Jiri Stajner verlässt Hannover

Onkel Jürgen

Nach acht Jahren Genie und Wahnsinn ist Hannover 96 um eine Attraktion ärmer: Jiri Stajner wechselt zurück in die Heimat und hinterlässt neben einer kreativen Lücke auch eine Menge Abschiedsschmerz an der Leine. Jiri Stajner verlässt Hannover Jiri »Jürgen« Stajner verlässt Hannover. Und dabei hatte man gedacht, dass mit dem Klassenerhalt die Saison, die Hannover ein Überangebot an Hiobsbotschaften beschert hatte, versöhnlich beendet worden wäre. Doch weit gefehlt:  Mit Onkel Jürgen verlässt Hannover nun derjenige, der für viele der Grund war, die Niedersachsen nicht zur Fraktion der »grauen Mäuse« der Bundesliga zählen zu müssen.

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Acht Jahre, von einer halbjährigen Exkursion nach Prag einmal abgesehen, hatte der Tscheche in der Stadt an der Leine verbracht und sich dabei als erbitterter Feind solider Leistungen ausgewiesen. Zuverlässigkeit und Konstanz waren Attribute für den Plebs der Mitspieler, Stajner selbst brauchte das Spezielle, das Außergewöhnliche. Und das oft zur Freude, aber auch zum Leidwesen der Fans. Auf Übersteiger und Hackentricks folgte zumeist ein klägliches Anspiel auf einen schlechter postierten Mitspieler oder eine Flanke in Richtung Sankt Nimmerlein.

90 Minuten unfreiwillige Höchstspannung

Mit seiner Melange aus Genie und Wahnsinn servierte Stajner den Anhängern stets 90 Minuten unfreiwillige Höchstspannung, für die die meisten ins Stadion gekommen waren. Selbst wenn der Gegner Duisburg oder Rostock hieß. Und Stajner schuf sich in seiner Rolle als tschechische Wundertüte nebenbei einen unverwechselbaren, nicht austauschbaren Status bei den Roten. Über keinen der bei 96 Spielenden gingen die Meinungen weiter auseinander bei den Fans, gleichwohl war auch keiner beliebter als  »der Jürgen«. Da konnte Mike Hanke noch so häufig treffen (rein hypothetisch bemerkt) oder Thomas Brdaric sich noch häufiger in Autorennen in Hannovers Innenstadt verstricken lassen – Kult blieb einzig und allein Onkel Jürgen.

Der Mann, der optisch wirkt wie eine Mischung aus Werner Herzogs Nosferatu und dem König der Kirmesboxer, schaffte es einen Mythos um seine Person zu kreieren, der seinen Anhängern selbst die miesesten Leistungen entschuldbar, weil erklärbar machte. Schließlich waren seine hanebüchenen Fehlpässe und Stolpereinlagen lediglich Bestandteil eines geheimen Nullsummenspiels Stajners, welches er an anderer Stelle mit Geistesblitzen der Extraklasse wieder auszugleichen gedachte. Für die gegnerischen Mannschaften blieb er stets die große Unbekannte, bei der sie nicht wussten, ob sie ihn mitleidig ungedeckt lassen sollten – da ja eh jeder Ball versprang – oder es nötig war, zwei, drei Mann zu seiner Bewachung abzustellen.

»Ich spiele mein Spiel – alles andere ist doch scheiße«

Jiri Stajner hat einmal gesagt: »Ich spiele mein Spiel, alles andere ist doch Scheiße.« Dieses Motto treu beherzigend hatte Stajner einen bedeutenden Anteil an den Sternstunden des hannoverschen Fußballs. Der hochverdiente Kantersieg im »Freundschaftsspiel« gegen Real Madrid, der Auswärtssieg bei den Bayern oder auch – ganz bescheiden – der Klassenerhalt im ersten Bundesligajahr der Roten wären ohne Stajner nicht denkbar gewesen.

Der Sudeten-Brasilianer brachte zusätzlich noch einen Hauch Unbeschwertheit und Finesse in den hannoverschen Fußball. Gerade diese Leistung kann ihm nicht hoch genug angerechnet werden. Stajner zieht es nun zurück gen Liberec (den Älteren vielleicht noch als Reichenberg bekannt) und Hannover ist um eine, wenn nicht sogar um die Attraktion ärmer.

Zurück bleibt die Hoffnung, dass Jiri wechselwillige jüngere Geschwister mit einer Vorliebe für Gilde Pilsener hat. Und natürlich die Erinnerung.

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