Jesus Gil Y Gil, Atléticos Sonnenkönig

Der Klub bin ich

Wie ein Sonnenkönig regierte Jesús Gil y Gil einst den spanischen Klub Atlético Madrid. Er brachte Krokodile mit ins Stadion – und endete im Knast. Unsere Reportage aus 11FREUNDE SPEZIAL »Das waren die Neunziger«.

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Das Problem mit Jesús Gil y Gil war, dass noch die größte Übertreibung hinter der Realität zurückblieb: Der Typ sprengte einfach jeden Rahmen. Ein Zwei-Zentner-Mann mit Boxernase, der Jesus und Che Guevara zu seinen Vorbildern zählte. Ein Multimillionär, der bis zu 80 Gerichtsverfahren gleichzeitig austrug, mehrere Jahre im Knast verbrachte und vor wichtigen Entscheidungen sein Lieblingspferd konsultierte. Ein Aufsteiger aus dem Nest Burgo de Osma, der nach abgebrochenem Tiermedizin- und Wirtschaftsstudium Atlético Madrid eine Rosskur verpasste und Marbella in ein Paradies für Spekulanten verwandelte. Lassen wir einen Experten zu Wort kommen: »Jesús Gil ist superintelligent, weit über dem Durchschnitt. Wenn man ihn morgens nackt in New York aussetzt, geht er abends dort schick essen.« Das sagte er selbst über sich.

Allein an den Anekdoten über ihn könnten sich ganze Psychiater-Kongresse abarbeiten. Eine davon geht so: Gil lud einen Geschäftspartner zum Essen ein. Sich selbst bestellte er acht Spiegeleier, seinem Gegenüber ein Glas Wasser. Als die Platte vor ihm stand, langte Gil mit bloßen Händen hinein, griff sich ein Ei nach dem anderen und ließ es in seinen Schlund gleiten. Anschließend lud er den Gast zu einer Spritztour in seinem nagelneuen Mercedes ein und bretterte mit ihm, eskortiert von sechs Leibwächtern, die Küstenstraße von Marbella entlang. Nach mehreren Minuten brach er das Schweigen: »All das gehört uns. Na ja, eigentlich gehört es mir.« Der Gast soll sehr beeindruckt gewesen sein.

»Man kann ihn hassen oder lieben. Dazwischen gibt es nichts«, sagt Paulo Futre, Ex-Stürmerstar und Ex-Sportdirektor von Atlético Madrid. Er gehört eindeutig zur zweiten Sorte und ist einer der wenigen, der sofort zu einem Gespräch über Jesús Gil y Gil bereit ist. »Für mich war er wie ein Vater. Bis zu seinem Tod haben wir jedes Jahr an Silvester miteinander telefoniert, um uns auszusprechen.« Vielleicht auch, weil die beiden sich gegenseitig groß gemacht haben: Nirgends wird Futre so verehrt wie in Madrid, wo er zweimal den Pokal entgegen nahm, einmal nach einem spektakulären Match gegen den verhassten Stadtrivalen Real. Zu Hause in Portugal kann er unbeobachtet essen gehen, in Madrid vergehen keine zehn Minuten, bis jemand das Klubidol um ein Autogramm bittet. Gil verdankt Futre noch mehr: Er wurde durch ihn zum Boss von Atlético und damit zu einem der einflussreichsten Männer Spaniens. Kein Amt sichert dort so viel öffentliche Aufmerksamkeit ergo politischen Einfluss wie das eines Klubpräsidenten.

Nachdem im April 1987 der langjährige Vereinspräsident Vicente Calderón gestorben war, dürstete die Basis nach einem Neuanfang. Ein kraftstrotzender Selfmademan kam da gerade recht. Wer quasi aus dem Nichts, nur mit ein paar Grundstücksverkäufen, Millionen erwirtschaftet hatte, konnte auch dem durch eine Dauerkrise dümpelnden Verein wieder zu Größe verhelfen. Schluss mit dem »großen Aua« – den wenig schmeichelhaften Beinamen hatte sich der Verein nach dem in letzter Minute vermasselten Europapokal-Endspiel 1974 gegen Bayern München eingespielt. Schluss mit den zehn Jahren ohne Meisterschaft. Die afición sollte endlich wieder stolz auf ihre Vereinsfarben sein! Durch Paulo Jorge dos Santos Futre, den 21-jährigen Dribbelkünstler vom frisch gekürten Europapokalsieger FC Porto.

Einen solchen Spieler konnte sich der hochverschuldete Verein zwar nicht leisten, aber Jesús machte das Wunder möglich: Er lieh sich von Freunden einen Jet und flog nach Italien, wo der FC Porto sein Trainingslager aufgeschlagen hatte. »Er hat mich an den Füßen erkannt«, erinnert sich Futre, »beziehungsweise an den Badeschlappen: Da stand groß mein Name drauf.« Beeindruckt von Gils Charisma sei er gewesen – und wohl auch von dessen großzügigem Angebot: etwas über 300 000 Euro für einen dreitägigen Wahlkampfdienst, 720 000 Euro Jahresgehalt und drei Millionen an Porto bei einem Wahlsieg, 1,2 Millionen Euro für den unwahrscheinlichen Fall, dass er nicht gewählt würde. Noch am gleichen Abend standen Paulo und der Präsidentschaftskandidat auf der Bühne einer Madrider Diskothek vor Hunderten begeisterter Atlético-Anhänger. »So etwas hatte ich noch nie erlebt: Alle schrien sie meinen Namen.« In diesem Moment, sagt Futre, habe er gewusst, dass seine Zukunft begonnen hat. An der Seite Jesús Gil y Gils, der kurz darauf mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde.

Mariano Campos erinnert sich natürlich ganz anders an diese Geschichte. Der Madrider Unternehmer war engster Mitarbeiter des unterlegenen Gegenkandidaten Enrique Sánchez de Léon und einer jener fünf Rebellen, die Jesús Gil wenig später höchstpersönlich zu personae non gratae erklärte und aus seinem Verein werfen ließ. »Für Gil war Atlético doch nur eine Möglichkeit, sein ramponiertes Image aufzupolieren«, glaubt Campos. 1969 war in Los Angeles de San Rafael eine Festhalle des Bauunternehmers zusammengestürzt, 58 Menschen starben. Wegen fahrlässiger Tötung hatte man Gil zu fünf Jahren Haft verurteilt, und 18 Monate später, nach persönlichem Einwirken Luis Carrero Blancos, der rechten Hand des Generalissimus Franco, begnadigt. Dass Gil just im Moment seines wirtschaftlichen Wiederaufstiegs zum colchonero, zum Atlético-Fan, wurde, ist für Campos kein Zufall. Schon einmal hatte sich Gil als Sportfunktionär versucht, sich dabei aber mit Calderón überworfen.

Warum ausgerechnet Atlético zu seiner bevorzugten PR-Waschmaschine wurde? Vielleicht, weil sich kein Klub besser für einen testosteronversprühenden Hau-Ruck-Unternehmer wie Gil eignet: ein Verein, der heute wie damals eine abstruse Mischung aus Stierkämpfern, zweitklassigen Models und Erzbischöfen zu seinen Fans zählt, der aus Achterbahnfahrten zwischen erster und zweiter Liga ein Markenzeichen gemacht hat und stolz auf seine proletarischen Wurzeln verweist. »Ein nicht unerheblicher Teil unserer Mitglieder ist gewissen populistischen Gesten gegenüber empfänglich«, drückt Campos das betont gewählt aus. Quasi als Surplus zur machohaften Großmäuligkeit, die Gil immer wieder unter Beweis stellte, sollte es schlagzeilenträchtige Exzentrizitäten geben: »El Presi« tauchte schon einmal mit angeleintem Krokodil im Stadion auf oder ließ beim Double aus Meisterschaft und Pokal 1996 lebende Elefanten durch Madrid marschieren. Wie sehr Atlétis afición auf Gesten anspricht, sollte sich auch am Wahltag zeigen: »Im ersten Wahlgang hatte unser Projekt noch 1200 Stimmen mehr als das von Gil«, erzählt Campos. Erst als einer »seiner Vasallen«, der populäre Radiomoderator José María García, den Klub überredete, die Urnen länger als vorgesehen zu öffnen, und Gil sich noch einmal mit Futre zeigen konnte, preschte der Herausforderer vor – und wurde mit 6219 Stimmen, fast doppelt so viel wie Sánchez de Léon, zum Präsidenten gewählt.

Damit begann bei Atlético Madrid eine neue Ära. Um es mit Mariano Campos zu sagen: »Mit Gil kam der Feudalismus nach Spanien zurück – schlimmer als im 17. Jahrhundert.« Fotos aus jener Zeit zeigen Gil in Gutsherrenmanier, Hände schüttelnd und Schlüsselanhänger und Sitzkissen an die Armen verteilend. Futres Gehalt bezahlte er aus seiner Privatschatulle, zumindest zu Anfang. »Später kam es auch einmal vor, dass er acht Monate nicht zahlte, weil seine Geschäfte schlecht liefen«, erzählt Futre. Oder weil er aufgemuckt hatte. Oder weil jemand schlecht gespielt hatte. »Wenn er nach Abpfiff zu uns in die Umkleide polterte, versteckte sich die Hälfte der Mannschaft auf dem Klo – und kam erst wieder raus, wenn sie hörte, dass er nicht brüllte«, erinnert sich der Ex-Kapitän. Gil verhielt sich nicht nur so, als gehörte der Klub ihm, er wurde tatsächlich zu seinem Eigentum – durch die Umwandlung des Vereins in eine Aktiengesellschaft. Um mehr Transparenz in das Fußballgeschäft zu bringen, hatte Spanien die »Sociedad Anónima Deportiva« aus der Taufe gehoben, die »Sport-Aktiengesellschaft«.

Unter den Fußballgranden war Gil der einzige Verfechter des Systems. Manche sagen, er habe es erfunden und von Anfang an alles getan, um den Kreis der möglichen Investoren zu beschränken. Tatsächlich machte sich Gil gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Enrique Cerezo handstreichartig zum Alleinherrscher des Klubs, indem er am 31. Juni 1992 um 23.43 Uhr, 17 Minuten vor Ablauf der Frist, 94,5 Prozent der Aktien kaufte. Wobei man kaufen in Anführungszeichen setzen sollte: Gil hat seine Aktienmehrheit über Bürgschaften bezahlt, die sofort wieder zurückflossen. »Sein Regierungssystem entsprach dem von Isabel der Zweiten«, sagt Campos. »Es war Absolutismus in Reinkultur.« Le Club, c’est moi, sprach Gil, löste aus Kostengründen die Nachwuchsabteilung auf und nutzte die Vereinskasse, um Küchengeräte, Dessous, Cremes und fünf Reproduktionen eines Porträts von Ex-Diktator Franco für Familien- und Geschäftsfreunde zu bezahlen.

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