06.02.2013

Jogi Löw muss neue Reize setzen

Romantisches Dilemma

Bundestrainer Joachim Löw muss in einem Jahr ohne große Highlights neue Reize setzen– schon heute Abend gegen Frankreich. Ein Ausblick.

Text:
Michael Rosentritt
Bild:
Imago

Ein Herr vom französischen Fernsehen stellte Joachim Löw eine knifflige Frage. Die große, alte und fußballerisch aufregendste Ausgabe der Equipe Tricolore, also jene, die Michel Platini durch die Achtziger führte, wird in Frankreich als die der »romantischen Verlierer« betitelt; hoch veranlagt, und doch nicht in der Lage, wenigstens einen Titel gewonnen zu haben. Ob diese Bezeichnung auch auf die aktuelle deutsche Fußball-Nationalmannschaft zutreffe, wurde Löw gefragt.

»Wir sind die Nummer zwei der Welt«

Der Bundestrainer musste sich Zeit nehmen. Man merkte ihm an, dass ihm die Formulierung an und für sich gut gefiel, doch für seine Mannschaft würde er sie nicht durchgehen lassen können. »Wir sind die Nummer zwei der Welt«, hob Löw an, »wir waren bei den letzten vier Turnieren mindestens im Halbfinale. Und in Sachen Spielkultur haben wir eine enorme Entwicklung hinter uns.«

Der Bundestrainer, gerade 53 Jahre alt geworden, ahnte, dass er die Frage zwar wahrheitsgetreu, aber etwas unzureichend beantwortet hatte, auch für seinen Anspruch. Seine Mimik verriet, dass er gern weiter ausgeholt hätte. Dass er gern beschrieben hätte, wo die Mannschaft hergekommen ist, nämlich aus den Zeiten des Rumpelfußballs, und dass es der Mannschaft inzwischen gelingt, großen Fußballnationen spielerisch zu begegnen. Aber eben auch, dass es mit diesen wundervoll veranlagten Spielern noch nicht zum großen Wurf gelangt hat.

Wo muss er als Trainer korrigierend eingreifen?

Löw merkte, dass sich die verführerische Frage gar nicht so einfach beantworten ließ. Und genau das ist Teil des Problems. Was fehlt seiner Mannschaft, die so verführerisch spielen aber auch chaotisch durcheinander geraten kann, zur Titelreife? Wo muss er als Trainer korrigierend eingreifen?

Löw sieht sich solchen Fragen seit dem enttäuschenden EM-Aus gegen Italien im vorigen Sommer und dem alarmierenden 4:4 gegen Schweden im vorigen Herbst immer öfter ausgesetzt. Ein dünnes 0:0 gegen die Niederlande im November konnte die Unruhe, die um die Nationalelf entstanden war, etwas beruhigen. Aber wenn es der deutschen Mannschaft heute Abend im Stade de France gegen Frankreich (21 Uhr, live in der ARD) nicht gelingt zu überzeugen, werden die Fragen an Schärfe zunehmen.

Das Dilemma des DFB-Teams

Der Bundestrainer muss dabei auf eine Handvoll Stammspieler wie Schweinsteiger, Götze, Reus und Klose verzichten. »Ich sehe das Spiel als einen echten Härtetest für uns an«, sagte Löw dennoch. Die Franzosen hätten nach einem 1:1 gegen Spanien und einem 2:1-Sieg über Italien wieder zu alter Stärke gefunden. »Wir müssen eine Topleistung abrufen, aber wir haben trotz der Absagen, über die man sich natürlich Gedanken macht, einen starken Kader beisammen.«

Ein bisschen steckt Löw samt seinem Team im Dilemma. Das vergangene Jahr war irgendwie unbefriedigend, und das neue, also 2013, hält – mal abgesehen von heute Abend – keine emotionalen Highlights parat. Im März stehen zwei WM-Qualifikationsspiele gegen Kasachstan an, nach dem Bundesligaabschluss folgt eine zehntägige US-Reise mit Spielen gegen die USA und Ecuador. Dort werden Löw höchstwahrscheinlich zahlreiche Stammspieler aus München und Dortmund fehlen, die entweder im DFB-Pokalfinale, im Finale der Champions League oder anderweitig bei ihren Vereinen gebunden sind, wie Mesut Özil und Sami Khedira von Real Madrid.

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