Andreas »Zecke« Neuendorf war ja schon immer einer, der das Kind beim Namen nannte, statt lang und breit um den heißen Brei herumzureden. 2004 spielte Neuendorfs Hertha BSC gegen Schalke 04. Während der Partie erhielt Neuendorf einen Faustschlag von Schalkes Lincoln, scheinbar halb tot geschlagen sank der Berliner zu Boden. Es nützte nicht viel, der Schiedsrichter hatte die Aktion nicht gesehen, Lincoln durfte weiterspielen. Und Neuendorf gab später mit entwaffnender Ehrlichkeit zu: »In der Disco wäre ich nicht zu Boden gegangen.«
Fairness? Nur so viel, wie man sich davon erlauben kann
Machen wir uns nichts vor, so läuft eben das Spiel. Wer die Chance hat, mit einem herzzerreißenden Schrei oder einer Rolle rückwärts den Schiedsrichter von einer Tätlichkeit des Gegenspielers zu überzeugen, der tut es. Wer weiß, an welcher Stelle des Körper der Stürmer der Gegenseite Schmerzen hat, der wird jede Möglichkeit nutzen, diese Schmerzen zu maximieren. Profifußball hat keinen Vorbildcharakter, im Profifußball geht es um gewinnen und verlieren und um eine ganze Menge Kohle. Fairness? Ja, schon. Aber nur so viel, wie man sich davon erlauben kann.
Neuendorfs Aussage von 2004 beweist aber auch das, was jeder Beobachter ohnehin schon weiß: Durchtrainierte Kontaktsportler können eine ganze Menge einstecken, kein Fußballer der Bundesliga würde im Ernstfall von einer Ohrfeige, einer Kopfnuss oder einem Ellenbogenschlag zu Boden gehen. Voll durchgezogene Präzisionsschläge mal ausgenommen. Fußballer sind keine Weicheier. Sie tun nur manchmal so.
Womit wir endlich bei einer Szene wären, die am Sonntagnachmittag die Gemüter zwischen Düsseldorf und Bremen erhitzte. Werders Marko Arnautovic und Düsseldorfs Jens Langeneke tauschten ein paar warme Worte aus, um das lästige Gespräch zu beenden, zuckte Arnautovic einmal kurz mit dem frisch frisierten Schädel zur Seite und drückte seinen Stirnknochen auf die Augenbrauen von Langeneke. Eine formvollendete Kopfnuss. Eine Tätlichkeit. Eine klare Rote Karte.
»...dann hätte Herr Sippel Rot gegeben.«
Doch Langeneke beging einen schweren Fehler. Er reagierte so, wie es Zecke Neuendorf wohl auch getan hätte – zumindest in der Disco. Er blieb stehen, blickte verwundert und schrie dann Arnautovic an. Schiedsrichter Peter Sippel, der die Szene genau beobachtet hatte, rief Arnautovic zu sich – und zeigte dem Österreicher die gelbe Karte. Was wiederum die Düsseldorfer in Wallung brachte. Zu Recht. Die Tätlichkeit hätte mit Rot bestraft werden müssen. Kopfnuss bleibt Kopfnuss bleibt Tätlichkeit. Egal, ob nun Augenbrauen aufplatzen, Nasen brechen, oder der gekopfnusste Spieler zu Boden geht oder nicht.
»Ich bin nicht der Typ, der sich fallen lässt.«
So klar war die Sachlage, dass selbst Arnautovic nach dem Spiel offen zugab, dass er dem Düsseldorfer »im Vorbeilaufen eine mitgegeben« habe. Langeneke, dessen Schädel an diesem Tag einiges einstecken musste (kurz zuvor hatte der Torschütze zum zwischenzeitlichen 1:0 einen Schuss von Eljero Elia mit dem Kopf abgewehrt), war nach dem Spiel verständlicherweise verärgert – obwohl auch seine verbale Nachbetrachtung höchsten Respekt verdiente, so elegant verpackte der Düsseldorfer seine Wut: »Wir haben doch alle Augen im Kopf. Ich bin nicht der Typ, der sich wie vielleicht 95 Prozent aller anderen Spieler hinfallen lässt, auf dem Boden kugelt – wahrscheinlich hätte Herr Sippel dann Rot gegeben.« Viel Wahrheit steckte in diesen Sätzen. Ohne Schiedsrichter Peter Sippel als Sündenbock an den Pranger zu stellen: Die konsequente Theatralik der Bundesligaspieler hat dafür gesorgt, dass sich selbst erfahrene Unparteiische von der Reaktion der »Opfer« in ihren Entscheidungen beeinflussen lassen. Wäre Jens Langeneke wie »95 Prozent aller anderen Spieler« tatsächlich tausend Tode gestorben, das Weserstadion wäre kurzzeitig übergeschäumt, die Spieler hätten hübsche Rudel gebildet – und Peter Sippel hätte Marko Arnautovic wahrscheinlich mit der richtigen Farbe bestraft.
Was lernen wir, was lernt die Bundesliga aus solchen Szenen? Das es jedem Spieler selbst überlassen bleibt, wie er sich am nächsten Tag in den Zeitungen, im World Wide Web, im Fernsehen sehen will. Als gestandener Kerl, der nach einer gegnerischen Berührung oberhalb des Adamsapfels auf Totschlag plädiert? Oder als Fußballer, der zwar alles dafür tut, dass seine Mannschaft gewinnt, gleichzeitig aber nicht nur austeilen, sondern auch einstecken kann?
Jens Langeneke hat mit Fortuna Düsseldorf gegen Werder Bremen verloren. Aber er wird heute morgen sicherlich keine Problem gehabt haben, in den Spiegel zu schauen.