Stadien die Hölle los, an diesem Tag waren 32 000 Zuschauer da. Dieser Lärm, diese Fans, der Humor, die Atmosphäre – ich war hin und weg! Und dachte sofort, dass ich dazugehöre. Seitdem komme ich von dem Klub nicht mehr los. Als Pompey-Fan bist du zum Verlieren geboren. Aber darum geht es nicht, es geht um das Zusammensein, um die Leute. Wenn eine Frau dich so behandeln würde, wie ein Fußballverein es tut, dann würdest du sie, so schnell es geht, verlassen. Im Fußball geht das nicht, der Verein ist in deinem Blut.

 
 
 
 
 
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