Jetzt mal im Ernst, Fatih Terim

Keine Wunder bitte!

Da den Türken vor dem Halbfinale gegen Deutschland das Personal ausgeht, erwägt Trainer Terim ebenso kuriose wie drastische Maßnahmen. Doch die türkischen Fans wollen endlich mal ganz normal gewinnen. Jetzt mal im Ernst, Fatih TerimImago Fatih Terim nahm Hamit Altintop in den Arm, als sei sein Spieler ein Schatz, den er nie wieder loslassen wolle. Terims schneeweißes Hemd war von Schweißflecken übersät und ähnelte einer auf den Körper geschneiderten Landkarte. Die Knopfleiste stand weit offen. Mit etwas Phantasie und Überwindung hätte man jetzt auf dem Hemd von Terim Ratespiele veranstalten können. Suchen Sie das Mittelmeer! Das Schwarze Meer! Den Bosporus! Dann Istanbul und Ankara! Und irgendwo, weit entfernt, nordwestlich, sollte Wien zu finden sein.

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Dort oben stand der verschwitzte Terim in der Nacht zum Samstag auf einem Podium, hielt Hamit Altintop im Arm. Altintop klammerte sich an eine Trophäe. Gerade war er zum besten Spieler des Viertelfinalsieges der Türkei gegen Kroatien gewählt worden, doch nicht nur das. Er hatte auch im Elfmeterschießen seinen Versuch, den dritten, souverän rechts unten im Netz platziert - später hielt er eine kleine Rede: »Wir können gegen jeden gewinnen, auch gegen Deutschland.« Kopfnickend schaute Terim zu seinem Musterschüler hinüber, der in Gelsenkirchen geboren ist und in München spielt. "Es ist wichtig, dass wir an uns glauben." Wieder nickte Terim kurz. »Wir haben die Philosophie des Trainers
übernommen.«


In diesem Augenblick drohte die Knopfleiste von der Landkarte zu springen. Terim war gefährlich nah daran, vor Stolz zu platzen. In seinem Heimatland nennen sie ihn nur den Imparator, türkisch für Kaiser. Und in dieser Nacht war Terim der Kaiser von Wien. Will er seinen Stolz behalten bis ins Halbfinale, sollte Terim bis Mittwoch keine heimischen Zeitungen mehr lesen. Oder nur eine kleine Auswahl, solche mit einer hymnischen Botschaft wie Fanatik: »Jetzt werden auch die Deutschen das türkische Feuer spüren.«

»Soll das nach Plan sein?«


Andere Medien wollen beim größten Erfolg des türkischen Fußballs nach Platz drei bei der WM 2002 nicht einfach nur als Jubelkulisse dienen, sie stellen kritische Fragen an den Trainer. Wie Fikret Bila, Kolumnist bei Milliyet: »Terim redet vom Wunder, als wäre das etwas Gutes. Aber Wunder bedeuten auch, dass etwas nicht stimmt. Wir haben kein einziges Mal gut gespielt.«

Das mag stimmen, auch das Viertelfinale war in seiner Mitte so spannend wie das Schäfchenzählen vor dem Einschlafen, ehe es sich doch zu einem furiosen Finale entpuppte: 0:1 Klasnic (119.), 1:1 Sentürk (122.), Elfmeterschießen. Eine Dramaturgie, die man jedoch den Türken kaum generell vorwerfen kann, zumal sie als Außenseiter und zudem ersatzgeschwächt ins Spiel gegangen waren. Fikret Bila aber schreibt, erinnernd an den ähnlich wahnwitzigen Spielverlauf zuvor im Vorrundenspiel gegen Tschechien: »Terim versucht, den Eindruck zu erwecken, er habe alles geplant. Aber erst 0:2 zurückliegen und dann drei Tore schießen - soll das nach Plan sein?«

Das Verhältnis der Medien zu Terim, 54, hat auch der Turniererfolg nicht kitten können. Terim sieht sich weiter vom Vorwurf der Ignoranz und Selbstherrlichkeit verfolgt. Und ob sein jüngster Plan, den er am Sonntag bekannt machte, Gnade vor den heimischen Juroren findet, oder ihm als billige Propaganda ausgelegt wird, bleibt abzuwarten. Aus der Not heraus will Terim seinen Ersatztorwart Tolga zum Feldspieler umfunktionieren. Er wolle sich »nicht den Luxus erlauben«, so Terim, einen Spieler aussuchen zu lassen, wo dieser spiele: »Als Einwechselspieler könnte Tolga zum Ende des Spiels als letzter Mann oder als Mittelstürmer kommen.«

Die Last-Minute-Siege der Türken haben nicht nur Energie, sie haben auch Personal gekostet. Neun der 23 Spieler fallen definitv aus oder drohen auszufallen, die bitterste Diagnose kam am Samstag: Bei Stürmer Nihat vom spanischen Erstligisten FC Villarreal, der bereits zwei EM-Tore erzielte, wurde ein Ödem an der Leiste festgestellt, er muss mindestens sechs Wochen pausieren.

Zudem sind Torwart Volkan (Rote Karte), Verteidiger Emre Asik sowie die gegen Kroatien starken Mittelfeldspieler Tuncay und Arda (jeweils zweite gelbe Karte) in Basel nicht spielberechtigt. Obwohl vier weitere Akteure verletzt sind, ist eine Nachmeldung laut EM-Statut nach dem ersten Turnierspiel ausgeschlossen. Anders als noch bei der EM1996 in England, bei der Berti Vogts das Personal knapp wurde. Damals durfte der Bundestrainer nur fürs Finale gegen Tschechien den dann allerdings nicht mehr eingesetzten Freiburger Jens Todt hinzubestellen. Falls keiner mehr fit wird, hätte die Türkei nur noch zwölf Feldspieler, plus Rüstü und Tolga fürs Tor. Mancher Fan soll inzwischen aber vom Glauben beseelt sein, die Türkei würde sogar noch gewinnen, wenn Terim und sein Cotrainer mitspielen.

Trotz aller personellen Dramen und Kuriositäten hält Terim an seinem Kurs fest. Nicht zurück schauen, nur nach vorne, Lösungen suchen, selbst wenn der Ersatztorwart am Ende allein gegen Deutschland antreten müsste. Das wäre zwar verboten, da eine Mindestzahl von Spielern vorgeschrieben ist, aber wer weiß, was den Wundergläubigen noch so alles einfällt, wenn sie weiter der Linie des Feldherren folgen: »Sie sollen nie aufgeben und keine Angst haben zu verlieren. Sie sollen nicht über Gegentore nachdenken und weitermachen, bis der Schiedsrichter abpfeift.«

Terims Türkei steckt tief im Tunnel. Die Türkei aber, die Terims Türkei von Istanbul aus zuschaut, hat das Projekt bislang noch nicht abschließend gebilligt. »Lieber Terim«, schreibt Hasan Lemal, ein weiterer Kolumnist von Milliyet: »Wir wollen gegen Deutschland ganz normal gewinnen. Ohne Wunder. Wir sind alle todmüde von diesen Last-Minute-Siegen.«


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